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stern-reportage

Shitstorm gegen 16-Jährigen: Der Junge und der getötete Wal

Das Leben des 16-jährigen Chris Apassingok verlief ruhig und unspektakulär, geprägt von den Traditionen seines Volks in einem Dorf in Alaska. Eines Tages tötete er einen Wal. Ein Bild davon gelangte ins Internet. Danach war für Chris nichts mehr wie zuvor.

Alaska: Junge tötet einen Wal - und das verändert sein Leben komplett

Der erste Bissen, den er noch auf dem Boot nimmt, nachdem sie gebetet haben, um dem Tier zu danken, das sein Leben für sie ließ, schmeckt mild und auch ein wenig würzig wie Seegras. Chris Apassingok genießt seinen großen Moment, das Fleisch im Mund und das Lob der Männer von den anderen Booten. Er denkt daran, wie die Leute im Dorf ihn feiern werden. An die Leute in der Welt da draußen denkt er nicht.

Wie soll er auch ahnen, dass dieser Moment des höchsten Glücks auch der seines größten Unglücks werden würde.

Chris Apassingok hat einen Wal gefangen.

Das Tier ist gewaltig, 18 Meter lang. Und Chris ist gerade einmal 16 Jahre alt, selbst die Ältesten erinnern sich an niemanden, dem so etwas in solch einem Alter gelang. Das ist der Stoff, aus dem eine Legende geboren wird in dem kleinen Dorf im äußersten Nordwesten Alaskas.

Ein Jäger brauche die Stille

Vor wenigen Jahrzehnten noch wäre die Heldensaga von Chris und dem Wal auf der Insel geblieben, wieder und wieder erzählt und ausgeschmückt von einigen zahnlosen Alten an endlosen Winterabenden. Heute springen Geschichten in den sozialen Medien des Internets in Sekunden über die breitesten Ozeane, erreichen selbst aus einem der Welt so abgewandten Ort wie Gambell, gelegen auf der Insel St. Lawrence inmitten des Beringmeers, 80 Kilometer bis Russland, 280 bis zum amerikanischen Festland, erreichen also Geschichten selbst aus diesem so lebensfeindlichen Niemandsland Abertausende Menschen in aller Welt, von denen die allermeisten noch nie einen Wal abseits eines Bildschirms gesehen haben.

Heute fängt ein 16-Jähriger einen Wal, und die Welt dreht durch.

An diesem Morgen, es ist die Woche 20 danach, tritt Chris Appasingok um kurz vor neun aus der Tür des dunklen Hauses; seine Eltern sagen, sie haben vergessen, die Stromrechnung zu bezahlen. Er hat sich vergraben in seiner Tarnfleckjacke, und trotzdem beißen Kälte und Wind. Die Sonne hat sich hier, so weit im Norden, noch immer nicht emporgekämpft.

Chris Apassingok mit seiner Harpune. An der Spitze des Geschosses befindet sich eine Sprengstoffladung, die im Körper des Wals explodiert

Chris Apassingok mit seiner Harpune. An der Spitze des Geschosses befindet sich eine Sprengstoffladung, die im Körper des Wals explodiert

Die Überreste seines Wals sieht er deshalb kaum, obwohl sie nur 20 Meter entfernt liegen. Aber er kann sie riechen. Die Hautfetzen, die noch an dem gewaltigen Rückgrat hängen – es ist länger als das Haus seiner Familie –, die winzigen Reste des fauligen Fleisches daran, die der Krähenschwarm noch nicht entdeckt hat. Die salzige Luft des Meers mischt sich mit dem süßlichen Gestank der Verwesung, der die Nase für den Rest des Tages besetzt hält wie eine feindliche Armee. Los, sagt der Vater.

Chris steigt auf das Quad. Ein Junge mehr als ein Mann, das liegt nicht nur an seinen weichen Gesichtszügen, sondern auch an seiner Schüchternheit, die er nur überwinden kann, wenn seine Mutter bei ihm ist und ihn ermuntert: Erzähl doch mal.

Er rede nicht viel, weil er Jäger sei, sagt Chris dann langsam. Ein Jäger brauche die Stille.

Vater und Sohn fahren stumm mit dem Quad über den Kies, auf dem Gambells verwitterte Stelzenhäuser stehen, vorbei an den Holzgestellen, an denen Robbenfleisch, Lachs und Walrossfelle zum Trocknen hängen. Endlich geben die ersten Sonnenstrahlen den Blick frei auf Dutzende Walgerippe, die wie trockene Äste in den Himmel ragen.

