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Pressestimmen

Missbrauchsfall von Staufen: "Sie waren so eiskalt und so unerhört gemein und grausam, dass einem das Herz stockt"

Eine Mutter aus Staufen und ihr Partner, die ihren Sohn an Vergewaltiger verkaufte, muss für zwölf Jahre in Haft. Ihr Komplize wird lebenslänglich einsitzen müssen. Die deutsche Presse ist sich einig: Die Strafen fallen viel zu niedrig aus.

Das angeklagte Paar vor der Urteilsverkündung

Das angeklagte Paar vor der Urteilsverkündung

DPA

Zwölf Jahre Haft für die Mutter. Zwölf Jahre Gefängnis und anschließende Sicherheitsverwahrung für den Lebensgefährten. Der Fall um ein Paar aus dem badischen Staufen, das den Sohn der Frau an Kinderschänder im Internet vermietete, ist zumindest juristisch aufgearbeitet worden. Doch die deutschen Zeitungen gehen mit der Justiz und den Behörden hart ins Gericht:

"Süddeutsche Zeitung": Nur bei schwerster Schuld, so sagt es die Rechtsprechung, darf die Höchststrafe verhängt werden. Ist eine noch schwerere Schuld denkbar als diejenige, die die Mutter und ihr Lebensgefährte auf sich geladen haben? Sie waren so eiskalt und so unerhört gemein und grausam, dass einem das Herz stockt. Der Missbrauchs- und Vergewaltigungsring, den sie im Darknet aufgebaut haben, wurde aufgedeckt. Aber auch die sogenannten Kunden dieses Missbrauchs- und Vergewaltigungsrings wurden bisher von den Strafgerichten nicht wirklich hart angefasst - mit Strafen zwischen nur siebeneinhalb und zehn Jahren. Diese Strafen sind angemessen, aber nicht ausreichend.

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": Die Spur führt wieder einmal ins Darknet, den anonymen Teil des Internets, in dem sich Millionen Nutzer bewegen. Vom Waffenverkauf bis zum Mordauftrag sind dort schon viele illegale Geschäfte abgewickelt worden. Auch dem Missbrauch hat sich das schwer zu durchdringende "dunkle Netz" weit geöffnet. Der Junge aus Staufen wurde dort anderen Männern gegen Geld zum Sex vermittelt; die Taten wurden gefilmt und verbreitet. Der Vergleich mit früheren Fällen führt nicht weiter. Denn das Internet hat die Möglichkeiten vervielfacht, Menschen zum Missbrauch anzubieten wie auf einem Markt.

"Die Welt": Der Schock von Staufen aber ist damit noch nicht abgeklungen. Kindesmissbrauch findet fast immer in der Familie statt, in einem vermeintlich geschützten Raum, daher ist es ja so schwierig, die Taten überhaupt zu entdecken. Das Thema Kindesmissbrauch gehört zu den abstoßendsten und traurigsten Phänomenen einer Gesellschaft. Nur Offenheit, Aufklärung und ein angemessener Umgang mit dem Thema hilft, dass weniger Kinder leiden müssen. Kinder müssen um ihrer selbst willen geschützt werden - auch, damit sie nicht die Täter von morgen werden.

"Tagesspiegel": Als hätten Mütter weder Aggression noch Triebstärke scheint es oft noch undenkbar, Frauen, die die Kinder geboren haben, als Täterinnen in Betracht zu ziehen. Diese Vorstellung kollidiert mit dem Mythos Mütterlichkeit. Noch im jetzt ergangenen Urteil, das gegen den Mittäter härter ausfällt als gegen die Mutter, könnte ein solcher Wunschrest mitschwingen. Katastrophal ist die Tatsache, dass sich die Justizminister der Länder, zuletzt erneut Anfang 2018, gegen verpflichtende Fortbildungen für Familienrichter aussprechen. Vielmehr sollten sie "neutral" urteilen können unvorbelastet durch fachliche Kenntnisse und Erkenntnisse. In diesem Vakuum der Ignoranz verhallten bisher sogar die Argumente der bundesweit besten Fachleute. "Staufen" ist für die Gesellschaft der Extremfall, der akute Defizite in unerträglicher Schärfe ins Licht hebt.

"Neue Osnabrücker Zeitung": Der Staufener Missbrauchsfall macht fassungslos. Wie kann es sein, dass eine Mutter ihr Kind zur Vergewaltigung anbietet? Wie kann sie es zulassen, dass ihr einschlägig vorbestrafter Lebensgefährte sich dem Kind überhaupt nur nähert? Und warum haben die Behörden so spät eingegriffen, obwohl es doch Hinweise gab? Mutter und Lebensgefährte müssen für mehr als zwölf Jahre hinter Gitter. Sind diese Urteile angemessen? Aus Sicht der Justiz ja. Auf emotionaler Ebene indes genügen sie nicht. Der Junge, das Opfer, ist gerade mal zehn Jahre alt. Er wird sein Leben lang mit dem Trauma zu kämpfen haben.

"Stuttgarter Zeitung": Der Staufen-Prozess bot nicht nur ein Schlaglicht auf das Phänomen Mütter als Täterinnen. Jenseits seiner Monstrosität lenkt der Fall den Blick auf fatale Tabus und strukturelle Missstände. Was hier zutage trat, ist nur die Spitze des Eisbergs.

"Südkurier": Lange Haftstrafen waren für die beiden Hauptangeklagten im Staufener Missbrauchsprozess nicht nur zu erwarten - sie waren unumgänglich. Dennoch sind zwölf und 12,5 Jahre für Christian L. und Berrin T. nichts im Verhältnis dazu, wie lange das Leiden des Jungen und auch des Mädchens weitergehen wird. Denn die beiden Opfer müssen mit dem Erlebten zurechtkommen - vergessen können werden sie die qualvollen Vergewaltigungen nie.

sos