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Irreführende Studien zum Lachen Das Wort zum Frauentag: Lächel doch mal ... Nein!

Die Bitte zu lächeln, gehört auf die "Don’t-Liste" jeder modernen Knigge.
Ein ernster Blick ist voll okay, liebe Männer. Die Bitte zu lächeln, gehört auf die "Don’t-Liste" jeder modernen Knigge.
© Westend61 / Getty Images
Vor allem Frauen bekommen zu hören, dass sie freundlich gucken sollen. Das ist "übergriffig" und eine milde Form der Belästigung, sagt die Psychologin Marianne La France. Recht hat sie. 

Vor Jahren machte ich eine schwere Zeit durch. Meine Freundin lag im Sterben. Brustkrebs. Mit Anfang 40. Eine andere Freundin packte Umzugskartons, um ins Ausland zu gehen. Ich kam vom Sterbebett, schleppte mich auf die Abschiedsparty. Mir war zum Heulen zumute. Ein ahnungsloser Kollege klopfte mir auf die Schulter: "Guck nicht so böse. Lächel doch mal."

Unzählige Male habe ich diesen Satz schon zu hören bekommen. Er ist eine Unverschämtheit. Distanzlos, übergriffig. Und der internationale Frauentag ist die Gelegenheit, endlich mal loszuwerden, warum dieser Satz auf den Index gehört. Denn es sind vor allem Frauen, die ihn zu hören bekommen.

"Lächle, lächle, lächle"

Lächeln sei die "machtvollste Form der Kommunikation" und von höchster "psychologischer, anthropologischer und sozialer" Bedeutung,  sagt der australische Kunsthistoriker Agnus Trumble, der ein Buch über die Kulturgeschichte des Lächelns geschrieben hat (A brief history of smile). Dale Carnegie ("Sorge Dich nicht, lebe") glaubt gar, dass ein Lächeln die "größten wirksamsten Heilkräfte" freisetze. "Lächle, lächle, lächle" empfiehlt auch Hermann Karstein, noch so ein Guru des positiven Denkens. 

Es gibt absurde Studien, die suggerieren, wie wichtig das Lächeln sein soll. An der kalifornischen Universität Berkeley verglichen Forscher Abschlussfotos von 141 Schülerinnen, die zwischen 1958 und 1960 das private Mills College in Oakland besucht hatten. Fast alle Frauen lächelten brav in die Kamera. Nur drei Frauen hielten ihre Mundwinkel in Schach. Klar, frau lächelt halt, wenn der Fotograf es sagt. Nachdem die Psychologen anhand eines Schemas entschieden hatten, welches Lächeln "echt" und welches "falsch" war, kontaktierten sie die Frauen mit 27 Jahren, im Alter von 43 und 52 Jahren, um sie zu fragen, wie es ihnen ginge. Das Ergebnis: Die Frauen, die ein "echtes Lächeln" auf dem Abschlussfoto gezeigt hatten, waren nach Ansicht der Forscher später auch erfolgreicher im Leben. Für die Psychologen bedeutete das unter anderem: Mit 27 verheiratet, Anfang 40 kein Single mehr.

Mit 27 Jahren verheiratet zu sein, galt in Studien als positiv

Die Studie wurde oft zitiert und von der Presse aufgegriffen. "Schauen Sie einmal auf ein altes Foto von sich. Ob und wie Sie darauf lächeln, könnte mehr über ihre Zukunft aussagen als jede Wahrsagerin", brachte es der Autor eines Rundfunkbeitrags auf den Punkt. Dabei ist die Studie höchst fragwürdig. Nicht nur, weil die Zahl der befragten Frauen zeitweise auf 49 sank - eine denkbar kleine Stichprobe. Die Frauen sollten selbst erzählen, wie es ihnen ging. Aber wer gibt schon gerne zu, dass es ihm schlecht geht? Auch die Kriterien, anhand derer die Psychologen Erfolg im Leben festmachten, waren verräterisch: Mit 27 verheiratet zu sein, galt als positiv. Mit Anfang 40 keinen Partner zu haben, war für die Forscher ein Makel. Oder böse formuliert: Wer nicht lächelt, kriegt keinen Mann ab. Forscher einer anderen Studie glaubten anhand von Fotos erkennen zu können, dass lächelnde Menschen länger leben. Die Probanden waren Männer.

Neuere Studien deuten dagegen eher darauf hin, dass das Lächeln überschätzt wird. Dauerlächeln kann sogar krank machen: Depressionen, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Probleme drohen all jenen, die beruflich zum Dauerlächeln verdammt sind, wie Psychologen der Universität Frankfurt herausgefunden haben. Und auch für die Karriere ist das Lächeln nicht unbedingt förderlich. Im Gegenteil. Frauen, die fröhlich lächeln, schaffen es nach einer Studie der Technischen Universität München nur selten auf den Chefsessel. Grund: Vorgesetzte glauben nicht, dass lächelnde Frauen sich durchsetzen können.

Aufforderung zum Lächeln ist "übergriffig"

Die Psychologin Marianne La France, die übers Lächeln forscht, nennt die Aufforderung zum Lächeln "übergriffig". In einem Interview sagte sie: "Es ist eine milde Form von Belästigung, aber es ist Belästigung." Recht hat sie. Wenn man nicht eng mit jemanden befreundet ist, verbietet sich jede Bemerkung über den Gesichtsausdruck. Er ist Privatsache. Die Bitte zu lächeln, gehört auf die "Don’t-Liste" jeder modernen Knigge - neben dem Hinweis, dass man in der Öffentlichkeit nicht popelt. Mag sein, dass ein Lächeln die Herzen öffnet. Ich lächle trotzdem nicht auf Kommando. Ich kann es gar nicht. Es kommt mir fremd vor. Falsch. Ich bin kein Model, das für Geld in die Kamera lächelt. Mein Gesicht gehört mir. Und nun lasst mich in Ruhe weiter böse gucken. Grumpy Cat hat dieser Blick reich gemacht. 

http://http://www.br.de/puls/themen/leben/laechel-doch-mal-100.html

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