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Ungeklärte Verbrechen: Wenn Kinder spurlos verschwinden

Es ist der Albtraum aller Eltern: Das eigene Kind ist plötzlich verschwunden. Es taucht nicht mehr auf. Nicht nach Tagen, nicht nach Jahren. Und es gibt keine Spur. Wie leben Mütter und Väter weiter, denen dieses Schicksal widerfuhr?

Von Anette Lache

Kinder vermisst in Deutschland

Eines der vermissten Kinder: Sie pflückte Butterblumen und spielte mit den anderen Kindern Fußball. Inga Gehricke, 5, war mit ihren Eltern und Geschwistern zu Besuch auf dem Wilhelmshof, einer Einrichtung der Diakonie in Sachsen-Anhalt.

Arefs buntes Dreirad steht verlassen im Flur der Flüchtlingsunterkunft. Seit mehr als einem Jahr ist er es nun schon nicht mehr gefahren. Hellgrauer Staub bedeckt den kleinen Sitz.

Mozhda Ismaili weint. Die Angst, die Ungewissheit zermürben. Wo ist Aref, wo ist ihr Kind? Sie hofft schon so lange. Auf eine Spur, einen Hinweis. Auf eine Antwort.

Als Aref am 4. April vergangenen Jahres vom Spielplatz in Wanfried verschwand, war er knapp fünf Jahre alt. Und Mozhda Ismaili dachte in den ersten Nächten ohne ihn, der Tod wolle sie holen. "So hat sich das angefühlt", sagt sie.

Mozhda Ismaili, 24, hat den Krieg in Afghanistan überlebt, anders als ihr Vater, der vor ihren Augen erschossen wurde, anders als ihre 13-jährige Schwägerin, die ertränkt wurde, weil sie ohne Kopftuch Wasser holen gegangen war. Mozhda Ismaili hat auch die monatelange Flucht von Kunduz nach Deutschland überlebt, hat ihr viertes Kind unter schlimmsten Bedingungen im Iran zur Welt gebracht.

Aber Mozhda Ismaili weiß nicht, wie sie den Verlust ihres Sohnes überleben soll.

"Wanfried – hier leben Sie richtig"

Erst im Februar 2016 war sie mit ihrem Mann Abdullah, 30, und den Kindern in der hessischen Kleinstadt südöstlich von Göttingen angekommen. Drei Zimmer bekamen sie von der Gemeinde im Keudellschen Schloss zugeteilt, Bad und Küche teilen sie sich mit den anderen Flüchtlingen in der Unterkunft. An der Fassade des Nachbarhauses hängt ein riesiges Plakat: "Wanfried – hier leben Sie richtig". "Wir waren so voller Hoffnung", sagt Mozhda Ismaili.

Sie zeigt Fotos von Aref: ein Junge mit wilden Locken und einem fröhlichen Lachen. Ihre Augen werden dunkel wie Schiefer.

Wie kann es sein, dass hier ein Kind verschwindet?, fragte sie damals die Polizisten. Kein Land schien ihr sicherer zu sein als Deutschland. Inzwischen weiß sie, dass nicht nur sie in diesem Albtraum gefangen ist.

Es ist die Urangst von Eltern: Das eigene Kind ist von einer Sekunde auf die andere nicht mehr da, verunglückt, weggelaufen oder verschleppt, von einem Sexualstraftäter, Kinderhändlern oder einer Bande, die Kinder als Taschendiebe in die Fußgängerzonen schickt. Wenn das Kind plötzlich verschwindet – und sei es für einen winzigen Moment –, explodiert die Panik im Kopf.

Am 1. Januar 2017 standen in der Vermisstendatei des Bundeskriminalamtes die Namen von 995 Kindern unter 14 Jahren und 1702 Jugendlichen unter 18, darunter insgesamt 1063 Fälle von Kindesentziehung durch einen Elternteil. Hinzuzurechnen wären eigentlich noch die vermissten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, doch deren tatsächliche Zahl ist ungewiss. Viele reisen weiter zu Verwandten, ohne sich abzumelden.

Die Zahlen vom 1. Januar sind eine Momentaufnahme. Täglich werden etwa 200 Fahndungen nach Kindern neu erfasst und etwa genauso viele wieder gelöscht. Vermisste Kinder tauchen fast immer binnen weniger Stunden oder Tagen wieder auf: Die Aufklärungsquote liegt bei 99 Prozent.

