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Kardinal vor Gericht: Die australischen Medien haben einen Maulkorb verpasst bekommen - und gehen clever damit um

Er ist einer der ranghöchsten Kirchenmitglieder - und steht wegen Kindesmissbrauchs vor Gericht: Kurienkardinal George Pell. Offiziell über den Prozess berichten darf in Australien jedoch niemand. Gemacht wird's dennoch - auf ganz unterschiedliche Art und Weise.

Kardinal George Pell

Kardinal George Pell wird unter anderem Kindesmissbrauch vorgeworfen.

AFP

Australische Journalisten stehen vor einem Problem: Da ist der, dessen Name nicht genannt werden darf. Dieser hat etwas getan, das nicht genannt werden darf. Es gibt bereits eine Anklage und offenbar schon ein Urteil, beides darf – Sie können es sich vielleicht schon denken – in Australien nicht genannt werden.

Was im ersten Augenblick klingt, wie einem Harry-Potter-Buch entsprungen, ist in Down Under harte Realität.

Es geht um George Pell, er ist eines der ranghöchsten Kirchenmitglieder, der in den vergangenen Jahren Kinder missbraucht und ähnliche Fälle anderer Kirchenmitglieder vertuscht haben soll. In Melbourne steht er vor Gericht. Dieses möchte nicht, dass die Medien über den Fall berichten – und so hat das Gericht kurzerhand eine Mediensperre verhängt. Der Grund ist relativ simpel: Die Geschworenen sollen nicht von der Berichterstattung beeinflusst werden.

George Pell: Zwei Medien berichten über Urteil

Auch ein Urteil soll bereits gefallen sein. Wie "Daily Beast" aus den USA und "Vatican Insider" übereinstimmend unter Berufung auf Prozessbeobachter berichten, sei Pell wegen Kindesmissbrauchs verurteilt worden. Der Vatikan hat Pell in der vergangenen Woche degradiert. Pell gehört nicht mehr zum Beratungsgremium des Papstes. Er sei wegen "fortgeschrittenen Alters" ausgeschieden, teilte die Kurie mit. 

Prozess, gar ein Urteil? In Australien besteht weiter die Mediensperre. Dennoch lässt es sich die ein oder andere Zeitung nicht nehmen, den Fall auf ihre Titelseite zu bringen. Und dabei werden sie wirklich kreativ:

Die Titelseite der "Herald Sun"

"Zensiert" prangt in großen Lettern auf der Titelseite der "Herald Sun".

So druckt die "Herald Sun", die Tageszeitung mit der größten Verbreitung in Australien, in großen Lettern "Zensiert" auf ihre Titelseite. Darunter schreiben sie von einer "sehr wichtigen Geschichte", über die sie zwar nicht berichten dürfen, die Leser aber verdienen zu lesen.

Die Titelseite von "The Daily Telegraph"

Es ist "die größte Geschichte des Landes", verspricht "The Daily Telegraph".

"The Daily Telegraph“ geht einen Schritt weiter. Zwar nennt das Boulevardblatt ebenfalls weder Namen noch genauere Einzelheiten, lässt es sich aber nicht nehmen, ein kurzes Statement zur Mediensperre abzugeben.

Die Titelseite von "The Age"

"The Age" entscheidet sich für eine weniger provozierende Titelseite.

Deutlich unauffälliger verhält sich dagegen "The Age". Mit einer Meldung, die auf der Titelseite beinahe untergeht, erklären sie, warum die Medien nicht über einen Fall von so großem öffentlichem Interesse schreiben dürfen.

"DailyBeast" setzt auf Geoblocking

US-Nutzer können den Artikel auf "DailyBeast" lesen - Australier jedoch nicht.

Doch nicht nur die australischen Medien müssen sich zurückhalten. Auch die US-Presse muss gewisse Vorkehrungen treffen. So sehen Nutzer, die die Nachrichtenseite "Daily Beast" in Australien aufrufen, eine leere Seite. Amerikanische Nutzer bekommen hingegen den ganzen Artikel zu Gesicht.

Das Gute: Die vom Gericht verhängte Sperre dauert natürlich nicht für immer an. Spätestens nach der offiziellen Verkündung des Urteils dürfen die Medien über George Pell und dessen Fall berichten. Das Gericht kündigte für den 4. Februar 2019 eine Bekanntmachung an. Mal sehen, was danach so auf den Titelseiten steht.

pawlo