Der Junge und der getötete Wal

Ein Mädchen sitzt auf dem Kieferknochen eines Wals beim Dorf Gambell in Alaska, der Heimat von Chris und seiner Familie. Walfang gehört seit Jahrhunderten zur Tradition der hier ansässigen Ureinwohner

Der Aufbruch zur Jagd

Gambell ist ein Ort der Knochen. Die der Wale, Robben, Walrösser und Vögel, sie liegen am Strand oder überall verstreut vor den Hütten im Kies. Die der Menschen, sie liegen oben hinter den Klippen in schlicht gezimmerten Särgen oder dem, was nach Jahren davon übrig geblieben ist, weil Särge hier nicht vergraben werden können, gegen den Permafrostboden kommt kein Spaten an. Noch immer schreiben Chris Menschen, die auch ihn am liebsten dort hinter der Klippe liegen sehen würden. Es hört nicht auf, sagt sein Vater. Er steuert das Quad vorbei an dem einzigen Laden für die gut 700 Einwohner des Dorfs, fast ausschließlich Nachfahren der Ureinwohner, Yupik. Vater und Sohn fahren vorbei am winzigen Flughafen, doch für die Tickets ans Festland hat hier nur selten jemand Geld. Dann hält er vor Gambells größtem Gebäude, vor dem nun der halbe Quad-Fuhrpark des Dorfs steht. Die Schule. Hier geschah es, dass Chris' kleine Welt von der großen Welt da draußen ins Wanken gebracht wurde, als ein Mitschüler ihn beiseitenahm und von dem Hass erzählte, der aus der unbekannten Ferne auf ihn niederprasselte.

Die Ältesten versetzte das in Unruhe. Chris ging nicht mehr in die Schule, wochenlang, selbst die Mutter bekam kaum ein Wort aus ihm heraus. Ihre Stimme wird noch heute brüchig, wenn sie davon erzählt, was ihrem Sohn widerfahren ist und welche Sorgen sich alle um ihn machten. Sie sagt: Warum nur geht ein alter Mann wie Paul Watson, ein berühmter Tierschützer, der so viel erreicht hat, warum geht der auf meinen Sohn los?

Merle Apassingok, ein Onkel von Chris, beobachtet seine Enkel zu Hause beim Spielen. Die meisten Familien leben in einfachen Holzhäusern

Merle Apassingok, ein Onkel von Chris, beobachtet seine Enkel zu Hause beim Spielen. Die meisten Familien leben in einfachen Holzhäusern

An jenem Tag, der Paul Watson in das Leben von Chris bringen sollte, fuhren sie nach Sonnenaufgang hinaus, fünf Boote, in einem sein Vater, seine Cousine und er, Wind von Ost, 15 Knoten, hinter ihnen verschwanden die vom Wetter geschundenen Häuser des Dorfs, am Horizont zeichneten sich die Berge Russlands ab.

Sie waren auf der Jagd nach einem Wal.

30 Seemeilen fuhren sie, vorbei an Eisschollen und entlang der Walrouten, die schon ihre Vorfahren gekannt hatten und deren Verlauf sie weitergaben von Generation zu Generation. Jedes Jahr müssen sie weiter hinausfahren auf der Suche nach Walen, es liegt am Klimawandel, glaubt der Vater. Das Leben hier auf der Insel war immer hart, sagt er. Aber seit ein paar Jahren werde es immer härter. Vor vier Jahren hatten sie so wenig Walrosse, Robben und Wale erlegen können, dass der Staat Notrationen auf die Insel fliegen musste.

Aus dem Wind wurde nun ein Sturm, Wellen peitschten gegen das kleine Aluminiumboot, und der Vater sagte, wir fahren besser zurück. Der Jagderfolg kam auf dem Rückweg, kein Wal zwar, aber immerhin eine Bartrobbe, erlegt mit der Harpune. Um neun Uhr zerlegten sie endlich erschöpft die Robbe am Kiesstrand, da rief Chris' Cousine Liana: Ich sehe eine Walflosse!

Alaska: Junge tötet einen Wal - und das verändert sein Leben komplett

Ein Jäger mit besonderem Sinn

Chris und sein Vater konnten es erst nicht glauben, ein Blick durchs Fernglas, doch, tatsächlich: ein Aghveq, wie sie in ihrer Sprache sagen, ein Grönlandwal. Sie ließen das Boot erneut ins Wasser und sahen nach 700 Meter Fahrt den Wal wieder auftauchen, er schwamm Richtung Westen.