Doch einige wenige Namen bleiben in den Computern der Polizei stehen. Namen von Kindern, deren Schicksal bis heute nicht geklärt ist. Namen wie Aref Ismaili, Hilal Ercan, Georgine Krüger, Debbie Sassen, Inga Gehricke, Kinder, deren Geschichten hier erzählt werden.

Die fünfjährige Inga Gehricke verschwand vor zwei Jahren in der Nähe von Stendal, am 2. Mai 2015. Unerklärlich, unfassbar, "wie aus der Welt gebeamt", wie Reimar Klockziem sagt, der Leiter der Ermittlungen. Victoria und Jens-Uwe Gehricke, Ingas Eltern, sind nun erstmals und nur dieses eine Mal bereit, öffentlich über das Verschwinden ihres Kindes zu reden, darüber, wie dieses Schicksal ihr Leben, ihre Familie, ihre Ehe verändert hat. Mozhda Ismaili hatte den Spätnachmittag des 4. April 2016 mit ihren Kindern am historischen Hafen von Wanfried, an der "Schlagd", verbracht. Als sie Aref das letzte Mal sah, zupfte er 30 Meter entfernt Grashalme für das Damwild und die Wildschweine im Tiergehege neben dem Spielplatz. Ein struppiger Schilfgürtel trennte ihn und die Werra, den Fluss.

Kurz nach 18 Uhr ging Mozhda Ismaili nach Hause. Aref war nirgendwo zu sehen. Die Mutter machte sich keine großen Sorgen, vom Spielplatz bis zum Schloss sind es nur wenige Hundert Meter, Aref war vielleicht seinem älteren Bruder hinterhergelaufen, der mit Freunden schon aufgebrochen war. Dem unbekannten Fahrer des dunklen SUV, der an der Einfahrt zum Hafen angehalten und ihr etwas Unverständliches zugerufen hatte, maß sie keine Bedeutung zu.

Doch Aref war nicht zu Hause. Erst suchte Mozhda Ismaili mit ihrem Mann nach ihm, dann mit anderen Flüchtlingen und der Pfarrerin. Ihre Panik wuchs. Schließlich wählte jemand die 110. Feuerwehr und Polizei suchten bis spät in die Nacht, Personenspürhunde wurden eingesetzt, Sonarboote. Alle befürchteten, Aref könnte am Anleger vor der Hafengaststätte in den Fluss gefallen sein, alle außer Mozhda Ismaili: "Aref hatte viel zu große Angst vor dem Wasser."

Flussabwärts gibt es in der Werra drei Rechenanlagen, in denen Treibgut hängen bleibt. Immer und immer wieder wurden sie seither überprüft. Nichts. Auch die Leichenspürhunde, die mehrfach dorthin geführt wurden, schlugen nie an.

"Man kann sich in diesem Fall mehrere Straftaten vorstellen"

"Zunächst gingen wir von einem Unglücksfall aus", sagt Michael Jung von der Kriminalpolizei in Eschwege, der Leiter der "Soko Schlagd". "Aber als dann mehrere Zeugen von diesem ominösen schwarzen BMW X5 mit Berliner Kennzeichen berichteten, konnten wir auch eine Entführung nicht mehr ausschließen."

An drei Stellen wurde der BMW an diesem 4. April in Wanfried gesehen: am Friedhof, vor dem Rathaus und, in der Mittagszeit, direkt vor dem Eingang der Flüchtlingsunterkunft. Das SUV mit der Gebetskette am Armaturenbrett habe auf dem Zebrastreifen geparkt, berichteten Zeugen, eine schlanke Frau mit langen blonden Haaren – möglicherweise Osteuropäerin – sei wenig später aus dem Gebäude gekommen und auf der Beifahrerseite eingestiegen. Die Unbekannte hatte in der Unterkunft niemanden besucht, das ergaben die Ermittlungen. Möglicherweise hatte sie aber Aref gesehen, er war zu dieser Zeit mit seinem Dreirad vor dem Haus.

