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Abgestürzte Air-France-Maschine: Die dramatischen letzten Minuten

Der Unglücks-Airbus der Air France hatte kurz vor seinem Absturz offenbar eine Fülle an technischen Problemen. Medienberichten zufolge fielen in den letzten Minuten nacheinander lebenswichtige Bordsysteme aus. Automatisch gesendete Funksignale deuten darauf hin, dass die Piloten noch versuchten, das Flugzeug manuell zu steuern. Dann fiel der Kabinendruck ab.

Die Air-France-Maschine ist vor ihrem Absturz offenbar durch eine starke Gewitterfront geflogen. In den letzten dramatischen Minuten fielen dann nacheinander lebenswichtige Systeme an Bord der Unglücksmaschine aus. Das geht laut einem Bericht der brasilianischen Zeitung "O Estado de S. Paulo" aus den automatischen Funksignalen der Maschine hervor. Die Zeitung beruft sich auf Quellen bei Air France. Weder die Fluglinie noch die brasilianische Luftwaffe wollte den Bericht allerdings bestätigen.

Die Zeitung druckt eine Chronik der Funksignale ab, die über das bisher Bekannte hinausgeht. Sollte sie sich als korrekt herausstellen, deutet sie darauf hin, dass Flug 447 in tausenden Metern Höhe auseinandergebrochen ist, als die Maschine durch einen gewaltigen Gewittersturm flog, wie ein Experte der Nachrichtenagentur AP sagte.

Dem Bericht zufolge schickte der Pilot gegen 23 Uhr Ortszeit ein manuelles Signal, dass der Airbus durch eine Region mit "CBs" flog: schwarze, elektrisch aufgeladene Wolken, die mit starken Winden und Blitzen einhergehen. Satellitendaten haben gezeigt, dass Gewitterwolken zu dieser Zeit bis zu 160 Stundenkilometer schnelle Sturmböen gegen die Flugrichtung der Maschine schickten.

Zehn Minuten später schickte das Flugzeug angeblich eine ganze Serie von Funkmeldungen, die darauf hindeuten, dass der Autopilot abgeschaltet und das Computersystem auf eine alternative Energieversorgung umgeschaltet wurde. Der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt bestätigte der Deutschen Presse Agentur, dass die Crew Funkmeldungen zufolge um 23.10 Uhr den Autopiloten abgeschaltet habe, um das Flugzeug manuell zu steuern. Er bezog sich auf Informationen der Air France, die derzeit in Expertenkreisen erörtert würden.

Kontrollen, die für die Stabilität des Flugzeugs gebraucht werden, waren zu diesem Zeitpunkt bereits beschädigt. Außerdem ertönte ein Alarmsystem, was dem Bericht zufolge auf eine weitere Verschlechterung der Flugsysteme hindeutet. "Dann gab es zwei bis drei Minuten lang eine Flut von Fehlermeldungen: Das Navigationsgerät fiel aus, die Darstellung auf den Bordbildschirmen war weg und anderes", so Luftfahrtexperte Großbongardt.

Dies entspricht auch dem Bericht der "O Estado de S. Paulo", demzufolge wenig später offenbar zwei weitere wichtige Systeme, mit denen die Piloten Geschwindigkeit, Höhe und Richtung überwachen, ausgefallen sind. Dann gibt es eine ganze Serie von anderen elektrischen Ausfällen in den Systemen, die den Hauptflugcomputer und die Tragflächen-Störklappen kontrollieren.

Die letzte Meldung kam dann, wie bereits bekannt, um 23.14 Uhr brasilianischer Zeit. Sie weist auf einen Abfall des Kabinenluftdrucks und einen Ausfall der Elektrik hin. Die Zeitung erklärte, dies könne einen plötzlichen Druckabfall bedeuten oder auch heißen, dass das Flugzeug schon in den Ozean stürzte.

Ursprünglich wollten die Piloten laut Großbongardt vermutlich schnell durch das Unwettergebiet durchfliegen, weil sie es nicht umfliegen konnten. Aber zum Zeitpunkt des Unglücks seien über dem Atlantik zwei große Gewitterzellen sehr schnell zusammengewachsen. "Das Wetter hat sie wohl überholt", so der Luftfahrtexperte.

Schwierige Suche nach dem Flugschreiber

Die Unfallermittler in Frankreich dämpften unterdessen die Hoffnung auf eine schnelle abschließende Aufklärung der Ursachen und warnten vor Spekulationen. "Die Ermittlungen dauern lange, manchmal sehr lange, denn man kann sich nicht mit 80 Prozent Verständnis zufriedengeben", sagte der Direktor des Amts für Unfallanalysen BEA, Paul-Louis Arslanian, in Paris. Allerdings sei die Suche nach dem Flugschreiber besonders schwierig. Der Atlantik ist in dem Gebiet etwa 4000 Meter tief und zudem von Meeresgebirgen durchzogen. Das Amt will Ende Juni einen ersten Bericht vorlegen.

Ein erstes Schiff der brasilianischen Marine, das Patrouillenboot "Grajaú", erreichte am Mittwoch das Absturzgebiet, um in erster Linie die von der Luftwaffe georteten Wrackteile in dem großen Seegebiet zu finden. Frankreich schickte ein Spezialschiff mit einem Tiefseeroboter und einem U-Boot, die beide noch in 6000 Metern Tiefe operieren können. Sie werden wegen der Entfernung aber erst in einigen Tagen in dem Absturzgebiet erwartet. Außerdem kommen Seeaufklärer und ein Radarflugzeug (AWACS) zum Einsatz.

Der Airbus vom Typ A330-200 war am Pfingstmontag auf dem Weg von Rio nach Paris abgestürzt. Die 228 Menschen an Bord kamen aus 32 Ländern, unter ihnen waren 72 Franzosen, 59 Brasilianer und 26 Deutsche.

AP/DPA / AP / DPA