HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

Sylvia Margret Steinitz: Emanzitiert: Die Verteidigung der Malbücher

Wer Ausmalbilder liebt, fürchtet sich vor dem Erwachsensein, behaupten ansonsten kluge Köpfe. Wie verhält es sich dann mit Politikern, die Spielzeugeisenbahnen besitzen? Moment, das ist natürlich etwas ganz anderes!

Eine Hand führt einen Buntstift über ein Ausmalbild

Malbücher für Erwachsene – nur keine Sorge!

Die Verkleidung, in der Herablassung gegenüber Frauen daherkommt, ist nicht immer gleich zu erkennen. Aber sieht man genauer hin, sind es mitunter scheinbar harmlose Bereiche des Lebens, in denen sich tief sitzende Vorurteile am deutlichsten zeigen. So nehme ich eine gewisse "Sorge" der deutschen Intelligenzia um Käuferinnen von wahr, die es seit einiger Zeit auch für 18+ gibt. Sie träten damit eine Art Realitätsflucht an, heißt es, unternähmen gar den Versuch den Prozess des Erwachsenwerdens umzukehren und offenbarten damit im Grunde nichts anderes als den Wunsch nach einem Zustand töricht-seliger Verantwortungslosigkeit. "Eine skurrile Reaktion auf die Wucht der Emanzipation", versuchte mir ein ansonsten kluger Kopf zu erklären und schickte noch ein treusorgendes "Nicht jede Frau ist eben so wie du" hinterher. Ich nickte ernsthaft, und wäre mir seine Meinung nicht vollkommen gleichgültig, hätte ich ihm erzählt, womit ich neulich einen Regennachmittag bestritten habe.  

Auch ich konnte mich nämlich der Anziehungskraft dieses neuen Trendhobbys nicht zur Gänze entziehen. Ich besorgte also "für meine Tochter" eine Ausgabe des Malbuchschlagers "Mein Zauberwald", malte gemeinsam mit dem Kind hingebungsvoll verschnörkelte Eulen und Schlösschen aus und wurde zu ihrer hellen Freude zum Rumpelstilz, wenn sie wild drauflos kritzelte, statt schön innerhalb der Linien zu bleiben. Abgesehen von diesen Ausbrüchen wurde es ein ruhiger Nachmittag mit meinem Kind, an dessen Ende ich mir jedoch durch ein grobes Täuschungsmanöver (absichtliches Überblättern) zwei besonders hübsche Zeichnungen für mich alleine sicherte. Auszumalen nach 20 Uhr. Und stellen Sie sich vor – weder hielt mich die Beschäftigung mit diesem Ausmalbuch davon ab, in der Woche darauf für zwei Flüchtlingsfamilien Wohnungen zu finden (in Hamburg!), noch verlor ich über dem andächtigen Spitzen von Buntstiften den Blick für das sonstige Weltgeschehen. Ich schaffte es sogar, zusätzlich ein Buch über Vordenker im Frankreich des 18. Jahrhunderts zu lesen.

Das gesellschaftlich legitimierte Kind im Manne 

Hinter dem schnoddrigen "Ausmalbücher, pfff!“, das ich oft vernehme, steht eine Form von Herablassung, die Männern so gut wie nie zuteil wird. Noch nie habe ich etwa gehört, dass der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer für sein Amt ungeeignet sei, weil er eine Spielzeugeisenbahn im Keller hat. Im Gegenteil: Das seehofersche Stellpult wurde schon zur Schlüsselstelle für politische Entscheidungsprozesse hochgeschrieben. Oder nehmen wir das im Grunde doch recht schlichte Briefmarkensammeln: "Dabei kommt mein Erhard so schön runter.“ Panini-Alben vollkleben: "Haha, wie amüsant und hipsterdings!“ Das sind harmlose Kindereien, natürlich, allerdings vom gesellschaftlich legitimierten "Kind im Manne“ ausgeübt – und somit von verständnisvollem Lächeln begleitete Entspannungsriten eines schwer an der Last seiner Bedeutsamkeit tragenden Geschlechts. Aber Malbücher? Infantilisierender Schwachsinn für von der Welt überforderte Biedermeierinnen!