Die Zeugenbeschreibungen reichten nicht für ein Phantombild, aber die Polizei konnte eines vom SUV-Fahrer am Hafen anfertigen: ein unangenehm aussehender Mann mit Habichtnase und grauem Haarkranz, 60 bis 70 Jahre alt.

Bei der Polizei gingen nach Veröffentlichung der Zeichnung im Internet, in Zeitungen und auf Suchplakaten 120 Hinweise ein. Keiner brachte sie zu Aref. Ältere Berliner BMW-X3- und X5-Halter wurden ohne Ergebnis überprüft. "Man kann sich in diesem Fall mehrere Straftaten vorstellen", sagt Ermittler Jung, "Kinderbeschaffung für ein kinderloses Ehepaar etwa oder eine Straftat, die einen sexuellen oder einen religiösen Hintergrund hat."

Auch die Eltern wurden überprüft. Das geschieht immer, wenn ein Kind vermisst wird. Ist Aref tatsächlich ihr Kind, oder haben die Ismailis ihn womöglich für eine andere Familie mit nach Deutschland genommen und wieder abgegeben? Kann man ausschließen, dass Aref von Freunden oder Verwandten versteckt wird, um die Chancen auf einen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland zu erhöhen? Für keine dieser Varianten fand die Polizei irgendwelche Anhaltspunkte.

Mozhda und Abdullah Ismaili glauben an eine Entführung, sie glauben, dass Aref noch lebt, sogar noch in ihrer Nähe ist. Alles andere darf nicht sein. "Nur manchmal schleicht sich dieser schreckliche Gedanke in meinen Kopf, Aref könnte tot sein", sagt Mozhda Ismaili.

Sie haben nicht einmal ein Grab, an dem sie trauern können

Auf dem Tisch in einem Büro im Hamburger Polizeipräsidium steht eine hohe, hellbraune Papiertüte. Der Ermittler Volker Quast hat sie aus der Asservatenkammer geholt. "LKA 44" und "Verwahrung" steht in roter Schrift auf dem Papier, und in Schwarz: "Ercan, Hilal". Quast zieht einen schwarz-grauen Anorak in Größe 128, eine Jeans und Plateauschuhe in Größe 38 aus der verknitterten Tüte. "Identische Sachen trug Hilal, als sie verschwand", sagt er. Und in der Tüte liegen zwei Haarspangen, eine gelbe und eine rote. Hilals Mutter hatte sie gefunden und wiedererkannt, als sie nach ihrer Tochter suchte. Neben einem Ohrring das Einzige, was sie fand.

Hilal wollte nur einen Hubba-Bubba-Kaugummi kaufen gehen. Sie kam nie zurück.

Als die Zehnjährige am 27. Januar 1999 von ihren Eltern im Stadtteil Lurup vermisst gemeldet wurde, war Quast im Landeskriminalamt für Sexualdelikte zuständig. Er überprüfte für die eingesetzte "Soko Morgenland" einschlägig Vorbestrafte und war deshalb von Anfang an an den Ermittlungen beteiligt. Seit 2005 ist es ganz sein Fall, und als er vor ein paar Monaten in die neue Einheit des Landeskriminalamtes, die "Cold Case Unit", wechselte, nahm er ihn mit. Längst ist er Teil seiner Biografie geworden.

Volker Quast ist in der Wahl der Worte altmodisch, er spricht lieber von "Altfällen" als von "Cold Cases", doch es läuft aufs Selbe hinaus: Quast kümmert sich um lang zurückliegende, ungeklärte Verbrechen, dreht noch mal jeden Stein um, schaut sich jede Aussage noch mal an. Mehr als 100 Aktenordner gibt es zu Hilal, hinzu kommt jede Menge elektronisch gespeichertes Material. Das meiste davon ist auch in Quasts Kopf gespeichert. Bis heute stehen er und eine Polizeipsychologin in engem Kontakt zur Familie des Mädchens. Der Kriminalhauptkommissar ist nicht der Typ, der Menschen mit ihrem Kummer allein lässt.

