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stern-Gespräch Rushdie wenige Tage vor dem Attentat: Die Gefahr? "Lange her"

Ein weißer älterer Mann mit Halbglatze und grau-weißem Bart sitzt entspannt in Hemd und Anzug auf einer Stufe
Salman Rushdie (Archivbild) fühlte sich wenige Tage vor dem Attentat in New York sicher
© Hannelore Foerster / Getty Images
Nur einige Tage vor dem Attentat auf ihn empfing Salman Rushdie den stern in New York zum Interview. Rushdie sprach auch über seine eigene Bedrohung. stern-Korrespondent Raphael Geiger über einen Mann, der sich sicher fühlte.

Salman Rushdie kam allein ins Büro seines New Yorker Agenten, als ihn der stern vor einigen Tagen zum Interview traf. Lebensgefahr? "Das ist lange her", sagte er, für dessen Tod das iranische Regime 1989 eine Belohnung ausgelobt hatte. "Für einige Jahre war es ernst", sagte Rushdie. "Aber seit ich in Amerika lebe, hatte ich keine Probleme mehr."

Wir hatten das Gespräch mit ihm für die kommende Ausgabe geplant. Ein Gespräch, in dem es viel um Angst ging. Seine eigene Angst damals, die Angst vor einem neuen Faschismus heute, vor einer Rückkehr von Donald Trump. Rushdie warnte vor Trump. Er warnte vor der Gewalt in den USA. "Das Schlimme ist", sagt er, "dass Morddrohungen alltäglich geworden sind." Er warnte und meinte dabei, er wollte nicht zu pessimistisch klingen. "Ich bin von Natur aus Optimist", sagte Salman Rushdie. "Ich schaue nach vorn."

Salman Rushdie fühlte sich frei in New York

Er war ruhig während des Gesprächs, er plauderte, nahm sich Zeit. Fast zwei Stunden lang sprachen wir. Lange schwärmte er von seinen Spaziergängen durch New York, eine Stadt voller Einwanderer. Wie er. New York hatte ihm eine neue Freiheit geschenkt. In Mumbai geboren war er mit 13 Jahren nach England ausgewandert, hatte angefangen, Bücher zu schreiben, darunter die "Satanischen Verse", an denen sich die Mullahs störten. Das Regime in Teheran schickte die Fatwa mit dem Todesurteil gegen ihn per Fax an Moscheen weltweit. Die Prämie für jeden, der ihn töten würde, betrug drei Millionen US-Dollar. Rushdie verbrachte die 90er Jahre untergetaucht, von Polizisten bewacht und in ständiger Gefahr.

Hätte es damals schon die sozialen Medien gegeben, sagte Rushdie, wäre es für ihn "gefährlicher gewesen, unendlich viel gefährlicher." Dass er deshalb heute noch in Gefahr sei, wischte er beiseite. Obwohl Iran das Todesurteil nie zurücknahm, obwohl das Kopfgeld noch immer galt. "Lange her." Immer wieder sagte Rushdie das. "Als ich die ‚Satanischen Verse‘ anfing, war ich 36. Heute bin ich 75." Er sei stolz auf sich, sagte er. "Auf mein damaliges Ich. Aber es ist vier Jahrzehnte her."

"Mein Leben ist wieder sehr normal"

Er saß auf dem Sofa seines Agenten, im 21. Stock eines Hochhauses in Midtown Manhattan, wie jemand, der sein früheres Leben hinter sich gelassen hat. Die Gefahr. Sie war für ihn vorüber. Ein für allemal. "Mein Leben ist wieder sehr normal", sagte er. Seine Bücher würden nicht mehr im Politikteil besprochen, sondern im Feuilleton. Worüber er froh sei. Und eigentlich sei er doch nur ein Schriftsteller, "der zwei oder drei Jahre lang an einem Buch schreibt, und der sich nur, wenn es erscheint, für ein paar Interviews aus seinem Zimmer herauswagt."

Danach, sagte Rushdie, würde er sich am liebsten gleich wieder zurückziehen. Ins einsame Zimmer. Bücher schreiben, sonst nichts. Er dachte, er wäre langsam an dem Punkt. Mit 75. Wir fragten ihn, wie man das macht: einer Gefahr so gelassen zu begegnen? Nicht zu verzweifeln, wenn ein Kopfgeld auf einen ausgesetzt ist? Was war Salman Rushdies Rat an alle, die es angesichts der Weltlage gerade mit der Angst zu tun bekommen? "Man muss aktiv werden", sagte Rushdie. "Gegen die Gefahren tun, was man tun kann."

Fatwa bedeutete Todesgefahr und Berühmheit

Ein bisschen so wie er selbst damals, der keine Wahl hatte. Die Fatwa bedeutete eine Todesgefahr für ihn. Und sie machte ihn weltberühmt. Er konnte nicht mehr der Schriftsteller im einsamen Zimmer sein. Und doch traf er eine Entscheidung: Er würde sich nicht einschüchtern lassen, würde nicht schweigen, er würde ein Symbol sein für die Meinungsfreiheit. Wenn er sprach, der konkret seinen Tod fürchten musste, wer auf der Welt sollte sich dann nicht trauen zu reden?

Am Freitagmorgen war es ein amerikanischer Polizist, der sich in Chautauqua im Bundesstaat New York zwischen Rushdie und den Attentäter stellte. Wenige Tage vorher, im Stern-Gespräch, hatte Rushdie einen Satz gesagt, den wir als Überschrift für das Interview auswählten. Rushdie sagte: "Wir brauchen Kämpfer."

Das vollständige Gespräch mit Salman Rushdie erscheint in der nächsten Ausgabe des stern und bei stern Plus.


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