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Umfrage: Deutsche lehnen religiöse Beschneidungen ab

Die Beschneidung von Jungen ist strafbar, entschied das Kölner Landgericht. Nach einer Umfrage hält die Mehrheit der Deutschen dieses Urteil für richtig. Kirchen und Politik sehen das jedoch anders.

Die meisten Menschen in Deutschland lehnen die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen ab. In einer Umfrage bezeichneten 56 Prozent der Menschen das Urteil des Kölner Landgerichts gegen die Beschneidung als richtig. 35 Prozent halten die Entscheidung für falsch, wie das Magazin "Focus" berichtete, das die Umfrage beim Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid in Auftrag gegeben hatte. Zehn Prozent der Befragten hatten keine Meinung dazu.

Für die repräsentative Umfrage hatte Emnid am Mittwoch und Donnerstag 1000 Menschen befragt. Das Kölner Landgericht hatte die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen als Körperverletzung gewertet, die grundsätzlich strafbar sei.

Ärzte raten von Beschneidungen ab

Ärzteverbände und Urologen dringen nach einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (F.A.S) darauf, in Deutschland vorerst keine rituellen Beschneidungen mehr vorzunehmen oder die Eingriffe einzuschränken. Der Bundesverband der niedergelassenen Kinderchirurgen Deutschlands empfahl seinen Mitgliedern, von Beschneidungen abzusehen.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, sagte der Zeitung: "Als Bundesärztekammer werden wir unsere Mitglieder nun darauf hinweisen müssen, welches Risiko sie eingehen." Der stellvertretende Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie, Bernd Tillig, empfahl Eltern, die Beschneidung hinauszuzögern, bis die Kinder selbst entscheiden können.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) betonte in Berlin, dass eine juristische Debatte nicht dazu führen dürfe, dass an der religiösen Toleranz in Deutschland international Zweifel entstehen. "In Deutschland ist die freie Religionsausübung geschützt. Dazu zählen auch die religiösen Traditionen."

Beck: Versachlichung der Diskussion erforderlich

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, schloss in der "FAS" eine spätere Beschneidung von jüdischen Jungen aus. "Da müsste man schon mit dem lieben Gott verhandeln", sagte er. Es gebe absolut keinen Verhandlungsspielraum. Er könne sich nicht vorstellen, dass es sich in Deutschland durchsetze, "das Judentum gefühllos in die Illegalität zu drängen".

Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Fraktion, Volker Beck, hält eine Versachlichung der Diskussion für dringend erforderlich. Es sei offen, ob man eine Korrektur des Kölner Urteils auf dem Wege der Rechtsprechung oder durch Gesetz anstreben sollte. "Das Ergebnis sollte aber sein, dass wenn hygienische und medizinisch-fachliche Standards eingehalten werden, der körperliche Eingriff bei einer religiösen Beschneidung von Jungen als gerechtfertigt angesehen wird und deshalb nicht strafbar ist."

Auch muslimische Vertreter sowie Repräsentanten der katholischen und der evangelischen Kirche hatten die Entscheidung des Kölner Landgerichts als Einmischung in religiöse Traditionen bezeichnet und die Korrektur der Gerichtsentscheidung gefordert.

kmi/DPA / DPA