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Tote, Verwüstung, Strom weg Chaos in Florida nach Hurrikan "Ian": "Wir hatten nicht gedacht, dass es so schlimm werden würde"

Aufräumarbeiten in Fort Myers Beach, Florida: Hurrikan "Ian" hat eine Jacht auf einem Auto "geparkt".
Aufräumarbeiten in Fort Myers Beach, Florida: Hurrikan "Ian" hat eine Jacht auf einem Auto "geparkt".
© Giorgio Viera / AFP
Hurrikan "Ian" hat Floridas Westküste besonders hart getroffen. Die Menschen in der Küstenstadt Naples leben im Ausnahmezustand, doch sie wollen sich nicht kleinkriegen lassen.

Wenige Tage nachdem Hurrikan "Ian" über den Südwesten Floridas hinweggefegt ist, herrscht in der US-Küstenstadt Naples vor allem eines: Chaos. Noch immer gibt es keinen Strom, die Telefon- und Internetdienste funktionieren nicht zuverlässig. Und dennoch sind die Straßen voll mit Autos und Pick-ups. Viele Menschen drängen zurück in die Stadt. Sie wollen nachsehen, was der Sturm in ihren Wohn- und Ferienhäusern angerichtet hat – und mit den Aufräumarbeiten beginnen.

In Naples war "Ian" am Mittwoch als Hurrikan der Stufe vier mit rund 240 Kilometern pro Stunde auf Land getroffen. Die Stadt ist bei Urlaubern wegen ihrer schicken Geschäfte und Golfplätze beliebt. Während heftige Winde im Küstenort Fort Myers, etwa 45 Autominuten weiter nördlich, viel Gebäudebestand zerstörten, sorgte in Naples vor allem heftiger Regen für meterhohe Überschwemmungen. Mittlerweile ist "Ian" nach Norden weitergezogen und hat sich abgeschwächt. Im "Sunshine State" Florida hinterließ er eine Schneise der Verwüstung.

Ein beißender Gestank nach Fisch und Müll

"Als wir sahen, wie das Wasser durch die Tür kam, wussten wir, dass wir in Schwierigkeiten waren", erinnert sich Sheri Naegele an die Ankunft des Sturms in Naples. Die 59-Jährige steht am Freitag (Ortszeit) mit Schweißperlen auf der Stirn vor ihrem Ferienhaus am noblen Gulf Shore Boulevard, in unmittelbarerer Nähe zum Strand. Neben ihr liegt das einstige Inventar ihres unteren Stockwerkes – vom Dreckwasser zerstörte Lampen, Sessel, Matratzen, Tische.

Zuerst habe sie noch mit Handtüchern versucht, das Wasser abzuhalten, dann aber sei es von allen Seiten in ihr Haus eingedrungen, erzählt Naegele der Deutschen Presse-Agentur. Sie habe die Sachen, die sie retten wollte, und sich selbst im oberen Stockwerk vor den Fluten in Sicherheit gebracht. "Wir hatten nicht gedacht, dass es so schlimm werden würde. Wir dachten, unser Haus liegt hoch genug und wird nicht überflutet", sagt sie.

Das Wasser ist im Gulf Shore Boulevard mittlerweile wieder abgeflossen, geblieben aber ist ein beißender Gestank nach Fisch und Müll. Die heiße Sonne Floridas scheint auf den teils schon getrockneten vermüllten Schlamm. An den Straßenrändern türmen sich Teile von Palmkronen, Äste und Baumstämme, dazwischen ragen Kabel und umgeknickte Masten heraus. Autos, die in den Fluten einfach weggespült wurden, liegen kaputt und deplatziert in Gärten herum.

Besonders verwüstete Gebiete hat die Polizei aus Sicherheitsgründen abgesperrt – so zum Beispiel den durch den Sturm stark beschädigten Landungssteg von Naples, das Wahrzeichen der Stadt. Weil die Ampelanlagen ausgefallen sind, leiten mancherorts Polizisten den Verkehr. Die Schulen sind zu; auch Supermärkte, Apotheken, Restaurants und Tankstellen haben wegen des Stromausfalls geschlossen. Vor einigen wenigen Geschäften, die notfallmäßig geöffnet sind, bilden sich lange Warteschlangen.

Strom hat auch Sujith Nagaragi nicht. Der 32-Jährige ist Chef eines indischen Restaurants an einer vielbefahrenen Kreuzung. Seinen Stammkunden und allen anderen, die an seinem Restaurant vorbeikommen, bietet Nagaragi in den Tagen nach dem Sturm gratis Essen an. Er und seine Kollegen kochen im Restaurant mit Gas und Stirnlampe, die Ausgabe findet vor dem Restaurant statt. "Wir können derzeit keine Bestellungen entgegennehmen und um dennoch für unsere Kunden da zu sein, geben wir das Essen gratis aus", sagte er der DPA.

Video aus dem Weltall: Nasa zeigt, wie Hurricane Ian auf Florida trifft

An dem Stand von Nagaragi holen die unterschiedlichsten Menschen eine Portion Reis mit Hühnchen oder Gemüse-Curry ab. Vielen von ihnen sieht man die Müdigkeit und Erschöpfung der vergangenen Tage an. Manche kommen direkt von den Aufräumarbeiten, haben Schlamm an den Schuhen. Ein Vater und sein Sohn erzählen, sie hätten durch den Sturm ihr Haus und ihr Auto in Cape Coral verloren. Eine junge Frau berichtet, eine hohe Palme sei auf ihr Haus in Naples gekracht. Sie beginnt zu weinen, während sie spricht, und verabschiedet sich schnell.

Ein ältere Frau, die sich als Patty vorstellt, sagt: "Ich habe seit Dienstagabend nichts Warmes mehr gegessen." Es sei schwer, keinen Strom und kein Netz zu haben. "Meine Familie in anderen Teilen des Landes kann mich nicht kontaktieren, nur wenn ich hier rausfahre."

"Ian" womöglich tödlichster Hurrikan in der Geschichte Floridas

Nach Angaben der Behörden wird der Wiederaufbau Monate und zum Teil auch Jahre dauern. Sheri Naegele im Gulf Shore Boulevard sagt dazu: "Wir haben eine große Aufgabe vor uns, für Tränen ist später noch Zeit." Es gebe in diesem Ausnahmezustand immer wieder Momente der Erschöpfung, "in denen man einfach nur kaputt ist, aber wenn man diese Emotionen überwunden hat, kann man sich wieder an die Arbeit machen."

Umfassende Angaben zu Opferzahlen gab es auch am Freitag nicht. Die Behörden in Florida rechneten damit, dass mindestens 21 Menschen durch den Sturm ums Leben gekommen sind. Klarheit gebe es darüber aber noch nicht. US-Präsident Joe Biden hatte am Donnerstag düstere Befürchtungen geäußert und gesagt: "Dies könnte der tödlichste Hurrikan in der Geschichte Floridas sein."

mad / Magdalena Tröndle, DPA

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