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Interview

Nach dem Urteil: Missbrauchsfall von Staufen: Opferanwältin wirft Behörden schwere Fehler vor

Über Jahre missbrauchte Berrin T. aus Staufen (48) mit ihrem Lebensgefährten Christian L. (39) ihren Sohn. Sie verkauften ihn im Darknet an Freier. Das Landgericht Freiburg hat alle Angeklagten zu langen Haftstrafen verurteilt. Abgeschlossen ist der Fall damit nicht.

Von Isabel Stettin

In einem der bundesweit schwersten Fälle von Kindesmissbrauch müssen die Mutter des Opfers und ihr Partner viele Jahre ins Gefängnis. Die 48 Jahre alte Berrin T. wurde am Dienstag vor dem Landgericht Freiburg zu zwölfeinhalb Jahren Haft verurteilt - wegen Vergewaltigung, sexuellen Missbrauchs sowie Zwangsprostitution ihres Sohnes. Gegen den Lebensgefährten der Frau, den einschlägig vorbestraften 39-Jährigen Christian L., verhängten die Richter eine Strafe von zwölf Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Damit kommt der Mann auch nach Verbüßung seiner Haftstrafe erstmal nicht frei. Das Paar aus dem badischen Staufen hatte den heute Zehnjährigen mehr als zwei Jahre vielfach vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen (lesen Sie hier im stern den Bericht zum Urteil: "Sie hat ihr Kind vergewaltigt, missbraucht und verkauft - und bleibt dem Gericht ein Rätsel").

Berrin T. (l.) und Christian L. mit ihren Verteidigern vor dem Urteilsspruch im Prozess zum Missbrauchsfall von Staufen

Berrin T. (l.) und Christian L. mit ihren Verteidigern vor dem Urteilsspruch im Prozess zum Missbrauchsfall von Staufen. Der Richterspruch sei angemessen, sagt Opferanwältin Katja Ravat im stern-Interview, es blieben aber viele offene Fragen

DPA

Staufener Missbrauchsfall noch nicht abgeschlossen

Katja Ravat, die Anwältin des Jungen, spricht im stern-Interview über das Urteil, die Rolle der Mutter und wie es nun weitergeht.

Nach dem Missbrauch des Jungen aus Staufen muss dessen Mutter Berrin T. zwölf Jahre und sechs Monate in Haft, Christian L. für zwölf Jahre mit anschließender Sicherungsverwahrung. Wie schätzen Sie dieses Urteil ein?

Es ist tat- und schuldangemessen. Ob es ein Jahr mehr oder weniger ist, ist letztlich eine rechnerische Spielerei. Richtig finde ich, dass die Mutter eine längere Haftstrafe bekommen hat. Unabhängig von seiner Motivation: Christian L., ihr Lebensgefährte, war zumindest hilfreich im Verfahren. Er hat dem Nebenkläger erspart, auszusagen und vor allem dazu beigetragen, dass alle Täter gefunden wurden. Von der Mutter hingegen kam nichts.

Dem Richter zufolge ging sie noch härter vor, als all die anderen: "Wir haben kein anderes Video gesehen, auf dem das Kind solche Schmerzen erlitten hat."

Es gab viele verbale Demütigungen, Fesselungen durch verschiedene Täter, aber eine Handlung, bei der das Kind so vor Schmerz schreit, das haben wir so tatsächlich nur bei der Mutter erlebt. Sie reagierte null darauf, reduzierte nicht, redete ihm nicht gut zu.

Wie erklären Sie sich dieses kalte Vorgehen?

Vielleicht muss man ganz nüchtern feststellen, dass ihr der Partner und die finanziellen Aussichten wichtiger waren als das eigene Kind. Vielleicht kann sie gar keine andere Begründung für ihr Handeln anbieten, weil das, was wir wahrnehmen, schlicht der Fakt ist: Dass Christian L. und Geld die größte Rolle für sie gespielt haben.

Der psychiatrische Sachverständige sprach davon, dass sie "keine Empathie" empfinde. Wie haben Sie sie im Lauf des Verfahrens erlebt?