Grönlandwale sind majestätische Tiere, allein ihr Maul kann bis zu fünf Meter lang werden, und aus ihren Blaslöchern können sie bis zu vier Meter hohe Fontänen schießen. 10.000 soll es von ihnen noch geben.

Doch kein Grönlandwal ist wie der andere, das hat Chris von seinem Vater gelernt: Manche siehst du nur einmal auftauchen, dann nie wieder. Diesen Wal hatte er nun schon das zweite Mal gesehen, ein gutes Zeichen. Wo würde er hinschwimmen? Chris hielt die Harpune in seinen Händen. Sein Vater meldete an Land: Wir jagen einen Wal. Wir brauchen weitere Boote.

Gambell liegt auf einer Insel vor der Westküste Alaskas. Rund 700 Menschen haben sich hier angesiedelt

Gambell liegt auf einer Insel vor der Westküste Alaskas. Rund 700 Menschen haben sich hier angesiedelt

Diese Nachricht hörte auch Chris' Großvater, dessen UKW-Empfänger fast immer eingeschaltet ist, er hält sich damit auf dem Laufenden. Er war selbst einmal Kapitän eines Walfangboots, damals, als sie noch in Walrosshaut-bespannten Booten zur lautlosen Jagd hinausgesegelt waren. Der Großvater hatte Chris später oft zum Jagen mitgenommen, dem Enkel eingebläut: Wenn du ein guter Jäger werden willst, muss du eine tiefe Ruhe in dir haben und den Ältesten gegenüber gehorsam sein, um ihre Weisheit zu erlangen.

Der Großvater hatte diesen Satz von seinem Vater gehört, und der wiederum von seinem Vater, und man weiß gar nicht, welcher Vater ihn zum ersten Mal an seinen Sohn richtete, fest steht nur, dass es vor sehr langer Zeit gewesen sein muss, denn die Yupik jagen seit 2000 Jahren Grönlandwale im Beringmeer.

Der Urgroßvater von Chris soll 13 Wale getötet und das Dorf so am Leben gehalten haben. Und im Fleisch mancher Wale, die sie heute fangen, finden sie noch abgebrochene steinerne Speerspitzen ihrer Vorfahren, die im 19. Jahrhundert keinen Jagderfolg hatten, ein Grönlandwal kann über 200 Jahre alt werden.

"Wir würden ohne die Jagd nicht überleben"

Und Chris, er hörte auf seinen Großvater, wenn der ihn das Jagen lehrte. Es war, als stecke etwas Außergewöhnliches in dem Jungen, als besitze er einen besonderen Sinn. Als hätte Gott ihm seinen Jagdsegen erteilt, so sagt es sein Vater, der ihn schon auf die Jagd mitnahm, als Chris noch Windeln trug. Mit elf erlegte er seinen ersten Eisbären.

An diesem Tag nun, so Gott wollte, einen Wal.

Schwer lag die Harpune in Chris' Händen, und es fühlte sich für ihn wie göttliche Fügung an, dass der Wind plötzlich abklang und das Meer still dalag wie ein schlafendes Kind. Ihre fünf Meter lange Nussschale von einem Aluminiumboot schaukelte nur leicht. Chris starrte ins dunkle Meer. Ein Schatten. Wenige Meter vor dem Bug tauchte er auf, der Rücken des Wals zerteilte das Wasser.

Ruhig bleiben.

Er hob die Harpune. Zielte. Bat Gott: Lass uns ihn kriegen. Drückte den Abzug.

Zu dieser Zeit stand die Mutter am Fenster ihres Hauses und starrte hinaus aufs Meer. Einmal hatte sie einen Tag und eine Nacht auf ihre Männer gewartet, da war das Boot im Eis eingefroren, und als sie Chris wieder in ihre Arme schloss, waren ihre Augen verquollen.

Der Friedhof von Gambell. Die Särge werden nur überirdisch abgestellt der Permafrostboden ist mit dem Spaten nicht zu durchdringen

Der Friedhof von Gambell. Die Särge werden nur überirdisch abgestellt der Permafrostboden ist mit dem Spaten nicht zu durchdringen

Wir würden ohne die Jagd nicht überleben, sagt sie. Im Dorfladen kostet alles bis zu dreimal so viel wie auf dem Festland, der Orangensaft zwölf Dollar, eine Tüte Chips elf und das Waschmittel 20, das Brotregal ist manchmal wochenlang leer. Ein Walross, eine Robbe ist viel wert in dieser Welt. Ein Wal: unbezahlbar.