Gerade einmal 100 Meter sind es von dem neunstöckigen Haus an der Spreestraße, in dem Hilal mit ihrer Familie wohnte, bis zu dem Supermarkt in der Elbgaupassage. Sie lief hin und verschwand auf dem kurzen Weg nach Hause. Der Gemüsehändler in der Passage sah sie noch, als sie an ihm vorbei Richtung Ausgang lief. Sie musste nur noch den kleinen Parkplatz und die Spreestraße überqueren. Zwei weitere Zeugen meldeten sich, zwei Busfahrer, die an diesem Tag einen großen kräftigen Mann beobachtet hatten, wie er auf dem Parkplatz am Arm eines Mädchens im Alter von Hilal gezogen hatte. Die Szene hatte sich ihnen eingeprägt, weil dieser Wikingertyp so gar nicht zu dem kleinen schwarzhaarigen Mädchen gepasst hatte. War es Hilal? Unweit dieser Stelle entdeckte ihre Mutter die Haarspangen und den Ohrring.

Die Spurensicherung, die den Parkplatz Zentimeter für Zentimeter abkämmte, fand darüber hinaus nichts von Hilal: kein Blut, kein Haar, keine Hautschuppe.

Ermittler Quast sitzt in Jeans und kariertem Hemd hinter seinem Schreibtisch und redet nicht lange drum herum: "Wir nehmen an, dass Hilal einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Täter Hilal in ein Auto gezerrt und sie zunächst in eine Wohnung oder ein Haus in der Nähe gebracht hat. Möglicherweise wurde sie später vergraben."

617 Hinweise gingen in den vergangenen 18 Jahren ein. Es meldeten sich Zeugen, die das Mädchen in einem Bordell in Belgien gesehen haben wollten, Leute, die ihre Nachbarn denunzieren wollten, Wahrsager und Wünschelrutengänger. Jedem Hinweis ging Quast nach – und erschien er noch so abwegig.

Es gab sogar mal ein Geständnis: 2005 sagte der wegen mehrfachen Kindesmissbrauchs verurteilte und bis heute in der forensischen Psychiatrie Ochsenzoll einsitzende Dirk A., er habe Hilal ermordet. Doch später widerrief er sein Geständnis, und auch mit modernster Kriminaltechnik konnte ihm nichts nachgewiesen werden. "Es ist nicht auszuschließen, dass er sich nur wichtigmachen wollte", sagt Volker Quast. Über 100 Stunden hatten Beamte Dirk A. nach der Rücknahme des Geständnisses verhört. Vergebens.

Schon wenige Monate nach Hilals Verschwinden war ein anderer Sexualstraftäter in den Fokus der Ermittlungen geraten – er hatte im Mai 1999 ein Mädchen vor einem Supermarkt entführt und missbraucht. Als in seinem Auto Blutspuren gefunden wurden, glichen die Ermittler sie mit der DNA von Hilal ab. Sie stimmten nicht überein. "Wir hatten keine andere Möglichkeit, ihn mit diesem Verbrechen in Verbindung zu bringen", sagt Quast. "Das Fatale ist: Die Gedanken von Hilals Eltern und Geschwistern pendeln seither zwischen diesen beiden Männern. Aber es könnte auch ein unbekannter Dritter gewesen sein."

"Natürlich kann das auch ein Trittbrettfahrer gewesen sein"

Quast und seine Kollegen werden nicht lockerlassen im Fall Hilal: "Wir werden die Ermittlungen nie einstellen, immer wieder bei null anfangen, uns immer und immer wieder die Akten vornehmen. Wir machen weiterhin Recherchen, gehen Datenbanken durch, schauen uns jeden neuen Fall an, ob er Parallelen zu unserem aufweist. Und auch heute noch, 18 Jahre später, suchen wir neue Zeugen und Mitwisser."

Und nach Zeugen von damals: Am 3. Februar 1999, eine Woche nach ihrem Verschwinden, rief gegen 17 Uhr ein Mann bei Hilals Eltern an und bestellte sie zur Christuskirche in Hamburg-Eimsbüttel. Sie sollten allein kommen, ohne Polizei, er könne ihnen zeigen, wo Hilal sei. Das Treffen ging schief, womöglich, weil an der Kirche wegen eines anderen Einsatzes Polizei war. Der Mann meldete sich nie wieder. "Natürlich kann das auch ein Trittbrettfahrer gewesen sein", sagt Quast. "Aber eben auch ein Zeuge, der tatsächlich etwas weiß."