Genauso. Ich konnte kein Bedauern mit ihrem Sohn erkennen. Fragen hat sie zwar beantwortet, aber unwillig, schnippisch. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, dass sie ihren Sohn entlasten oder ihm etwas vermitteln möchte. Das hat sie auch außergerichtlich bislang nicht getan. Zwei Postkarten hat sie ihm geschrieben und eine kurze Nachricht. Doch was sollte sie ihm auch schreiben nach solch schweren Übergriffen? Einen Entschuldigungsversuch starten, den es ohnehin nicht geben kann?

Das Urteil gegen die Mutter ist rechtskräftig, sie verzichtet auf Rechtsmittel. Laut ihrem Anwalt, um dem Sohn damit zu signalisieren, "dass es jetzt vorbei ist". Wie bewerten Sie das?

Die Aussage ist für mich nichts weiter als eine wohlwollende Stellungnahme des Verteidigers. Sie nahm offenbar zumindest die Ratschläge ihres Anwalts an. Mehr nicht. Ich erkenne keinerlei Einsicht der Mutter, bis zuletzt.

Wie geht es dem Jungen nun - und wie hat er auf das Urteil reagiert?

Er spricht nicht über das Erlebte, auch nicht über seine Mutter. Was ich ihm über die Verhandlungen berichte, nimmt er aufmerksam wahr. Doch er kommentiert nichts davon. Momentan ist er mit seiner Pflegefamilie verreist. Wir haben vereinbart, dass ich ihn im Urlaub nicht damit behellige. Sobald er zurück ist, spreche ich in Ruhe mit ihm über das Urteil. Er kann mir dabei immer sagen, wenn er seine Ruhe haben will.

Mit dem letzten Urteil ist der Fall für Sie nicht abgeschlossen. Wie geht es nun weiter?

Einen Fall wie diesen kann ich nicht schnell ad acta legen. Zunächst geht es um das Schmerzensgeld: Es wird vermutlich lange nicht so viel dabei herauskommen, wie in den Urteilen festgelegt wurde. Ich stelle nun die Anträge. Der Vormund wird das Geld anlegen und verwalten.

Und die weitere Aufarbeitung?

Noch sind zu viele Fragen offen. Im nächsten Schritt geht es um Akteneinsicht im Vorprüfungsverfahren gegen das Jugendamt. Fünfzehn Anzeigen gegen Behördenmitarbeiter sind eingegangen. Ich muss nun klären, von wem und wie diese formuliert sind. Dann geht es um weitere strafrechtliche Schritte. Es spricht einiges dafür, dass wir die Vorwürfe weiterverfolgen sollten.

Wo sehen Sie die Versäumnisse?

Offenbar sind auch die beiden betroffenen Richterinnen am Familiengericht Freiburg und dem Oberlandesgericht Karlsruhe angezeigt worden. Beide hatten damals entschieden, dass der Junge bei der Mutter bleiben soll. Doch mir geht es vor allem um jene, die viele Kenntnisse hatten und nichts gemacht haben. Dabei sehe ich vor allem das Jugendamt in der Pflicht. Die Mitarbeiter dort wussten von der ersten Verurteilung von Christian L., wussten auch viel mehr über die Familie. Es gilt nun zu klären, warum dennoch bestimmte Punkte so wenig beachtet wurden. Ich glaube, dass uns die komplizierten Fragen in diesem Fall noch bevorstehen. 

Hintergrund: Am Dienstag wurde die letzten beiden von insgesamt acht Urteilen im Fall Staufen gesprochen. Neben den beiden Hauptangeklagten Berrin T. und Christian L. wurden sechs Mittäter schuldig gesprochen, die einen Jungen vergewaltigt hatten. Die Angeklagten wurden in Prozessen in Freiburg, Karlsruhe und Kiel zu Haftstrafen zwischen sieben und zwölf Jahren verurteilt, einige von ihnen mit Sicherungsverwahrung.

tkr
Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?
Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.