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Antisemitismus: "Fühle mich nicht mehr sicher": Juden sprechen über das Tragen einer Kippa in Berlin

Wie gefährlich ist es wirklich, in deutschen Großstädten mit einer Kippa auf die Straße gehen? Zwei Berliner Juden berichten von ihren Erfahrungen.

Ein Jude trägt eine Kippa mit einem aufgenähten Davidsstern

Der Zentralrat rät Juden: Tragt besser keine Kippa mehr auf der Straße (Symbolfoto)

Picture Alliance

Sollte man als Jude in deutschen Großstädten öffentlich eine Kippa tragen? Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat aus Sicherheitsgründen gerade davor gewarnt: "Ich würde Einzelpersonen tatsächlich davon abraten müssen, sich offen mit einer Kippa im großstädtischen Milieu in Deutschland zu zeigen." Das sagte Schuster dem Rundfunk Berlin-Brandenburg. Auslöser der Aussage war der brutale Gürtelangriff eines Syrers auf einen jungen Mann mit Kippa im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg.

Adam hält die Kippa, die den Angreifer auf seinen jüdischen Glauben aufmerksam machte


Doch ist das Verstecken jüdischer Symbole - und damit auch einem Teil der eigenen Identität - wirklich der richtige Weg? Sind deutsche Städte so judenfeindlich? Wir haben mit zwei Berliner Juden über ihre Erfahrungen, "importierten Antisemitismus" und die perfide Taktik der gesprochen.

Judentum: Mit einer Kippa durch Berlin 

Dow Michael Gilkman ist in Jerusalem geboren und 2003 mit seiner Familie nach Deutschland gekommen. An der Berliner Humboldt-Universität studiert der praktizierende Jude, der jeden Tag seine trägt, Biologie und Physik auf Lehramt.

Sigmount Königsberg ist 1960 in Saarbrücken geboren und arbeitet heute als Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Dort hilft und berät er unter anderem von Antisemitismus betroffene Juden. Er selbst versteht sich als säkularer Jude und trägt keine Kippa.

Wie stehen die beiden zu dem Rat von , in deutschen Großstädten besser keine Kippa mehr zu tragen? "Es ist schade, dass wir an diesem Punkt angekommen sind, dass wir dazu aufgerufen werden, unsere Kippa nicht öffentlich zu zeigen", sagt Student Gilkman. Weil die Aussage nicht ganz unbegründet sei, habe er zwar Verständnis für den Rat, betont aber gleichzeitig, dass es ebenso Stimmen gebe, die fordern, seine Kippa gerade jetzt öffentlich zu tragen - "um zu zeigen, dass wir da sind".

"In Neukölln gehe ich nur ungern mit Kippa auf die Straße"

Ob Glikman seine eigene Kippa trägt, hänge in erster Linie davon ab, wo er sich in Berlin aufhalte. Und auch die Uhrzeit spiele für ihn eine wichtige Rolle: "Ich wohne in der Nähe vom Prenzlauer Berg und Wedding. Hier laufe ich gerne frei mit Kippa herum." Dort habe er sich bislang immer sicher gefühlt. Eigentlich. Denn das Video, in dem ein Mann auf offener Straße - und am helllichten Tag mitten in Berlin-Prenzlauer Berg - von einem Syrer mit einem Gürtel attackiert wird, hat auch ihn geschockt. Nun wolle auch er nochmal überdenken, ob er seine religiöse Kopfbedeckung weiterhin öffentlich präsentiert. Dass er in Stadtteilen wie Neukölln nur ungern öffentlich mit Kippa auf die Straße gehen würde, steht für den Studenten dagegen schon lange fest. Zu viele negative Erfahrungen habe er dort gemacht. Und obwohl er betont, dass er eigentlich zu seiner Religion steht, versteckt er seine Kippa sogar in der Uni. Der Grund ist schnell benannt: "Ich will einfach keine unnötigen Gespräche führen müssen."

Auch Sigmount Königsberg hat Verständnis für die Aussage von Josef Schuster: "Es ist einfach nicht ungefährlich auf der Straße. Ich kann daher wirklich nur empfehlen, seine Kippa beispielsweise unter einer Basecap zu verstecken." Er selbst sei zwar bisher nicht zusammengeschlagen worden, aber wenn Leute mitbekommen würden, dass er Jude ist, werde er häufig direkt auf die Politik Israels angesprochen: "'Was macht deine Regierung da unten?' Dabei bin ich doch deutscher Staatsbürger. Meine Regierung wird von Angela Merkel angeführt." Das erlebten ganz vielen Jüdinnen und Juden genau so täglich in . Praktisch würde ihnen damit die deutsche Staatsbürgerschaft abgesprochen, so Königsberg. "Man gehört nicht dazu. Damit fängt es doch an." Und es bleibe nicht immer "nur" bei Worten. In seinem Bekanntenkreis nehme er sehr wohl wahr, dass sich das Sicherheitsgefühl verändert habe. Immer mehr Juden würden öffentlich diskriminiert und angegriffen.

