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Vorstand der Odenwaldschule tritt zurück: "Der Druck der Öffentlichkeit war zu groß"

Die von Missbrauchsfällen erschütterte Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim sucht einen Neuanfang. Fünf Vorstandsmitglieder treten aufgrund des Missbrauchsskandals zurück.

Im Skandal um die Missbrauchsfälle an der hessischen Odenwaldschule ist der Schulvorstand mehrheitlich zurückgetreten. Wie die Pressesprecherin der Schule am Samstag sagte, zogen fünf der insgesamt sieben Mitglieder damit die Konsequenzen aus den Vorgängen an der Privatschule in Heppenheim. Nur Schulleiterin Margarita Kaufmann und Geschäftsführer Meto Salijevic seien im Amt geblieben, sagte die Sprecherin. "Wir machen den Weg frei", begründete die ausgeschiedene Vorsitzende Sabine Richter-Ellermann. "Der Druck der Öffentlichkeit war zu groß."

Nach Angaben der Schule wurden nach derzeitigem Untersuchungsstand 33 Schüler Opfer von Missbrauch, acht ehemalige Lehrer werden beschuldigt. Die Missbrauchsfälle an der reformpädagogisch orientierten Schule waren Anfang März bekannt geworden. Sie beziehen sich auf die 70er und 80er Jahre. Informationen des "Spiegel", wonach inzwischen 40 Missbrauchte und 10 beschuldigte Lehrer bekannt sind, wollte die Schulleitung nicht bestätigen. "Wir sind noch in der Aufarbeitung", sagte Salijevic.

Schulleiterin Kaufmann kündigte eine "vollständige und transparente Aufarbeitung" der Vorfälle an. Geplant seien darüber hinaus eine Verbesserung der Personalauswahl, verstärkte Fortbildungsmaßnahmen für Lehrer und Änderungen in der Struktur der Schule. So solle eine Heimleitung installiert werden. "Die Odenwaldschule hat das Ziel, sich auf gesunde Füße zu stellen." Salijevic deutete an, er werde mit einem neuen Vorstand auch über seine Zukunft reden. Der 57-Jährige war schon beim Aufkommen der ersten Verdachtsfälle 1999 im Amt und gilt deshalb als belastet. "Es geht jetzt darum, den Übergang zu organisieren", sagte er.

Eine Abordnung ehemaliger Schüler hatte zu Beginn an dem nichtöffentlichen Treffen teilgenommen. In der zweiten Hälfte der sich über den ganzen Tag erstreckenden Sitzung war der Trägerverein dann unter sich. Das Gremium hat etwa 30 Mitglieder.

"Dies macht den Weg frei für einen Neuanfang", sagte Marc Tügel von der Gruppe der Altschüler zu den Rücktritten. Der Frankfurter Anwalt einiger Opfer, Thorsten Kahl, meinte hingegen, das Elite-Internat habe es "erneut versäumt, einen sauberen Schlussstrich zu ziehen". Seine Kritik bezog sich auf Geschäftsführer Salijevic. "Dass er nicht zurücktrat, ist eine weitere schallende Ohrfeige für die Opfer."

Die Odenwaldschule zählt zu den bekanntesten Einrichtungen der Reformpädagogik in Deutschland. Sie wird im nächsten Monat 100 Jahre alt. Auf der Liste ihrer ehemaligen Schüler stehen bekannte Namen. Dazu zählen der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit, der Schriftsteller Klaus Mann und ein Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der im "Spiegel" sein Schweigen zu den Vorgängen gebrochen hat. Sein 2008 gestorbener Sohn Andreas hatte Ende der 60er Jahre in der Wohngruppe des Haupttäters und Schulleiters Gerold Becker gelebt. Weder er noch seine Frau hätten von den Missbrauchsfällen "Kenntnisse gehabt, auch nicht durch Andreas", sagte Weizsäcker dem Nachrichtenmagazin.

Der frühere Bundespräsident wies damit auch Spekulationen zurück, er könnte den Missbrauch gedeckt haben. Andreas' Witwe Sabrina von Weizsäcker kritisierte scharf die Berichterstattung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" und der "Zeit". Da werde "Andreas mit Klarnamen" genannt und "entlang des prominenten Namens würden dann Gerüchte in Umlauf gebracht", erklärte sie. Ihr gestorbener Mann werde "benutzt, weil er Weizsäcker heißt". Dabei habe er sich "nicht zu den Opfern gezählt".

AFP, DPA / DPA