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Mordkommissar über Ermittlungen im Fall Tanja Gräff: "Diese Fälle gehen dir nie aus dem Kopf"

Tanja Gräff war über Jahre wie vom Erdboden verschluckt: Keine Spur, aber tausend offene Fragen. Der stern sprach mit einem Mordkommissar darüber, was solche Fälle mit den Ermittlern machen.

Die Suche nach Tanja Gräff dauerte jahrelang - eine Tortur für Angehörige und Ermittler

Die Suche nach Tanja Gräff dauerte jahrelang - eine Tortur für Angehörige und Ermittler

Richard Thiess ist inzwischen pensioniert. Mit zähen, scheinbar aussichtslosen Ermittlungen wie im Fall Tanja Gräff kennt er sich trotzdem nur zu gut aus: Über viele Jahre war er stellvertretender Leiter des Mordkomissariats in München. Im Interview gibt er Auskunft darüber, wie anspruchsvoll solche sogenannten Altfälle für alle Betroffenen sind.

Herr Thiess, haben Sie den Fall Tanja Gräff besonders aufmerksam verfolgt?

Ehrlich gesagt nicht. Ich kenne die Informationen, die über die Medien gegangen sind. Aber mit einer detailierte Beurteilung kann ich leider nicht dienen.

Das müssen Sie auch nicht. Wir wollten mit Ihnen darüber sprechen, wie es sich für die Polizeibeamten anfühlt, wenn jahrelange Ermittlungen einfach keine Fortschritte bringen.

Das sind Fälle, die dir nie aus dem Kopf gehen. Man stellt sich tausend Fragen, immer wieder: Wo kann man noch ansetzen? Welche Hinweise haben wir vielleicht übersehen? Wir hatten in München über 70 solcher Altfälle, an denen wurde viele Jahre gearbeitet.

Wie können wir uns diese Arbeit vorstellen? Wann ist im Alltag überhaupt Zeit dafür?

Bei uns im Mordkommissariat war jeder von uns für zwei bis drei Altfälle verantwortlich - als Pate, sozusagen. Wir entwickelten alle einen unglaublichen Ehrgeiz für jede Spur, wir waren Feuer und Flamme. Es tauchen ja manchmal auch nach Jahren noch neue Zeugen auf. Aber die Ermittlungen haben sich im Laufe der Zeit sehr verändert. Früher war ein Mordfall ein schmaler Leitz-Ordner, da stand alles darüber drin. Mit den heutigen Standards hat man schnell 70, 80 Ordner pro Fall.

Welchen Einfluss hat die immer modernere Technik auf die Ermittlungen?

Der Fortschritt in der DNA-Technik ermöglicht immer genauere Treffer. Das ist schon erstaunlich, wenn man die Anfänge miterlebt hat. Wir hatten 2001 in München übrigens den ersten Fall, der per DNA-Abgleich aufgeklärt wurde.

Die modernen Methoden halfen im Fall Tanja Gräff lange nicht weiter, weil es keine Spur von ihr gab. Was sagen Sie zu den Vorwürfen, die Polizeikollegen in Trier hätten womöglich schlampig gearbeitet?

Wie gesagt, ich bin an dem Fall nicht nah genug dran. Ich kenne weder die Örtlichkeit noch die Maßnahmen. Ich werde mich nicht erdreisten, die Arbeit der Ermittler zu bewerten. Natürlich könnte man argwöhnen, dass womöglich fünf Meter zu früh mit der Suche aufgehört wurde. Wir hatten in München auch mal einen Fall, da haben wir - wie sich später herausstellte - 50 Meter vor dem Ablageort der Leiche aufgehört zu suchen.

Wie gehen die Ermittler mit der Kritik der Angehörigen um?

Altfälle sind für die Ermittler die schwierigsten, aber für die Angehörigen ist es natürlich noch viel schlimmer. Ich habe Eltern und Familien gesehen, die daran zerbrochen sind, dass Kinder verschwunden und nie wieder aufgetaucht sind. Die Trauerarbeit kann eben erst beginnen, wenn die Leiche gefunden wird.

Wie haben Sie persönlich auf öffentliche Kritik reagiert?

Ich wurde aufs Übelste beschimpft: als einseitig, als blind, als deppert. Teilweise haben Angehörige die Vorwürfe über die Presse verbreitet. Aber ich habe ein dickes Fell. Das muss man in diesem Beruf auch haben.

Es ist einfach an Ihnen abgeprallt?

Das ist nicht immer einfach. Vieles darf man nicht öffentlich sagen, weil es sonst Einfluss auf die Ermittlungen nehmen könnte. Man wird als hirnlos beschimpft und kann sich nicht rechtfertigen, obwohl man eigentlich viel mehr weiß. Da steht man natürlich da wie ein Trottel.

Tim Sohr
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