Waldbrände Kaliforniens größte Katastrophe


Rund 15 000 Feuerwehrleute kämpften eine Woche gegen die Flammen, um die gewaltigen Waldbrände in Kalifornien zu stoppen. Die Bilanz ist verheerend : 20 Tote, 4000 zerstörte Häuser und ein geschätzter Schaden von 2 Milliarden Dollar.

Mickey Wallace stapft durch den Schutt, der einmal sein Haus war. Er stößt das verkohlte Motorrad um, entdeckt die Schildkröten, die in ihrem Aquarium zu Tode siedeten, kann aber seine Münzsammlung nicht finden. "Mein Haus war nicht versichert, vielleicht kauft jemand die Stücke", sagt der 47-Jährige und stochert weiter im Ruß.

Zwei Milliarden Dollar Schaden

Über zwanzig Brandherde vernichteten innerhalb von fünf Tagen zwischen San Francisco bis San Diego 4000 Häuser. 100000 Menschen wurden vorübergehend obdachlos, 20 Leichen bisher geborgen. Die 15000 Feuerwehrmänner, die bis aus Colorado und Montana kamen, zähmten das Feuer erst nach einer Woche. Der angerichtete Schaden wird auf über zwei Milliarden Dollar geschätzt.

"Die größte Katastrophe, die Kalifornien je heimgesucht hat", sagt der scheidende Gouverneur Gray Davis und wünscht seinem Nachfolger Arnold Schwarzenegger neidlos viel Erfolg beim Wiederaufbau. Und Schwarzenegger verkündet im Fernsehen, er werde die Brandstifter jagen. Terrorismus sei das, Terrorismus im eigenen Land.

Feuer gehören zum normalen Zyklus

Das Feuer, das Mickey Wallaces Haus im Harbison Canyon vernichtete, eine viertel Stunde mit dem Auto östlich von San Diego, verursachte kein Terrorist, sondern ein verirrter Jäger, als er einen ausgetrockneten Busch anfackelte, um auf sich aufmerksam zu machen. Ein Hubschrauber rettete ihn und war am frühen Abend zurück, um den Brand, der da die Größe eines Fußballfelds hatte, mit einem am Bauch des Helikopters befestigten Wasserbehälter zu löschen. Das Sheriff Department von San Diego rief den Helikopter jedoch kurz vor dem Abwurf der Wassertonne zurück. In den Wäldern von Kalifornien brennt es Jahr für Jahr im Herbst, Feuer gehören zum normalen Zyklus. Der Sheriff fürchtete um die Sicherheit der Piloten. Laut Vorschrift dürfen sie nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr fliegen.

Über Nacht wuchs das Feuer auf über 30 Quadratkilometer, angeheizt vom Santa Ana Wind, einer Art kalifornischem Föhn, der ungewöhnlich stark von Osten her blies, und von hunderten kalifornischer Eichen und Zedern, morsch vom Befall eines Baumkäfers im vergangenen Sommer. Am nächsten Morgen erreichte das Feuer die ersten Siedlungen. Am Nachmittag schoss es mir 25 Kilometern pro Stunde in den Harbison Canyon.

In Minuten fraß es Häuser

Je schmaler der Harbison Canyon wurde, desto schneller raste das Feuer hindurch. In Minuten fraß es Häuser und überholte fliehende Bewohner in ihren Autos. Mickey Wallace stand mit dem Gartenschlauch in der einen und seiner Bibel in der anderen Hand auf dem Dach seines Holzhauses. Erst als es ihm die von der Sonne gebleichten Haare versengte, stürzte er in seinen Wagen, die Beifahrerseite hatte da bereits Feuer gefangen, mit der bloßen Hand schlug er es aus. "Es pfiff und schrie und brüllte wie in der Hölle", sagt Wallace, "ein Wunder, daß ich lebe". Drei Tage später ließ die Polizei ihn zurück. "Es sah aus, als ob uns ein B 52-Geschwader zugebombt hätte", sagt Wallace.

Der Psychologe Charlie Nelson und seine Frau Carin klettern über die Reste ihres Hauses, einer einst pastellfarbenen Villa in San Diegos teurem Vorort Skipps Ranch. Dreißig Freunde und Nachbarn helfen dem Ehepaar, den Schmutz durchzukämmen. Vor seinen verkohlten Jaguar hat Nelson Goldgräbernetze gespannt, durch die er den Schutt systematisch schüttelt. Er hat gerade den Ehering seiner Frau gefunden. "Deswegen war heute ein guter Tag", sagt der 52-Jährige, "ein großartiger Tag". "Charlie, dein Türklopfer", schreit jemand, und dann etwas leiser, "die Katze". Sie liegt verkohlt auf dem Keramikfußboden der einstigen Küche.

Bizarre Skulpturen vor den Ruinen

Keines der Häuser in der Straße von Charlie Nelson steht noch. Vor den Ruinen recken sich bizarre Skulpturen: antike Mustangs, ein Porsche ohne Dach, ein Ford Model T. Hinter Charlie Nelsons Haus erstreckt sich kilometerweit eine schwarz gebrannte Mondlandschaft. Die berühmte "Eine-Million-Dollar-Aussicht" von Skipps Ranch

Nelsons Haus ist ein Totalschaden. Nur der steinerne Kamin reckt sich verrußt in den bewölkten südkalifornischen Himmel. Der Schätzer der „Farmer´s Insurance“ rechnet mit einer Million Dollar Schadensersatz für den Psychologen. „Der Kamin wird bleiben“, sagt Nelson, "und über meine neue Eingangstüre werde ich ein Schild einmauern mit dem Wort ‘Widerstand’."

Mickey Wallace hatte keinen Kamin, und seine Münzen kann er auch nicht finden. "Sind wohl geschmolzen", sagt er. Mit müden Augen macht er sich auf den Weg zur Krisenbesprechung der Bewohner des Harbison Canyon, allesamt Au-enseiter, die hierher gezogen waren, um in Ruhe gelassen zu werden: Hells Angels, deren Harleys verbrannt sind, Nudisten, Gelegenheitsarbeiter wie Wallace, überreligiöse Jesus Freaks. "Vielleicht ist ja jemand von der Fema da, der staatlichen Disaster-Sofort-Hilfe,", sagt Wallace. Sie springt ein bei Leuten wie ihm, ohne geregeltes Einkommen und ohne Versicherungspolice.

"Wir helfen uns selbst"

In den Sand geschmolzen kleben die Budweiser-Flaschen vor den Trümmern des Canyon Inn, noch vor einer Woche die einzige Bar hier. Weder die Vertreter der Fema sind gekommen, noch Versicherungsbeamte. "Wir werden es denen schon zeigen", sagt der Wirt des Canyon Inns, der das Treffen auf einem geretten Kübel stehend leitet, "wir brauchen keine Versicherer, brauchen keine Hilfe vom Staat, wir helfen uns selbst. Wie immer. Und bitte keine alten Unterhosen mehr". Er deutet auf einen Sack des roten Kreuzes mit Kleiderspenden.

Mickey Wallace zündet sich eine Zigarette an. "Die einzige Bar in Kalifornien, wo man jetzt rauchen darf", flüstert er und sieht durch die verbrannten Baumkronen nach oben. Dann zieht er seinen Geldbeutel aus der Hosentasche und lässt seine letzten drei Dollar achtzig für den Wiederaufbau von Harbison Canyon in die herumgereichte Plastiktüte fallen.

Michael Saur

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