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"Gorch Fock" in der Kritik: Stolz der Marine in schwerer Not

Mit Seefahrerromantik hat der Dienst auf der "Gorch Fock" wenig zu tun. Der Alltag der Soldaten ist Drill und harte Arbeit. Dennoch reißen sich die Kadetten um eine Ausbildung auf dem Segler. Aber Todesfälle und Meutereivorwürfe beschädigen nun den Ruf des Schiffes.

Von Manuela Pfohl

Der letzte Eintrag stammt vom Montag, den 17. Januar. Im "Gorch Fock"-Reisetagebuch steht: "Die vergangenen zwei Tage an Bord des Dreimasters waren relativ ungemütlich zugegangen." Die Mannschaft hat gerade die für Segler höchst anspruchsvolle Route vor Kap Hoorn geschafft. Keiner ahnt, dass die nächsten Tage noch viel ungemütlicher werden. Als am Mittwoch bekannt wird, dass es an Bord des Schulschiffes der Deutschen Marine eine Meuterei gegeben habe, weht ein scharfer Wind - und das aus allen Richtungen.

Die Öffentlichkeit will wissen, was auf der "Gorch Fock" los ist. Stimmt es, was einige Offiziersanwärter dem Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus anvertraut hatten. Dass nämlich die Stammbesatzung Auszubildende bedroht und sexuell belästigt hat? Und dass viele der Kadetten sich nach dem tödlichen Unfall, bei dem im vergangenen Jahr eine 25-jährige Kadettin ums Leben kam, weigerten, bestimmte Befehle auszuführen? Hat es wirklich, wie von einigen Medien behauptet, eine Meuterei gegeben?

Noch dazu auf dem Schiff, das als Aushängeschild, als der ganze Stolz der Marine, gilt. Bislang rissen sich Kadetten darum, auf dem Schiff ausgebildet zu werden. Der Segler und seine Crew wurden gern als "Botschafter Deutschlands auf allen Weltmeeren" gefeiert. Und nun?

"Eine Meuterei gab es nicht."

Die Fotos auf der "Gorch Fock"-Homepage zeigen Seefahrerromantik. Ansonsten herrscht Funkstille. Das Reisetagebuch bleibt leer. Die Marine hat es übernommen, Auskunft zu geben. Und das tut sie militärisch knapp: Die Ausbildungsfahrt wurde unterbrochen. Eine Untersuchungskommission soll die Vorwürfe aufklären.

Und es gibt viel zu klären. "Eine Meuterei gab es nicht. Soldaten haben berichtet, dass ihnen von der Führung Meuterei vorgeworfen wurde. Das ist etwas völlig anderes", erklärt Königshaus. "Nach dem tragischen Unfall und dem Tod der Kameradin wollten viele auf der 'Gorch Fock' nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Daraus entstand ein Streit mit der Schiffsführung."

Dass die Ausbildung auf dem Dreimaster nichts mit Seefahrerromantik zu tun hat und auch nichts mit einem "Traum für Segelfreunde", wird deutlich, wenn man sich den Alltag der Kadetten anschaut, den die Bundeswehr auf einem ihrer Werbevideos zeigt. Der Tag für die 85-köpfige Stammbesatzung und die bis zu 138 Lehrgangsteilnehmer beginnt auf der "Gorch Fock" mit einem schrillen hohen Pfiff. "Alles aufstehen" statt "Guten Morgen". 30 Mann, die dicht gedrängt und in zwei Reihen übereinander geschlafen haben, kugeln sich aus ihren Hängematten. Waschen, Essen fassen und dann ran an das Ausbildungsprogramm. Taue reparieren, Deck schrubben, Nautik pauken, Segel setzen und natürlich auch in die Masten klettern. Bis zu 45 Meter hoch.

Eine Herausforderung, die einige der Offiziersanwärter kaum noch bewältigen können, seit dem 7. November 2010. Damals stürzte ihre Kameradin, Obermaat Sarah Lena S., in einer Höhe von 27 Metern aus der Takelage des Großtopp auf die Planken - und war wenig später tot. Es war der fünfte tödliche Unfall auf der Gorch Fock seit der Indienststellung 1958. In drei Fällen starben Kadetten nach Stürzen von den Masten: 1998 verunglückte ein Offiziersanwärter durch einen Sturz aus zwölf Metern Höhe. 2002 starb ein 19-jähriger Soldat ebenfalls nach dem Sturz vom Großmast. Alle waren unerfahren, wie Sarah Lena S., die erst am 2. November, also fünf Tage vor ihrem Tod, in Brasilien an Bord gegangen war.

Kritik zurückgewiesen

Schnell gab es die ersten Vorwürfe. Hätte die gerade mal 1.59 Meter große Kadettin überhaupt in die Takelage klettern dürfen, oder war sie dafür eigentlich zu klein? Reichen die Sicherheitsmaßnahmen aus, um auch Segel-Anfänger in die Masten zu schicken? Im Tagebuch der "Gorch Fock" weist Fregattenkapitän und Marinesprecher Jan Ströhmer Kritik an mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen zurück. "Die Seefahrt ist auch in der heutigen Zeit nicht ungefährlich." Ein "gewisses Risiko" sei dabei nicht auszuschließen. Die Ausbildung auf einem Segelschiff – für Offiziersanwärter der Marine ist sie Pflicht – sei "die einzige Möglichkeit, jungen Leuten die Seefahrt unter realen Bedingungen nah zu bringen". Allerdings werde niemand dazu gezwungen, auf den Mast zu steigen.

Genau das bestreiten einige Kadetten. Vier Offiziersanwärter hätten wegen "Meuterei und Aufhetzens" von der Ausbildung abgelöst und nach Hause zurückgeflogen werden sollen, heißt es laut "Hamburger Abendblatt" in einem Brief an den Wehrbeauftragten.

Im Gorch Fock-Video klettern die jungen Soldaten scheinbar routiniert auf die Masten. Die Sonne scheint. Einer sagt: "Anfangs hatte ich schon ein mulmiges Gefühl." Der Sprecher ergänzt: "Jeder muss und kann sich auf seinen Nebenmann verlassen." Dann der Schwenk über das Deck. Auf den Planken liegen die Soldaten. Mittagspause. Die Wellen rauschen, das Schiff schaukelt, irgendwo am Horizont ist Land in Sicht. Von dem politischen Sturm, der aufzieht, ist nichts zu spüren. Es ist ja auch ein Werbevideo.