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Pressestimmen

Antisemitische Attacke in Berlin: "Zeit, dass sich die Gesellschaft endlich gegen die Hasser, Verächtlichmacher und Verharmloser wehrt"

Bei einem antisemitischen Übergriff in Berlin sind zwei junge Männer, die Kippas trugen, beleidigt und attackiert worden. Einer der Täter, ein arabisch sprechender Mann, schlug mit einem Gürtel auf eines der Opfer ein. So bewertet die Presse die Attacke:

Ein erneuter antisemitischer Übergriff in Berlin sorgt für Empörung: Drei Unbekannte beleidigten und attackierten laut Polizei zwei Kippa tragende junge Männer auf einer Straße im Stadtteil Prenzlauer Berg, wobei ein Opfer durch Schläge mit einem Gürtel leicht verletzt wurde. Politiker und Verbandsvertreter reagierten entsetzt, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach von einem "ganz schrecklichen Vorfall". So kommentiert die Presse den Angriff:

"Rheinische Post"

Ein junger Israeli mit Kippa wird in Berlin von einem arabischen Jugendlichen attackiert und beschimpft. Es ist offener Judenhass, der auf dem im Internet kursierenden Video zu sehen ist - selbst wenn das Opfer gar kein Jude ist. Ein Einzelfall? Eher nicht. Antisemitische Übergriffe durch muslimische Personen sind Alltag, man muss nur mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinden oder Sicherheitsexperten reden. Genaue Zahlen gibt es nur deswegen nicht, weil antisemitische Vorfälle in der Kriminalstatistik unter politisch motivierte Fremdenfeindlichkeit subsumiert werden. Das ist zu grob. Dieses Land braucht Klarheit über die Zahl der Vorfälle und klare Antworten. Judenhass darf in Deutschland keinen Platz haben, das gilt für alle, die hier leben wollen, auch Zuwanderer. So hat es Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble treffend gesagt. Wir dürfen uns an Judenfeindlichkeit nicht gewöhnen, wie es in manchen französischen Stadtteilen passiert. Es fängt bei einer Bestrafung junger Täter wie dem hasserfüllten Schläger aus Berlin an. Was macht eigentlich der Antisemitismus-Beauftragte?

"General-Anzeiger"

Das Judentum gehört seit jeher zur deutschen Gesellschaft. Zeit, dass sich diese Gesellschaft endlich konsequent gegen die Hasser, Verächtlichmacher und Verharmloser wehrt. Schulen und Lehrer müssen so ausgestattet werden, dass sie Toleranz vermitteln und bei Intoleranz Härte zeigen können. Islamverbände und Moscheen müssen klar Position beziehen. Die Justiz muss alle Mittel ausschöpfen. Und jeder Einzelne muss Antisemitismus entgegentreten, wo immer er auf ihn stößt.

Adam hält die Kippa, die den Angreifer auf seinen jüdischen Glauben aufmerksam machte

"Frankfurter Allgemeine"

Öffentliche Boykottaufrufe gegen Juden stehen in einer mörderischen Tradition - und sind heute wieder ernst gemeint. Das geschieht in Zeiten unkontrollierter Einwanderung. Aber es ist unverantwortlich, Muslimen pauschal eine Abneigung gegen Juden zu unterstellen. Vertriebene Palästinenser bringen eigene Erfahrungen mit Israel mit, die ebenso zu achten sind wie die Zeichen ihrer Religion. Das Kopftuch hat bei Staatsdienern nichts verloren, darf aber ebenso wenig das Ziel von Angriffen sein wie das Kreuz oder die Kippa. Die historische Verantwortung Deutschlands bezeichnete die Bundeskanzlerin als Teil unserer Staatsräson. Was daraus konkret mit Blick auf den Staat Israel folgt, der seinen siebzigsten Geburtstag feiert, muss immer wieder neu entschieden werden. Aber Deutschland darf niemals dulden, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion angegriffen werden.

"Straubinger Tagblatt"

Es wird Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen. Ein Antisemitismusbeauftragter reicht dazu nicht aus. Die entschiedene Ablehnung jeder Form von Antisemitismus und das Bekenntnis zum Existenzrecht Israels müssen Teil der deutschen Leitkultur werden. Was Kritik an Israels Politik nicht ausschließt. Wer aber gegen Juden hetzt, sie bedroht oder gewalttätig wird, muss auf entschiedenen Widerspruch stoßen. Und, sofern er keinen deutschen Pass hat, aus dem Land gewiesen werden.

"Frankfurter Rundschau"

Ein paar Demos, die Benennung eines Antisemitismusbeauftragten - alles schön und gut, aber es reicht nicht. (...) Eindrucksvoll führt hingegen die Cafékette Starbucks vor, wie entschlossenes Vorgehen gegen Rassismus aussehen kann: Nachdem in einer Filiale (...) zwei Afroamerikaner schwer diskriminiert wurden, schließt das Unternehmen alle seine Cafés in den USA (...) für einen halben Tag und lässt sämtliche 175.000 Mitarbeiter in dieser Zeit ein Training gegen rassistische Vorurteile und Diskriminierung absolvieren. (...) Was für ein klares Zeichen! Es sagt: Nicht bei uns, das dulden wir nicht. (...) Politiker (...) müssen sich klarmachen, dass der Bürger merkt, wenn das Kränzeablegen in Gedenkstätten zur Routine herabsinkt.

"Schwäbische Zeitung"

Unerträglich, eine Schande: Die Worte, mit denen Politiker den neuerlichen Fall von gewalttätigem Judenhass mitten in Deutschland verurteilen, sind deutlich - und zeugen doch von Hilflosigkeit. Selbst wenn der Angegriffene Kippa-Träger in diesem Fall kein Jude war: Der Hass, der ihm begegnete, war echt. Wieder ist für viele Juden das Gefühl, in Deutschland sicher aufgehoben zu sein, ein Stückchen weiter geschwunden. Der Vorfall fügt sich ein in eine Zeit, in der antisemitische Lieder gut genug für die höchste Auszeichnung der deutschen Musikindustrie sind. Und in der Pädagogen ratlos feststellen, dass der Begriff "Jude" auf deutschen Schulhöfen wieder als Schimpfwort gebraucht wird. Über letzteres Problem berieten just an diesem Mittwoch die Kultusminister der Länder mit dem Zentralrat der Juden - nun hatten sie tagesaktuellen Diskussionsstoff.

Erst jüngst wurde die antisemitische Hetzschrift der "Protokolle der Weisen von Zion" im Landtag von einem Redner der AfD relativiert - dies als Erinnerung an jene, die den Judenhass auf ein Problem muslimischer Zuwanderer reduzieren möchten. Wahr ist aber, dass die Ankunft einer großen Zahl von Muslimen die Lage für Juden hierzulande noch angespannter gemacht hat. Zuwanderern sollte klar vermittelt werden: Wer Hass gegen Juden sät oder auslebt, ist in Deutschland nicht willkommen. Im Alltag mangelt es an solcher Klarheit zu häufig.

mad / AFP / DPA