Eine kleine Wohnung im Hamburger Westen. Schon in den ersten Minuten des Gesprächs wird deutlich, wie ohnmächtig sich Hilals Familie immer noch fühlt, wie schwer es ist, dieses Schicksal in die eigene Biografie zu integrieren, auch nach so vielen Jahren.

Abbas Ercan war zwölf, als seine Schwester verschwand. "Ich bin mit Schmerz aufgewachsen und einer riesengroßen Wut auf einen unbekannten Täter. Wer hat uns Hilal weggenommen? Und warum? Auch wenn wir nicht die Hoffnung haben, dass Hilal noch lebt – der Täter soll uns endlich sagen, was er mit meiner Schwester gemacht hat. Vielleicht zeigt er doch noch Reue und gibt uns endlich die Antworten, die wir so dringend brauchen. Nichts ist schlimmer als diese Ungewissheit."

Auch Hilals Vater Kamil findet keine Ruhe: "Für meine Frau und mich ist es immer noch so, als sei es gestern passiert. Genauso schmerzhaft. Weil wir uns nie von Hilal verabschieden konnten, bis heute kein Grab haben, an dem wir trauern können. Ich möchte wenigstens ihre Leiche haben."

Die Ercans haben bis heute kein einziges Bild von Hilal in ihrer Wohnung hängen. Weil sie das nicht aushalten würden. Einige ihrer Sachen bewahren sie in einem Koffer. Auch Hilals Gedichte. Sie hat sie für ihre Mutter geschrieben.

Vielen fehlt es an Liebe oder an Halt

Hilal war zehn, als sie verschwand. Noch häufiger als Kinder verschwinden Jugendliche. Und bei ihnen dauert es meist länger, bis sie gefunden werden, wenn überhaupt. Oft sind sie selbst abgehauen, übernachten in Abrisshäusern, in Parks oder vor Bahnhöfen und riskieren, ausgeraubt oder vergewaltigt zu werden.

Jugendliche reißen aus, weil sie keine Lust mehr auf die Schule haben oder Liebeskummer, weil sie im Internet jemanden kennengelernt haben, weil sie Streit mit ihren Eltern haben oder Verbote unterlaufen wollen. Oder weil ihre Eltern sie seit Jahren grün und blau schlagen. Vielen fehlt es an Liebe oder an Halt. Manche sind auch einfach nur abenteuerlustig.

Allein in Berlin wurden im vergangenen Jahr 4027 Jugendliche vermisst gemeldet. Für sie zuständig sind, neben der Polizei in den Bezirken, Ulrike Rohloff und ihre 14 Kollegen von der Vermisstenstelle des Berliner Landeskriminalamtes, dem LKA 124.

Kriminalhauptkommissarin Rohloff, 49, hat selbst zwei Töchter, 15 und 18 Jahre alt, und manchmal hat sie Angst um sie. "Es gibt Situationen, da setzt bei mir das Kopfkino schneller ein als bei anderen Eltern, auch wenn ich ansonsten entspannt bin. Weil ich weiß, was passieren kann." Rohloffs Töchter kannten schon früh die Maschen, mit denen Täter Kinder anlocken, ihre Mutter hat sie ihnen alle aufgezählt. Bis heute müssen sie, wenn sie woanders übernachten wollen, nicht nur den Namen hinterlassen, sondern auch Telefonnummer und Adresse.

Ulrike Rohloff kann viele traurige Geschichten erzählen. Von Kindern und Jugendlichen, die sich überall wohlfühlen, nur nicht zu Hause. Von Eltern, die ihre Kinder nicht einmal vermisst melden, weil es ihnen egal ist, und irgendwann wendet sich die Schule an die Polizei. Rohloff sagt: "Viele der vermissten Teenager leben in schwierigen Verhältnissen oder in Heimen. Aber manchmal haben wir es auch mit wohlstandsverwahrlosten Kindern aus vermeintlich guten Elternhäusern zu tun."

Vielleicht ist sie an einem schönen Ort, denkt die Mutter

Bei Georgine Krüger traf weder das eine noch das andere zu. Die 14-jährige Berlinerin fühlte sich zu Hause wohl. Sie lebte mit Mutter, Großmutter und Schwester in einer Wohnung in Berlin-Moabit.