Die Harpune traf. Doch sie blieb nicht stecken. Ein zweiter Schuss von einem anderen Boot. Das große Tier verlor seine Lebenskraft, der gewaltige Körper drehte sich mit dem Bauch nach oben. Es war nun Chris' Wal, das entschieden die Jäger auf den Booten, ihm gelang der erste Schuss. Zwei Stunden dauerte es, bis sie ihn mit den Booten an die Küste gezogen hatten

und dann mit zwei Traktoren an Land. Vier Tage, bis sie ihn zerlegt hatten.

Die Wut des Tierschützers

Der Großvater wachte zusammen mit den Ältesten darüber, dass jeder im Dorf seinen gerechten Anteil bekam. Es war danach kein freier Platz mehr in den Gefrierschränken von Gambell und kein anderer Gesprächsstoff im Ort als die Heldentat von Chris. Seine Mutter fotografierte ihn vor dem erlegten Wal und postete das Foto in ihrem Facebook-Account. Redakteure einer Lokalzeitung vom Festland nahmen Notiz, schrieben einen Artikel, den sie selbst wiederum ins Internet stellten.

Paul Watson kennt diese Zeitung nicht, denn er lebt über 6000 Kilometer entfernt in Vermont. Aufregen konnte er sich dennoch, denn dazu gibt es ja Facebook und die anderen sozialen Medien, und auf diesem Weg gelangte die Nachricht von Chris am Ende auch zu ihm.

Paul Watson empfängt heute barfuß in seinem Haus in den Hügeln Vermonts. Der Gründer der Umweltschutzorganisation "Sea Shepherd", der vor allem mit seinem militanten Kampf gegen die japanische Walfangflotte berühmt wurde, führt in sein Arbeitszimmer, das mit den Schiffsgemälden und Standgloben wirkt wie die Kajüte eines Piratenkapitäns. Auf dem Schreibtisch ein großer Computermonitor, er steuere gerade zwölf Schiffe mit 250 Mann im Kampf gegen die Walfänger, Delfinschlächter und Schildkrötentöter, erklärt Watson. An die Wut, die in ihm aufstieg, als er das Foto dieses Jungen sah, wie er da eitel wie ein Trophäenjäger vor dem Tier posierte, erinnere er sich sehr gut, sagt er. Sie entlud sich wie ein Gewitter auf seine Computertasten. Er schrieb auf seiner privaten Facebook-Seite: "What the fuck, du 16-jähriger, mordender kleiner Bastard! Ein 16-jähriges Kind wird wie ein beschissener Held gefeiert dafür, dass er das Leben dieses einzigartigen, intelligenten, sozialen und fühlenden Wesens ausgelöscht hat. Aber hey, es ist ja okay, weil das Töten von Walen ist ja Teil seiner Kultur, seiner Tradition. Ich scheiße auf diese politisch korrekte Haltung, dass einige Gruppen von Leuten das Recht hätten, einen Wal zu töten."

Susan, die Mutter von Chris. Sie hatte ihren Sohn mit dem Wal fotografiert und das Foto dann im Internet gepostet

Susan, die Mutter von Chris. Sie hatte ihren Sohn mit dem Wal fotografiert und das Foto dann im Internet gepostet

Paul Watson sagt, er stehe zu seinen Worten. Er verurteile jeden Menschen auf dieser Welt, der einen Wal töte, egal, wie alt er sei oder woher er komme, und er werde das tun, solange er lebe. Der Wal, den Chris getötet habe, sei schon durch die Meere geschwommen, als Thomas Jefferson auf Erden wandelte, man müsse sich das einmal vor Augen führen! Es gebe für ihn, sagt Watson, keine kulturelle Rechtfertigung für Leid und Tod, das würden auch seine vielen Freunde unter den amerikanischen Ureinwohnern so sehen, vor allem nicht, da die Jäger in Gambell heute mit Dynamitbestückten Harpunen unterwegs seien, das habe mit Tradition nichts mehr zu tun. Und außerdem könne er doch nichts dafür, was dann passierte.

"Ich hoffe, du erstickst am Walfleisch"

Auf Facebook war Chris bis zu diesem Zeitpunkt eher selten gewesen, mal hatte er Fotos von seinen neuen Sneakern gepostet, mal Nachrichten mit seinen Tanten ausgetauscht. An diesem Abend aber loggte er sich ein, weil er in der Schule von Paul Watsons Tirade gegen ihn gehört hatte.