Zeigen, dass es modernes Judentum gibt

Davon kann Glikman auch ein Lied singen. Als er einmal mit einer Kippa auf der Straße in Berlin unterwegs war, habe ein Auto neben ihm angehalten. Dann habe ein Mann die Fensterscheibe heruntergekurbelt, seinen Arm ausgestreckt und laut "Heil Hitler" gerufen. Während der Student von solchen Vorfällen berichtet, wirkt er ungewöhnlich locker. Er ist nicht verbittert. Er versucht, das Positive zu sehen: "Ich finde es, ehrlich gesagt, gut, dass die Diskussion über Antisemitismus jetzt da ist." Er freue sich zum Beispiel darüber, dass sich aktuell immer mehr Studienverbände gründen und ihre Stimme erheben, gegen Judenfeindlichkeit vorgehen und öffentlich zeigen, dass es in Deutschland modernes Judentum gibt. Trotzdem fühle er sich nicht zu 100 Prozent sicher: "Es ist nun mal in Deutschland eine Abnormalität, Jude zu sein. Wir sind immer noch eine unbekannte Minderheit." Mit Dingen, die man nicht so gut kennt, könnten viele einfach nicht umgehen. Das wiederum führe häufig zu Anfeindungen.

Antisemitismus nach Deutschland "importiert"?

Der Anstieg antisemitischer Vorfälle ist für den Lehramtsstudenten schnell erklärt. In den vergangenen Jahren habe sich etwas verändert. "Ich nenne es mal 'importierten Antisemititsmus', der auch mit den Anti-Israel-Demonstrationen von 2014 (2014 führte Israel einen Krieg gegen die Hamas im Gaza-Streifen, Anmerkung der Redaktion) verstärkt auf die Straßen getragen wurde."

Obwohl offizielle Statistiken zeigen, dass 95 Prozent aller antisemitischen Straftaten in Deutschland aus dem rechten Spektrum kommen, sagt auch Simount Königsberg, dass Antisemitismus in Berlin - insbesondere an Schulen - heute hauptsächlich von Muslimen ausgehe. Trotzdem könne er mit dem Begriff des "importierten Antisemitismus", der unter anderem von CDU-Politiker Jens Spahn benutzt wurde, nur bedingt etwas anfangen. "Die meisten Vorfälle, die ich selbst erlebe oder von denen ich höre, kommen nicht von Menschen, die jetzt frisch hier hergezogen sind. Das kommt viel häufiger von Personen, die schon 30, 40 Jahre hier leben."

"Wenn es die Muslime nicht geben würde, wären die Juden dran"

Seit einigen Monaten versucht sich ausgerechnet die rechtskonservative Alternative für Deutschland (AfD) als Beschützer der Juden in Deutschland zu präsentieren. Für die islamfeindliche Partei ist der Sündenbock schnell gefunden. So solidarisiert sich in letzter Zeit insbesondere die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel mit in Deutschland lebenden Juden. Auf Twitter schreibt sie zum Beispiel: "Nicht nur in Berlin wird islamischer Antisemitismus zu einem immer größeren Problem. Passanten werden auf offener Straße attackiert, weil sie Kippa tragen."

Für den neuen Aktionismus der AfD haben die beiden Juden wenig übrig. "Ein sehr, sehr großer Teil der jüdischen Bevölkerung stellt sich gegen die AfD. Und da sage ich - und die meisten Leute, die ich kenne - 'Nein, danke'", so Glikman. Er verstehe generell nicht, was die Kampagne der AfD soll. Die AfD sei schließlich eine Partei mit rechtsorientiertem Denken, klarer Islamfeindlichkeit und menschenverachtenden Aussagen. Ähnlich sieht es auch : "Die AfD versucht, die Juden zu instrumentalisieren. Alleine schon die Aussagen von Jens Maier, der ein Ende des 'Schuldkults' gefordert hat - oder eines Herrn Gauland, der stolz auf die Leistungen der Wehrmacht ist - macht sie komplett unglaubwürdig. Wenn es die Muslime nicht geben würde, wären die Juden dran." Seiner Meinung nach sei die AfD keine Partnerin im Kampf gegen Judenfeindlichkeit. Und er betont: "Es gibt in der AfD keine irgendwie legitimierten Sprecher für die Juden Deutschlands."

Mehr Aufmerksamkeit für Antisemitismus

Für die Zukunft wünscht sich Student Glikman, dass die neu entstandene Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit für Antisemitismus in Deutschland erhalten bleibt - und dass das schon bestehende Judentum in der Bundesrepublik noch gestärkt wird. "Ich hoffe außerdem, dass wir zu einem Punkt kommen, an dem kein Jude - oder egal welcher Mensch - aufgrund äußerer oder innerer Merkmale Probleme hat, auf die Straße zu gehen." Mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen bleibt das wohl vorerst leider ein sehr ambitioniertes Ziel.

Echo 2018