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Nach Sturm "Ian" in Florida Wie das Hurrikan-Management die US-Präsidentenwahl beeinflussen kann

Ron DeSantis informiert über den Verlauf von Hurrikan Ian
Floridas Gouverneur Ron DeSantos muss sich beimn Krisenmanagement zum Hurrikan "Ian" beweisen – auch mit Blick auf eine mögliche Präsidentschaftskandidatur
© Robert Kaufmann / Fema / Planet Pix via Zuma Press Wire / DPA
Die Fähigkeit, für ein gutes Krisenmanagement auch politischen Streit beiseite zu wischen, ist entscheidend für US-Politiker. Hurrikan "Ian" fordert nun Floridas Gouverneur DeSantis und US-Präsident Biden gleichermaßen. Pikant: Die beiden könnten sich 2024 ums Weiße Haus duellieren.

Es braucht inzwischen einen ausgewachsenen Hurrikan, um die tiefen Gräben zwischen den beiden politischen Lagern in den USA zu überwinden. Angesichts der Verwüstungen in Florida durch Hurrikan "Ian", einem Wirbelsturm von zerstörerischer Stärke, haben der republikanische Gouverneur des "Sunshine States", Ron DeSantis, und der demokratische US-Präsident Joe Biden alle Differenzen beiseite geschoben und mehrfach miteinander telefoniert. Man will bei der Katastrophenhilfe zusammenarbeiten. Es gehe hier schließlich darum, den Menschen zu helfen, sagte Bidens Pressesprecherin Karine Jean-Pierre während eines Pressetermins im Weißen Haus, bevor der Sturm seine Verheerungen anrichtete. Mindestens zwölf Menschen kamen ums Leben.

Die Konstellation ist pikant. Ron DeSantis versus Joe Biden – so könnte durchaus in zwei Jahren das Duell ums Weiße Haus lauten. Dass der 44-jährige Gouverneur entsprechende Ambitionen hat, ist ein offenes Geheimnis. Er gilt weithin als Donald Trumps härtester Rivale um die Nominierung des republikanischen Kandidaten. In einigen umkämpften Bundesstaaten, darunter auch Florida, sehen ihn die Umfragen derzeit gleichauf oder sogar in Führung. Die jüngste Zivilklage wegen Betrugs, die Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Sturm aufs Kapitol und weitere Verfahren lassen die Unterstützung für den Ex-Präsidenten schwinden. Nicht in erster Linie bei der eigenen Klientel, aber bei den so wichtigen Wechselwählern. Bald schon könnte es für die Grand Old Party zu riskant werden, Trump erneut zum Präsidentschaftskandidaten zu machen. Hält diese Tendenz an, verfestigt sie sich, dürfte DeSantis' Stunde schlagen.

Ron DeSantis: Hurrikan "Ian" als Schlüsselmoment

Wenn, ja wenn er sich jetzt als Krisenmanager bewährt. Der Sturm gilt unter politischen Beobachtern als Schlüsselmoment für DeSantis' weitere politische Karriere. Bringt er Florida gut durch diese Katastrophe, kann er glaubhaft den Kümmerer geben, dürfte seiner Wiederwahl bei den Midterms im November nichts mehr im Wege stehen. Der Triumph im "eigenen" Land wiederum, diesem auch bei Präsidentschaftswahlen so wichtigen Swing State Florida, gilt als Voraussetzung dafür, in das Rennen um eine Präsidentschaftskandidatur zu gehen.

DeSantis liegt in den meisten Umfragen ohnehin vorn, der Sturm kommt ihm nun noch zu Hilfe. Denn seinem demokratischen Herausforderer Charlie Crist sind durch "Ian" praktisch die Hände gebunden. Es sei jetzt nicht die Zeit, die Leistung des Gouverneurs zu beurteilen, sagte Crist während einer Pressekonferenz am vergangenen Dienstag. Dabei müsste er weniger als 40 Tage vor der Wahl eigentlich auf Angriff schalten. Doch der Versuch, sich quasi auf dem Rücken von Katastrophenopfern zu profilieren, wird von US-Wählern in aller Regel bestraft.