Georgine hatte weder Liebeskummer noch Schulprobleme. Sie liebte Bollywood-Filme, wie viele Mädchen in ihrem Alter wollte sie Schauspielerin werden. Die erste kleine Rolle hatte sie nach einem erfolgreichen Casting schon in Aussicht: in der ARD-Serie "Türkisch für Anfänger".

Doch am 25. September 2006 verschwand Georgine. Sie war wie immer nach der Schule mit dem Bus der Linie M 27 nach Hause gefahren und an der Haltestelle Perleberger Straße/Ecke Rathenower ausgestiegen, nur 200 Meter von ihrem Zuhause entfernt. Das war um 13.50 Uhr. Kurz nach 14 Uhr wurde ihr Handy ausgeschaltet, seither fehlt jedes Lebenszeichen. Es ist einer der mysteriösesten Vermisstenfälle der Hauptstadt, nie konnte rekonstruiert werden, was in diesen zehn Minuten geschah. Schnell war die Mordkommission zuständig, ein Kapitalverbrechen eines der möglichen Szenarien. In Kellern und Kanälen, in Wohnungen und Bordellen wurde nach dem hübschen Mädchen gesucht. Vergebens. Auch ihre Handy- und Internetdaten wurden überprüft. Nichts.

Die Ermittler gehen davon aus, dass Georgine zunächst freiwillig mit jemandem mitgegangen oder zu jemandem ins Auto gestiegen ist. "Das kann ein Bekannter gewesen sein, oder ein Fremder hat sie angesprochen und den richtigen Ton getroffen und sie so neugierig gemacht, dass sie mitging", sagt Bernhard Jaß, Leiter der 6. Mordkommission des LKA. "Vielleicht hat ihr jemand eine Model- oder Filmkarriere versprochen. Wir wissen es nicht. Eine gewaltsame Verschleppung wäre zu dieser Zeit an dieser belebten Straße jedenfalls nicht unbemerkt geblieben."

Georgines Mutter lebt schon lange nicht mehr in Moabit. Sie zog ihre andere Tochter groß, das half ihr, weiterzuleben. Als sie sich das letzte Mal öffentlich äußerte (in der "B. Z."), sagte sie, solange sie nicht sicher wisse, was mit ihrer Tochter passiert sei, stelle sie sich Georgine "als Schauspielerin vor. Dort, wo niemand nach ihr sucht, vielleicht in Amerika oder in Indien." Im Land der Bollywood-Filme.

Erst verschwand Debbie. Dann hielt es Anita nicht mehr aus

Manchmal ist es allein die Hoffnung, die einen Vater oder eine Mutter am Leben hält.

Debbie Sassen, Dagmar Funkes kleine Tochter, verschwand am 13. Februar 1996 im Düsseldorfer Stadtteil Wersten – auf dem Heimweg von der Schule. Acht Jahre alt, 120 Zentimeter groß, ein fröhliches Kind in rotem Daunenmantel, rotem Rock und roter Strumpfhose. Bis heute gibt es keine Spur von ihr, nicht den kleinsten Hinweis darauf, was mit ihr geschehen sein könnte.

Zuletzt wurde Debbie von Mitschülern gesehen, unweit des Hinterausgangs ihrer Schule an der Wiesdorfer Straße, gegen 12 Uhr, mit ihrem Schulranzen auf dem Rücken. Von dort aus waren es nur knapp 900 Meter bis nach Hause. Debbie verschwand auf diesen 900 Metern.

Dreieinhalb Jahre später nahm sich Anita, Dagmar Funkes große Tochter, das Leben. Mit 19 erhängte sie sich auf einem Dachboden. Und Dagmar Funke verlor endgültig jeden Halt.

Dezember 2016 an der Ostsee, ein Ferienpark am Rande von Heiligenhafen, eine Bettenburg mit Badestrand. Die Hausflure sind dunkel, die Wohnungen tragen Nummern, keine Namen. Wer hier lebt, lebt anonym. Oder einsam. In den Wintermonaten stehen viele Apartments leer.

Die Wohnung im zwölften Stock ist klein und gemütlich, vom Wohnzimmer aus hat Dagmar Funke einen wunderbaren Blick aufs Wasser. Es riecht nach Patschuli-Räucherstäbchen, Funke trägt Stulpen aus Filz zu ihrem schwarzen Kleid. Auf dem Zeigefinger der rechten Hand steckt ein Silberring mit blauem Stein.

