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Drohender Antisemitismus: Zentralrat der Juden warnt vor Kippa in Deutschland

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland rät davon ab, in "Problemvierteln" Kippa zu tragen. Junge Juden sehen das anders.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Kippa-tragen nur noch in "sicheren" Gegenden?

Kippa-tragen nur noch in "sicheren" Gegenden?

Es ist keine gute Botschaft, die der neue Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, für Deutschland hat: In einem Radiointerview riet er angesichts des wachsenden Antisemitismus' davon ab, in Problemvierteln Kippa zu tragen. So heißt die Kappe auf dem Hinterkopf religiöser, männlicher Juden.

"Die Frage ist, ob es tatsächlich sinnvoll ist, sich in Problemvierteln, in Vierteln mit einem hohen muslimischen Anteil, als Jude durch das Tragen der Kippa zu erkennen zu geben, oder ob man da besser eine andere Kopfbedeckung trägt", sagte der Nachfolger von Dieter Graumann im RBB. Und reißt damit Wunden auf, die die deutsche Politik mit jedem neuen Anschlag auf Juden in Europa - sei es der Supermarkt in Paris mit vier Toten oder der erschossene Wachmann vor der Synagoge in Kopenhagen - verzweifelt zu verbinden sucht.

Dass Juden im Jahr 2015 in Deutschland Angst haben müssen, weil sie Juden sind, dürfe nicht sein, da sind sich eigentlich alle einig. Allen voran Kanzlerin Angela Merkel. Doch nun meint Schuster, sie hätten auch in Deutschland Grund dazu.

"Dumme Idee"

Ihm widersprechen allerdings junge Juden in Berlin. Wie zum Beispiel Shahak Shapira, der sich in der Neujahrsnacht mit jungen Muslimen angelegt hat, die antisemitische Sprüche klopften. Trotz Blessuren stellte der 26-Jährige sofort klar, dass der Vorfall nicht repräsentativ für Berlin sei. "Ich würde ohne Angst mit einem goldenen Davidstern, der an meinem beschnitteten Schniedel baumelt, durch die Stadt spazieren, wenn das mein Ding wäre", sagte Shapira im Januar.

Auch auf Schusters Rat reagiert er trotzig: "Soll man sich nun auch die Vorhaut wieder drankleben, damit man in den 'Problemvierteln' beim Duschen nicht auffällt?" Es sei eine "dumme Idee, bei der eigenen Misshandlung auch noch mitzumachen und sich selbst mit der eigenen Kultur vor lauter Angst einzuschließen", so Shapira im Gespräch mit dem stern.

Berlin im Test

Der Schauspieler Amit Jacobi hat für das "Vice"-Magazin gleich die Probe aufs Exempel gemacht: Mit Kippa auf dem Kopf lief er in der vergangenen Woche durch die Berliner Stadtteile Schöneweide, Neukölln, Kreuzberg, Mitte und über den Alexanderplatz. Außer ein paar komischen Blicken sei ihm und seinem Begleiter mit der versteckten Kamera nichts aufgefallen.

Völlige Entwarnung will er trotzdem nicht geben: Es sei gut, dass es so gelaufen sei, sagte Jacobi hinterher. Aber "natürlich bedeutet das nicht, dass es in Deutschland keinen Antisemitismus gibt. Das zu behaupten, wäre Schwachsinn."

Tatsächlich ist die Zahl antisemitischer Straftaten hierzulande im vergangenen Jahr gestiegen. Laut der Amadeu-Antonio-Stiftung wurden aus 788 registrierten Fällen 2013 ein Jahr später 1076. Und die Dunkelziffer liege deutlich höher. "Viele Straftaten werden nicht angezeigt, was auch an der sehr niedrigen Aufklärungsquote liegt", sagt der Stiftungssprecher Jan Riebe der "Heilbronner Stimme".