Bei Katastrophen gilt: Keine Politik ist die beste Politik

"Die Wähler erwarten von Politikern aller Couleur, dass sie die Schwerter niederlegen, wenn eine Katastrophe eintritt", zitiert das Polit-Portal "The Hill" Stewart Verdery, während der Amtszeit von George W. Bush stellvertretender Minister für innere Sicherheit. Zudem stärke es generell die Glaubwürdigkeit, wenn man als Politiker darauf verweisen könne, dass man bei einer überparteilichen Aufgabe Verantwortung übernommen hat, so Verdery. "Wenn es um etwas so potenziell Katastrophales und Verheerendes geht wie einen Hurrikan so stark wie 'Ian', ist die beste Politik keine Politik", resümiert auch der Politikberater und frühere demokratische Abgeordnete Chris Carney. Dass dennoch in Washington spekuliert werde, ob man sich zusammenrauft oder nicht, sei ebenso wenig überraschend wie letztlich überflüssig.

Allerdings hatte DeSantis, nicht erst seit der kürzlichen Migranten-Verschickung von Florida auf die Oberschicht-Insel Martha's Vineyard in Massachusetts auf politischem Konfrontationkurs mit Biden, dem Präsidenten eine Falle gestellt. Noch habe der sich nicht bei ihm gemeldet, ließ DeSantis die Öffentlichkeit wissen kurz bevor der Hurrikan Florida traf. Die Leitungen seien frei, er wolle dem Präsidenten gerne die Lage erklären. Biden tappte jedoch nicht hinein, machte nicht einmal Anstalten, auf die kleine Provokation zu reagieren. Inzwischen haben sich der Gouverneur und der Präsident längst mehrfach über Hilfen für Hurrikan-Opfer ausgetauscht. Wie so oft in Katastrophenfällen wird Washington auch diesmal helfend zur Seite springen. Biden ließ daran keinen Zweifel und DeSantis lobte inzwischen mehrfach die Bereitschaft des Weißen Hauses, in dieser Notsituation zusammenzuarbeiten. Das sogar in der Sendung des Trump-treuen Moderators Sean Hannity im konservativ ausgerichteten TV-Sender Fox News.

Krisenmanagement nach "Ian": Chance und Prüfung für beide

Ein gutes Krisenmanagement in Florida, darin sind sich Experten weitgehend einig, wird beiden Männern nutzen. Für Biden ist es zugleich eine willkommene Gelegenheit, sich auf dem Terrain von DeSantis zu zeigen und gegebenenfalls sogar zu punkten. Schon seit einiger Zeit drängen Parteistrategen der US-Demokraten darauf, dass sich Joe Biden nicht nur auf ein mögliches Duell mit Donald Trump bei der Wahl 2024 einstellt. Viel zu lange habe die Führung der demokratischen Partei DeSantis gewähren lassen, heißt es, um erst allmählich festzustellen: Der Mann aus Florida könnte der "beängstigendere Kandidat" der anderen Seite sein.

In Florida könnte Biden zudem auf einem Gebiet Stärke zeigen, das als ausgemachte Schwäche von DeSantis gilt. Der Gouverneur ist bekannt dafür, klare Kante zu zeigen und den politischen Gegner gekonnt zu attackieren. Doch selbst seine größten Fans, so heißt es, halten DeSantis nicht für einen allzu empathischen Menschen. Mitgefühl zu zeigen für die, die schwere persönliche Folgen durch den Hurrikan erlitten haben, werde eine enorme Herausforderung für DeSantis. "Jede:r Politiker:in muss in einer solchen Notsituation zeigen, dass er oder sie sich um die Menschen seines Staates kümmert, sich einfühlen und die Probleme verstehen kann, mit denen sie konfrontiert sind",  betont Tobe Berkovitz, Spezialist für politische Kommunikation. "Das ist sehr, sehr wichtig", insistiert der emeritierte Professor der Universität Boston.

Zumindest für die Wahl im November wird der Eindruck, den DeSantis in diesen Tagen macht, wichtig sein. Ob sich in zwei Jahren noch viele daran erinnern werden, ob der Mann aus Florida genügend Mitgefühl und Menschlichkeit gezeigt hat, muss sich dagegen zeigen. "Der Wähler", so eine Binsenweisheit der Politikwissenschaften, vergisst schnell.

Quellen: The Hill (1); "Washington Post" (Bezahl-Inhalt); "Time"; The Hill (2); Nachrichtenagentur DPA

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