Ich habe eine offene Buntstiftfetischistin in meiner nächsten Umgebung. Sie ist in ihrem Hauptberuf Krankenschwester auf der Kinderintensivstation, dem herzzerreißendsten Ort im ganzen Krankenhaus. Hier landen halbtot geprügelte Babys, nach Sportunfällen querschnittgelähmte Jugendliche, Kinder mit riesigen Augen, die nach der fünften Operation in ihrem kurzen Leben schon wieder auf eine Welt voller Schläuche und piepsender Geräte starren. Immer wieder stirbt ihr einer ihrer kleinen Patienten unter der Hand weg, die Verzweiflung des Teams muss jedoch warten, weil die Eltern noch viel verzweifelter sind und betreut werden müssen. Wenn diese Heldin, die für ihre Arbeit einen vergleichsweise lächerlich geringen Lohn erhält, nach Hause kommt, was glauben Sie, liest sie dann? Nicht den neuen Glavinic, auch nicht den Dossier-Teil der "Zeit“, sondern die neue Ausgabe von "Flow“. Sie wissen schon, das Magazin mit ziergerahmten Lebensweisheiten zum Heraustrennen und Bastelanleitungen für persönliches Glück. Es gibt sogar eine Sonderausgabe. Richtig: das "Flow"-Ausmalbuch! "Flow" ist eine Zeitschrift, die – schenkt man oben erwähnter Intelligenzia Glauben – die Realitätsflucht einer ganzen Generation beschleunigt und möglicherweise das weibliche Gehirn auf Dauer in Spitzenbortenschnipsel zersetzt. Meine erwähnte Heldin hat zwar auch ein "Zeit“-Abo, eine Wand voller Literaturklassiker und mich neulich um den neuen Glavinic gebeten. Aber sie weiß, was ihr gut tut und vor allem wann. Sie hat übrigens eine liebe Kollegin, die "Flow“ ebenfalls mag. Diese Kollegin liest nicht die "Zeit“, hat auch keine Literaturklassiker zuhause. Trotzdem hat sie es trotz des eingehenden Studiums dieser gehirnzersetzenden Zeitschrift geschafft, bei der österreichischen Präsidentschaftswahl nicht den rechtspopulistischen Kandidaten zu wählen. Wie übrigens die Mehrzahl der Frauen.  

Nur keine falsche Scham

Nun muss man Malbüchern für Erwachsene nicht die Bedeutung der Schriftrollen von Qumran beimessen. Man muss sie auch nicht verschämt zu "Meditationshilfen“ erheben, wie das immer wieder geschieht und was mich an die Achtziger Jahre erinnert, als Vibratoren in Versandhauskatalogen als "Nackenmassagegerät“ angepriesen wurden. Ein Ausmalbuch ist ein Ausmalbuch, wunderbar kindisch und gerade deshalb so entspannend. Wie eine Spielzeugeisenbahn. Oder ein Panini-Album. Bloß: Die Art und Weise, wie diese harmlose Freizeitbeschäftigung von manchen Meinungsführenden genutzt wird, um gerade bei Frauen mangelnde Reife und chronische Weltflucht, ja geradezu krankhafte Infantilität zu diagnostizieren, ist entlarvend in ihrem paternalistischen – und ungleichen – Ansatz.

Als Streiterin für die Gleichberechtigung halte ich es daher für meine Pflicht Sie auf eine Entdeckung meiner Tochter hinzuweisen. "Stickeralbum!“, quietschte sie neulich im Spielzeugladen freudig. Ich trat ahnungslos näher – und eine neue Welt tat sich auf! Ganze Hefte voller Marktplätze, Zoogehege und Ponyhöfe, dazu Bögen mit hunderten Pferde-, Mädchen- und Kleidchenaufklebern, mit denen man die Szenen komplettieren kann. Mir war sofort klar, dass dies einigen Konfliktstoff barg und kaufte "Miss Melody Sticker World“ deshalb zwei Mal. Eines ist für mein Kind. Eines für nach 20 Uhr – als Übergangslösung, denn die geschätzte Industrie möge bitte schleunigst eine Version für Erwachsene liefern. Gerne mit Bahnhof und Eisenbahn.


Zum Shitstorm? Durch die Tür hinaus, zur linken Reihe, jeder nur einen Post.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren