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Prozessbeginn in Ansbach: Georg K. lockte laut Anklage Bruder seiner Frau aus Wohnung, dann tötete er sie und die Kinder

In Ansbach beginnt der Gerichtsprozess um den Vierfachmord von Gunzenhausen. Der 31-jährige Angeklagte soll seine Ehefrau und den drei Kindern eine heimtückische Falle gestellt haben.


Angeklagter im Landgericht Ansbach, Tatort in Gunzenhausen

Der Angeklagte wird in den Saal des Landgerichtes Ansbach geführt. Er soll in einem Gunzenhausener Hochhaus seine Frau und drei Kinder ermordet haben

Am Landgericht im bayerischen Ansbach hat der Prozess gegen einen 31-jährigen Familienvater begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft Georg K. Mord in vier Fällen vor: Er soll vor knapp einem Jahr seine 29 Jahre alte Ehefrau und seine drei Kinder im Alter von drei bis neun Jahren getötet haben.

Bei seinem Gewaltexzess folgte der Angeklagte offenbar einem perfiden Plan, so schilderten es die Ermittler nach der Bluttat: Georg K. wohnte mit seiner Ehefrau und den drei Kindern in der dritten Etage eines Hochhauses, in der Nähe des Bahnhofs im mittelfränkischen Gunzenhausen. Immer wieder gab es Streit in der Familie, auch Gewalt und Bedrohungen. So wie 2013, als der Familienvater einen Strafbefehl kassierte, weil er drohte, seine beiden Söhne umzubringen. Als dramatisch empfand seine Frau die Situation seinerzeit – aber das wird schon wieder, dachte sie. Wie so oft.

Schlug Georg K. seine Kinder?

In der Woche vor dem Mord bemerkte die 29-jährige Mutter, dass ihre beiden Söhne gerötete Wangen hatten. Hat ihr Ehemann die Kinder wieder einmal geschlagen? Wenig später stand ein Streifenwagen vor dem Hochhaus in der Bismarckstraße. Die Beamten beschrieben die Lage in der Wohnung später als "beruhigt". Doch habe ihnen die Frau ihre Absicht signalisiert, sich trennen zu wollen, nach all den Handgreiflichkeiten und Demütigungen. Die Polizisten handelten: Georg K. musste die Schlüssel zu der gemeinsamen Wohnung abgeben, er durfte sich vorerst nicht in der Nähe seiner Familie aufhalten und auch keinen Kontakt aufnehmen. Einsichtig habe sich der Mann gezeigt, wie Hermann Lennert von der Ansbacher Kripo seinerzeit erklärte. Er habe die schriftliche Anordnung unterschrieben und sei dem Platzverweis nachgekommen. Die Mutter wollte vorübergehend mit ihren Kindern bei ihrer Schwester im Landkreis Ansbach unterkommen.

Drei Tage nach dem Vorfall kehrte sie in ihre Gunzenhausener Wohnung zurück, gemeinsam mit ihrer Tochter und den beiden Söhnen. Doch schon in der Nacht war die Angst zurück: Gegen zwei Uhr sah sie ihren Noch-Ehemann vor dem Hochhaus und wählte den Notruf. Wieder fuhr eine Streife in die Bismarckstraße. "Die Beamten haben eine deutliche Gefährderansprache durchgeführt und eine Ingewahrsamname angedroht", sollte Georg K. noch einmal gegen das Kontakt- und Annäherungsverbot verstoßen, sagte Kripomann Lennert. Er habe nur reden und etwas Kleidung abholen wollen, habe er sich gerechtfertigt. Zur Sicherheit kam noch in der Nacht der Bruder der Frau in die Wohnung, passte auf sie und seine Nichte und Neffen auf. Schon wenige Stunden später wurde seine Hilfe gebraucht, denn Georg K. tauchte wieder an der Wohnung auf. Sein Schwager schickte ihn weg, die Polizei wird jedoch nicht wieder verständigt. "Das wäre eine Möglichkeit für die Ingewahrsamnahme gewesen", stellte Lennert später fest.

Am nächsten Tag, einem Montag, lief die bayerische Bürokratie weiter: Die Polizei schickte schon am Abend nach dem Verdacht auf die Schläge Faxe an zuständige Behörden und ans Frauenhaus, es wurden Beratungstermine vereinbart: Jugendamt, Polizei, Gericht. "Es ist dabei deutlich geworden, dass die Frau die Absicht hatte, sich endgültig von ihrem Mann zu trennen", sagte Polizist Lennert.

