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Augenzeugen-Berichte: Fliegende Trümmerteile treffen Schüler "wie Kugeln"

Fliegende Trümmerteile treffen Schüler "wie Kugeln"

Die gewaltige Druckwelle und der "Feuerball" durch die Explosion am Bahnhof von Ryongchon haben eine Trümmerwüste, verbeulte Waggons und den "Geruch von Schießpulver", so Augenzeugen, hinterlassen. Über Hunderte von Metern sind Häuser dem Erdboden gleich gemacht. Am Explosionsort klaffen zwei Krater, mehrere Dutzend Meter groß, acht bis zehn Meter tief. Planierraupen schütten die Löcher mit Erde zu. Am Schultor nur 200 Meter entfernt stehen Kinder. Ratlos, betroffen. Sportgeräte liegen umgestürzt auf dem Schulhof. Hier sind 76 Schulkameraden ums Leben gekommen. Insgesamt starben mindestens 154 Menschen, weitere Tote werden befürchtet.

Die Wucht der Explosion hat Schüler von der Straße gefegt, als sie am Donnerstagmittag aus der Schule kamen. Andere sind "im Gebäude unter dem eingestürzten Dach begraben und sofort getötet worden", berichten Reporter der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua. "Einige Schüler wurden auf der Straße von fliegenden Trümmerteilen wie von Kugeln getroffen." Viele Menschen sind tot, noch mehr verletzt, liegen in Krankenhäusern, in denen Nordkoreaner nach Jahren des Hungers, der Mangelwirtschaft und chronischer Unterversorgung schon lange keine medizinische Hilfe mehr finden.

Hilfe nur langsam angelaufen

Erst zwei Tage nach der Katastrophe durften internationale Helfer am Samstag in den Ort 20 Kilometer südlich der chinesischen Grenze. Da waren die ersten Rettungsarbeiten abgeschlossen. Einige der mindestens 1300 Verletzten liefen auf Krücken, andere trugen Verbände. Das Rote Kreuz leistete Erste Hilfe. Viele haben Schnittverletzungen durch umherfliegendes Glas erlitten. Die ersten Fotos eilen um die Welt. Brandspuren sind an Wänden oder Möbeln zu sehen. Bagger räumen Wege zwischen den Trümmern frei. Die Gegend war dicht bewohnt. Aus der Steinwüste, die übrig geblieben ist, ragen wie nach einem besonders schweren Erdbeben gelegentlich eine halbe Mauer, Betonplatten oder Dachbalken heraus.

Menschen stapeln Ziegelsteine, sammeln das Holz, suchen in den Trümmern nach brauchbaren Dingen. Ochsenkarren werden beladen. Der Arbeiter Choi Il Bong berichtet den Xinhua-Reportern, er sei gerade zum Mittagessen nach Hause gekommen, "als mit einem lauten Knall das Dach des Hauses eingestürzt ist". Nur durch seine Geistesgegenwart habe er aus dem Haus flüchten können. Sein ganzer Besitz sei zerstört. Der Leiter seiner Arbeitseinheit habe ihn und seine Familie aufgenommen. Wie Choi Il Bong sind 10 000 Menschen obdachlos geworden. Viele sind bei Verwandten und Freunden untergekommen.

Hilferuf blieb aus

Viel zu langsam kann die internationale Hilfe in den Nordwesten des abgeschotteten kommunistischen Nordkoreas anlaufen. Schon am Unglückstag waren Krankenhäuser in der chinesischen Grenzstadt Dandong darauf vorbereitet, Verletzte aufzunehmen oder Ärzte und Helfer zum Unglücksort nur 20 Kilometer südlich der Grenze zu schicken. Doch ein Hilferuf des stolzen Nordkoreas blieb aus. 370 Schwerverletzte liegen nun in schlecht ausgestatteten Krankenhäuser in der nordkoreanischen Grenzstadt Sinuiju - direkt gegenüber von Dandong, was auf chinesischer Seite Kopfschütteln auslöst.

Andreas Landwehr