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Emanzitiert: Urteil gegen Bill Cosby - ein Sieg für #metoo? Leider nein.

Bill Cosby wurde vor Gericht wegen sexueller Nötigung schuldig gesprochen. Wenn das Urteil das Resultat der Wellen war, die #metoo geschlagen hat, ist dies jedoch kein Grund zur Freude.

Bill Cosby

Bill Cosby ist im Prozess wegen sexueller Nötigung schuldig gesprochen worden. 

DPA

Es war sein Ritual. Ansprechen, nach Hause einladen, kleine blaue Pillen verabreichen, ficken, freundlich verabschieden, Tür zu. Und wenn eine muckt, bisschen drohen. Er hatte nichts zu befürchten, er war der reichste Entertainer Amerikas, der Darling der Nation.

Wie viele Frauen Bill Cosby über mehrere Jahrzehnte auf die immer gleiche Art vergewaltigte, weiß niemand, fast 60 Frauen haben ihn beschuldigt, man vermutet weitere Opfer. Als Andrea Constand im Jahr 2005 Anzeige erstattete, wurde nicht einmal Anklage erhoben. Sie hatte die Möglichkeit, aufzugeben oder weiterzumachen. Sie entschied sich fürs Durchhalten. Und erhielt jetzt, fast 14 Jahre nach der Tat, vor Gericht Genugtuung. Ihr Peiniger, der Dad der amerikanischen Nation, Dr. Cliff Huxtable aus "Bill Cosbys Familienbande": schuldig.

Bill Cosby wird wohl im Gefängnis sterben

Er ist jetzt über 80 Jahre alt, das Strafmaß beträgt bis zu 30 Jahre. Bill Cosby wird wohl im Gefängnis sterben. Weil der Schuldspruch im Monat sechs nach Start von #metoo erfolgte, ist man versucht, diesen als Sieg für die Bewegung zu verbuchen. Vielleicht ist es so. Vielleicht hat #metoo die Wahrnehmung von Taten wie denen, die Bill Cosby verübt hat, tatsächlich verändert. Gut möglich, dass die Geschworenen unter dem Eindruck der Berichte zahlloser Frauen standen, die unter dem berühmten Hashtag schilderten, welche Folgen Belästigung und Vergewaltigung für ihr Leben hatten.

Betrachtet man aber die tausenden von abgewiesenen Klagen und Freisprüchen, die es bei ganz ähnlich gelagerten Fällen seit dem vergangenen Oktober gab, ist das Cosby-Urteil ein Einzelsieg, ein Promi-Urteil nach öffentlichem Druck, ein Ereignis, das mit dem Leben von Millionen von Frauen da draußen nicht viel zu tun hat. Denn es ist noch lange nicht Standard, dass ein Richter einer Frau, die zu einem Mann ins Haus ging, nicht vorhält: "Was dachten Sie denn, was er von Ihnen will?" Es ist noch lange nicht Standard, dass eine unter Drogen und Alkohol gesetzte Frau als nicht konsensfähig gilt. Es ist noch lange nicht Standard, dass die Strategie der Verteidigung versagt, die Klägerin oder Zeugin als Schlampe oder Lügnerin oder generell als charakterlich minderwertig hinzustellen, weil sie zu Sex erst bereit war, es sich dann aber anders überlegte und das auch sagte.

Ein mahnendes Zeichen

Das Urteil gegen Bill Cosby mag für manche mächtige Täter ein mahnendes Zeichen dafür sein, dass ihr Geld und ihr Status sie nicht immer vor dem Gesetz schützen werden. Aber solche Urteile gab es immer wieder. Und wenn das Urteil gegen Bill Cosby das Resultat der Wellen war, die #metoo geschlagen hat, dann beunruhigt mich das mehr, als es mich freut. Recht sollte unabhängig von der öffentlichen Stimmung gesprochen werden. Und unabhängig vom Promistatus des Beschuldigten. Das Urteil gegen Bill Cosby hilft nicht der Kellnerin, die ihren Arbeitgeber, nicht dem Jungschauspieler, der den Theaterdirektor, nicht der Redakteurin, die ihren Herausgeber anzeigt.

Das, was so viele sich von der #metoo-Bewegung erhoffen, ein echter Kultur- und Strukturwandel, wurde mit diesem Urteil weder herbeigeführt noch initiiert. Was wir jedoch erhalten haben, ist ein Ausblick auf eine mögliche Zukunft. Eine Zukunft, in der Menschen, die ihre Macht missbrauchen um andere auszubeuten und zu traumatisieren, die klare Botschaft erhalten: Sexuelle Selbstbestimmung ist das Recht jedes Menschen und steht unter dem Schutz des Gesetzes. Und dieser Ausblick sollte uns alle ermuntern, #metoo weiterzuführen. Und weiterzudenken.


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