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US-Banden: Mit Macheten in den Straßenkrieg

Sie nennen sich "Bloods", "Crips", "Knockout Honies" - rund 21.000 Gangs gibt es in den Vereinigten Staaten, und immer häufiger schließen sich ihnen schon Siebenjährige an. In vielen Städten herrscht wieder Alarmstimmung.

Nach Jahren relativer Ruhe machen Gangs die Straßen wieder unsicher, sie sind gefährlicher denn je und ihre Mitglieder werden immer jünger. Neben Schusswaffen und Messern greifen sie bevorzugt zur Machete. In den USA ist die Zahl der Gang-Morde von 1999 bis 2002 um 50 Prozent gestiegen, wie eine Kommission der Polizei errechnet hat. Allein im Jahr 2002, dem bisher letzten Jahr mit vorliegender Statistik, gingen etwa 1.100 von insgesamt 16.200 tödlichen Taten auf das Konto von Straßengangs - die höchste Zahl seit 1995.

Es gibt verschiedene Gründe für diese Entwicklung. So befinden sich Abertausende von Bandenmitgliedern, die im Zuge massiver Anti-Gang-Operationen vor allem in der ersten Hälfte der 90er Jahre hinter Gittern landeten, nun wieder auf freiem Fuß. Viele von ihnen sind nach Verbüßung ihrer Haftstrafe in ihr altes Umfeld zurückgekehrt - gestählt durch Gangrivalitäten auch im Knast und voller blutiger Geschichten, die sie vor allem in den Augen von Kindern als "Helden" erscheinen lassen. Das erklärt auch, dass sich immer häufiger schon Sieben- oder Achtjährige Banden anschließen, wie etwa die Polizei in Washington besorgt registriert.

Spezialeinheiten drastisch verkleinert

Bauen die Gangveteranen systematisch neue Netze auf, sind die Behörden machtloser denn je. Fast alle Großstädte haben nach dem erfolgreichen Durchgreifen vor 15 Jahren ihre Anti-Gang-Spezialeinheiten drastisch verkleinert. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurden außerdem zusätzliche Sicherheitskräfte für den Antiterrorkampf abgestellt. Allein die Stadt Cleveland in Ohio etwa hat 25 Prozent ihrer gesamten Polizeibelegschaft eingebüßt.

Dabei ist das "Territorium" der Banden anders als in den 80er und 90er Jahren nicht mehr nahezu ausschließlich auf "klassische" Gangmetropolen wie New York, Chicago und Los Angeles beschränkt, wo sich beispielsweise vor über einer Dekade die berüchtigten "Crips" und "Bloods" blutige Kämpfe um Crack-Kokain lieferten und in der Dunkelheit im Straßendschungel verirrte Autofahrer um ihr Leben fürchten mussten. Zunehmend häufig sind Bandenzellen auch in kleineren Städten und städtischen Vororten mit wohlhabender oder Mittelklasse-Bevölkerung aktiv, etwa in der Umgebung der Bundeshauptstadt Washington. Dort klagt die Polizei zudem über ein weiteres Phänomen: die deutliche Zunahme von Mädchengangs mit Namen wie "Knockout Honies" - die "Süßen mit dem K.o.-Schlag".

Wie groß die Herausforderung geworden ist, geht auch aus einer Umfrage des Justizministeriums aus dem Jahr 2002 hervor: 42 Prozent der an der Erhebung beteiligten rund 2.200 Städte gaben an, dass die Gangaktivitäten schlimmer geworden seien. 87 Prozent der Städte mit mindestens 100.000 Einwohnern berichteten, es gebe zum Teil erhebliche Probleme mit Straßenbanden. In Los Angeles allein wurden nach Medienberichten im vergangenen Jahr fast 200 Morde registriert. Einen Anstieg gab es auch in New York, wo Gangmitglieder in besonders schweren Fällen inzwischen nach Antiterror-Gesetzen vor Gericht gestellt und verurteilt werden.

Bis zu eine Million Mitglieder in rund 21.000 Gangs

Rund 21.000 verschiedene Gangs gibt es nach Schätzungen des Bundeskriminalamts FBI in den USA. Die Gesamtzahl der Mitglieder wird auf 800.000 bis eine Million geschätzt. Allein in Dallas (Texas) gehören nach Polizeiangaben mehr als 5.000 junge Menschen Banden an. In Los Angeles dürfte die Zahl noch weitaus höher sein.

Vor allem der Zuwachs an Latino-Gangs alarmiert die Behörden. Als besonders gewalttätig wird die Bande "Mara Salvatrucha" eingestuft, auch als "MS-13" bekannt. Die in den 80er Jahren von Salvadorianern in Los Angeles gegründete Gang hat sich fast über die gesamte USA ausgebreitet und nach Schätzungen mehr als 10.000 Mitglieder. 103 von ihnen wurden kürzlich in einer US-weiten Großaktion festgenommen - ein Tropfen auf dem heißen Stein. Beliebteste Waffe der "MS-13" ist die Machete - als Gartengerät in US-Geschäften schon für knapp neun Dollar zu haben.

Gabriele Chwallek/DPA / DPA