Morde in Gunzenhausen dauerten keine zwei Minuten

Einen Tag später, früh am Morgen des 26. Juni 2018, fuhr Georg K. wieder mit dem Auto in die Gunzenhausener Bismarckstraße. Sein Plan stand da schon fest, waren sich die Ermittler sicher. Er hatte sich ein Fleischermesser mit einer 16 Zentimeter langen Klinge bei sich, zog es aus der Hülle und ging einige Meter bis zu dem Hochhaus, in dem er noch bis vor kurzem mit seiner Frau und den Kindern gelebt hatte. Gegen fünf Uhr verließ ein Nachbar das Haus, machte sich auf den Weg zur Arbeit. Bevor die Haustür wieder ins Schloss fiel, konnte sich Georg K. ins Treppenhaus schleichen, ergaben die ersten Ermittlungen. Auf einem Treppenabsatz zwischen dem vierten und dem fünften Stockwerk wartete er. Von hier hatte er die Wohnungstür seiner Noch-Ehefrau in der dritten Etage im Blick. Er zog sich seine Schuhe aus und hielt das Messer bereit. 

Um 5.36 Uhr griff Georg K. im Treppenhaus zum Handy und sagte seinem Schwager, er könne jetzt – wie sie tags zuvor besprochen hatten – das Bündel mit der Kleidung an die Straße bringen, er würde es gleich in Empfang nehmen. Kurz nachdem sich der Schwager auf den Weg nach unten gemacht hat, schlich auch K. auf seinen Socken hinab: An die Wohnungstür, hinter der seine Frau und die drei Kinder schliefen. Die Tür schloss schon länger nicht mehr richtig, es war ein Leichtes, auch ohne Schlüssel in die Wohnung zu kommen. Georg K. setzte seinen Plan um. Keine zwei Minuten später waren drei Kinder und eine Frau tot. "Es hat sich in der Tat ein absoluter Vernichtungswille ausgedrückt", beschrieb Staatsanwalt Michael Schrotberger nach dem Vierfachmord das, was dort im dritten Stockwerk des Hochhauses geschehen ist.

Unten an der Straße wartete der Bruder und Onkel der Getöteten auf seinen Schwager, er zündete sich eine Zigarette an. Minuten vergingen. Dann ein Geräusch aus dem Hochhaus, ein Knall oder ein Schlag. Er habe sich in dem Moment – nach der Vorgeschichte von seiner Schwester und ihrem Ehemann - schon gedacht, dass da etwas nicht stimmt, erzählte er später den Kripobeamten, und sei hochgerannt. Die Wohnungstür war offen, in der Wohnung stand ihm sein Schwager gegenüber, das Fleischermesser in der Hand, er war blutverschmiert. Georg K. drehte sich um, lief durch die Wohnung zum Balkon und sprang vom dritten Stockwerk in die Tiefe. Noch während er mit Becken- und Lungenverletzungen im künstlichen Koma lag, erließ ein Richter Haftbefehl gegen den 31-Jährigen, wegen vierfachen Mordes aus Heimtücke.

Nach dem Vierfachmord in Gunzenhausen herrschen Trauer und Entsetzen

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DPA

Der Prozess vor dem Landgericht in Ansbach soll nun zeigen, ob sich alles so abgespielt hat, wie es die Ermittler nach der Tat beschrieben. Die Vorgeschichte wird eine Rolle spielen, auch die Psyche des Angeklagten. Doch nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurde der aus Kirgisistan stammende Mann mit deutscher Staatsbürgerschaft aufgrund eines vorläufigen psychiatrischen Gutachtens aus einer forensischen Klinik in eine Justizvollzugsanstalt verlegt. Es habe sich kein Anhaltspunkt für eine Erkrankung ergeben, die zur Tatzeit relevant gewesen wäre.

Für den Prozess sind drei Verhandlungstage angesetzt. Der Angeklagte schwieg zum Prozessauftakt. Insgesamt sollen 21 Zeugen und sechs Sachverständige gehört werden. Das Urteil soll am 15. Mai fallen.

Foto von Lisa und Leon
mit DPA-Material