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"Wenn man nichts sagt, sprechen andere für einen"

Ich bin Israeli und lebe in Deutschland. Vor drei Monaten wurde ich in der Berliner U-Bahn angegriffen. Was schlimmer ist: Mein Fall wird immer wieder für Hasspropaganda instrumentalisiert.

Ein Gastbeitrag von Shahak Shapira

Shahak Shapira wurde in der Neujahrsnacht von sieben wahrscheinlich arabischen jungen Männern in einer Berliner U-Bahn verprügelt. Der 26-jährige Israeli lebt seit zwölf Jahren in Deutschland.

Shahak Shapira wurde in der Neujahrsnacht von sieben wahrscheinlich arabischen jungen Männern in einer Berliner U-Bahn verprügelt. Der 26-jährige Israeli lebt seit zwölf Jahren in Deutschland.

Drei Monate sind mittlerweile vergangenen seit dem Vorfall in der Neujahrsnacht in Berlin, der mir zwei Minuten Pseudo-Fame bescherte. Für die paar Fäuste, mit denen mich die süßen Boys in der U-Bahn nicht mal richtig getroffen haben, hat sich das voll gelohnt: Interviews, Buchvertrag, Treffen mit Außenminister Steinmeier, gratis Catering (da schlägt mein jüdisches Herz höher). Sogar Markus Lanz hat mich eingeladen. Und mir dann abgesagt. Markus. Fucking. Lanz. Hat MIR abgesagt. Das ist so, als würde dich das hässlichste Mädchen im Dorf beim ersten Date sitzen lassen.

Doch jedes Mal, wenn ich denke, meine Zeit als Z-Promi wäre nun vorbei, sagt der Zentralrat der Juden wieder was Dummes, und dann darf ich nochmal ran. Oder zum Beispiel letzte Woche, als die Polizei einen der möglichen Angreifer aus der U-Bahn festgenommen hat. Neben anderen hochqualitativen Medien wie etwa die "Bild"-Zeitung hat ein gewisser Michael Mannheimer in seinem Blog über die bösen islamistischen Angreifer berichtet. Mannheimer, nach eigener Aussage einer der bedeutendsten Islam-"Experten" Deutschlands, dürfte Ihnen bekannt sein, nachdem er vergangene Woche den Airbus-Piloten nach unwahrscheinlich umfangreicher Recherchearbeit als Islamist "entlarvt" hat.

Jihad gegen den gesunden Menschenverstand

Wenn Michael Mannheimer, eigentlich Michael Merkle, nicht grade seinen Jihad gegen den gesunden Menschenverstand im Internet auslebt, zieht er mit der Gurkentruppe von Pegida durch die Straßen, ausgerüstet mit einem Megafon, mit dem er seine Hetze gegen Ausländer, insbesondere Asylanten und Muslime, vor riesigen Menschenmassen verbreitet. Das sind in der Regel rund acht Personen, vier davon Polizisten. Er erzählt dann von einem Migrantenanteil von 40 Prozent in Deutschland, dabei sind es gerade mal 20 Prozent, und natürlich von der Islamisierung des Abendlandes, einer absolut realistischen Gefahr bei dem überwältigenden Anteil an Muslimen in Deutschland von maximal fünf Prozent. Ironischerweise hatte Mannheimer selbst bis vor Kurzem eine Klage wegen Volksverhetzung am Hals, genau wie meine Angreifer.

Schreibt die Emma bald über mich?

Wie kommen solche Typen auf die Idee, mit ihrer verlogenen Pseudo-Sympathie meinen Fall für ihre Hasspropaganda zu instrumentalisieren? Was kommt als nächstes? Schreibt die "Emma" bald über mich, weil Frauen seltener Juden angreifen? Mir ist das ganz recht. Hauptsache Steinmeier lädt mich wieder auf so einen fancy Sektempfang ein (Ich mache nur Spaß, bitte lade mich nicht wieder aus).

Aber mal im Ernst: Wenn man nichts sagt, sprechen andere für einen. Und sagen Dinge, die man selbst nie sagen würde. Pegida-Deppen, Antisemiten, sogar israelische Politiker aus der rechten Ecke, die behaupten, man wäre als Jude in Europa nicht mehr sicher. Als wäre die ultimative Lösung, sich nach Israel zu verkriechen und sich dort einzumauern. Dort wird übrigens auch gegen Muslime gehetzt, nur kommt es da direkt vom Ministerpräsidenten.

Angst muss ich aber nicht haben. Jeder Mensch, der andere toleriert und der selbst toleriert werden möchte, wird mir seine Unterstützung geben. Und ich habe in den letzten Monaten festgestellt: Es sind ganz schön viele. Angst sollten eher diejenigen haben, die es sich trauen, unsere Stadt mit ihrem Hass zu beflecken. Also ich bleibe. Mindestens bis zum nächsten Sektempfang mit Steinmeier. Vielleicht gibt es diesmal Spätzle.

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