Sie führt schon lange keinen Small Talk mehr. Sofort spricht sie von ihren Töchtern: "Um Anita traure ich. Ich habe sie nach ihrem Selbstmord noch einmal gesehen, in der Rechtsmedizin. Um Debbie trauere ich nicht, das könnte ich nur, wenn ich wüsste, dass sie nicht mehr lebt. Aber das müsste ich doch spüren, oder? Ich spüre es nicht."

Am Morgen des 13. Februar 1996 hatte sie ihrer schlaftrunkenen Tochter noch einen Kuss gegeben und die Bettdecke hochgezogen. "Tschüs, mein Herz", hatte sie wie immer gesagt. Fast fotografisch genau erinnert sie sich an diese Szene. Debbie musste erst eine halbe Stunde später aus dem Haus. Als Dagmar Funke gegen 12.30 Uhr von ihrem Job am Saftstand im Einkaufszentrum zurückkam, hätte sie eigentlich schon aus der Schule zurück sein müssen.

Debbie kam nicht nach Hause. Nicht an diesem Tag, nicht am nächsten. "Ein Polizist sagte zu mir: Machen Sie sich keine Hoffnung, sie ist bestimmt tot."

Dagmar Funke schrie und wimmerte. Sie legte sich in Debbies Bett, um ihr Kind zu riechen. Sie kroch in ihren Kleiderschrank, um ihr Kind zu fühlen. "Nach und nach hat es mir die Seele zerfressen."

Valium, Alkohol, Zerstörung. Dagmar Funke hielt das Warten und die Angst um ihr Kind immer weniger aus. "Anfangs dachte ich noch, mit der Kraft meiner Gedanken kann ich sie wieder nach Hause lenken. Aber sie kam nicht." Irgendwann wog sie nur noch 34 Kilo, weil sie glaubte, nichts essen zu dürfen, während Debbie vielleicht hungern muss.

Kind vermisst: Wie viel Leid hält eine Mutter aus?

Dann gab es Hoffnung, Trost. Dagmar Funke bekam noch zwei Kinder. Und sie dachte, vielleicht geht das Leben ja doch weiter. Bis Anita sich umbrachte. "Anita kam am wenigsten mit Debbies Verschwinden zurecht, sie war so wütend auf diese Welt, in der so etwas passieren kann. Sie war radikaler als ich, ich konnte mich letztlich nicht umbringen."

Wie viel Leid hält eine Mutter aus? "Je länger Debbie verschwunden war, desto schlechter ging es mir", sagt Dagmar Funke. Sie gab sich die Schuld an dem, was geschehen ist: weil sie ihre Tochter nicht von der Schule abgeholt hatte. "Ich habe mir das bis heute nicht verziehen. Und auch für Anita hätte ich mehr da sein müssen."

Dagmar Funke ließ nach Anitas Tod ihre beiden kleinen Töchter bei ihrem Exmann zurück und floh an die Ostsee. "Ich stehe heute noch zu meiner Entscheidung, so schmerzhaft sie war", sagt sie. "Ich dachte damals konkret an Suizid und daran, meine Kinder mit in den Tod zu nehmen. Wäre ich nicht gegangen, wäre vielleicht eine dieser Familientragödien passiert."

Jahrelang rang Dagmar Funke um alles. Ums Überleben, um eine passende Therapie, um eine Strategie, wie man existieren kann nach solchen Schicksalsschlägen. Als sie wieder einmal glaubte, es nicht zu schaffen, nahm sie Schlaftabletten, trank Starkbier, lief in die Ostsee. Seenotretter zogen sie aus dem kalten Wasser. Das war vor ein paar Jahren. Als vor einigen Monaten die Selbstmordgedanken zurückkamen, suchte sie sich sofort Hilfe in einer Klinik. "Ich will ja leben. Denn die Hoffnung, dass Debbie noch lebt, ist bis heute sehr stark."

"Mein Herz will nicht wahrhaben, dass mein Sohn nicht mehr wiederkommen könnte", sagt Mozhda Ismaili, Arefs Mutter. "Er war doch kein Vogel, der einfach so wegfliegt."

Maddie