Mama, komm mal, er hielt seiner Mutter das Smartphone hin. Und der trieb dieser Wirbelsturm des Hasses, mit dem Fremde in aller Welt auf Watsons Facebook-Post reagierten, Tränen in die Augen.

"Du kleines Arschloch. Ich hoffe, du erstickst am Walfleisch. Du verdienst den Tod. Harpunier deine Mutter. Ich bringe dich zur Strecke. Stirb! Ich werde mit dir machen, was du mit dem Wal gemacht hast."

Wie ein Urzeitmonster: die verfaulenden Überreste des von Chris erlegten Wals auf einer Wiese bei Gambell

Wie ein Urzeitmonster: die verfaulenden Überreste des von Chris erlegten Wals auf einer Wiese bei Gambell

Seine Schwester gab nach 400 hasserfüllten Nachrichten und Todesdrohungen das Zählen auf. Sie kamen aus allen Teilen der USA, sogar aus Europa. Für Chris war das alles zu viel und zu groß. Er war nur einmal außerhalb Alaskas gewesen, bei einem Jugendtreffen in Indianapolis. Doch die Drohungen, sie hörten nicht auf, zuletzt: Ich hoffe, dass euer ganzer Ort stirbt. Chris sagt heute, er habe versucht, sie zu ignorieren. Seine Mutter sagt: Du hattest Tränen in den Augen, sobald jemand davon sprach. Wir kamen nicht mehr an dich ran. Du hast dich zu Hause verkrochen, bist nicht zur Schule gegangen und deshalb sitzengeblieben.

Chris blickt starr auf den Boden. Er sagt, Paul Watson habe er doch aus dem Fernsehen gekannt, aus der Sendung "Whale Wars", dort jagt er die kommerzielle Walfangflotte der Japaner, warum jage er jetzt ihn, der ja nur jage, um seine Familie, seine Gemeinde zu ernähren. Er sei keiner von denen, nur ein Neqeniighta, dafür gebe es kein Wort auf Englisch, nur diese Umschreibung: ein Jäger, der seine Gemeinde versorgt.

Unheimliche Mächte da draußen

Er ist nach der Schule in die Küche gekommen, der Vater schneidet kleine Stückchen aus dem Blubber, der Fettschicht des von Chris erlegten Wales. Sie tunken das Fleisch in Salz und Sojasoße. Walfleisch, sagt der Vater, ist gut für das Herz. Gut gegen Diabetes. Und wenn man Walfleisch isst, heilen Wunden schneller. Er erzählt dann, wie der Hass aus dem Internet den Ort in Furcht versetzte, wie der Ältestenrat zusammenkam, um darüber zu beraten, ob man hier noch eine Zukunft habe, wenn selbst die Jagd verboten würde. Wie die Erinnerung hochkam an die Unterdrückung durch die Yankees, an deren Walfangflotten, die ihnen im 19. Jahrhundert die Nahrung nahmen, an deren Richter, die ihnen bis vor wenigen Jahrzehnten die Kinder raubten, weil sie die Einheimischen nicht für fähig hielten, diese zu erziehen.

Wollten ihnen die Mächte da draußen nun auch den letzten Teil ihrer Identität nehmen? Die Erinnerung an die Yankees war jedenfalls wieder da, in Form von Drohungen aus dem Internet, in Form von Nachrichten dieser Missionare aus den Metropolen, die vom Leben in der Natur träumen, aber keine Ahnung haben, wie verdammt hart das ist, wenn der Teller leer ist und man keinen Biosupermarkt um die Ecke hat.

Die Globalisierung, sie hatte sich auch einen dieser letzten toten Winkel gegriffen, und die Menschen in Gambell fürchteten sich davor, ihr altes Leben und ihre letzten Gewissheiten an sie zu verlieren. Und Chris, er fürchtete sich einige Tage lang um viel mehr, um sein Leben. Das erzählt seine Mutter. Er selbst würde das niemals zugeben.

Paul Watson hingegen fürchtete sich nicht, als auch bei ihm nach seinem Facebook-Post Morddrohungen gegen ihn und seine Familie eingingen. Er hat mehr als 700. 000 Facebook-Follower, er weiß, dass das Internet Menschen einander nahebringen kann, aber nicht unbedingt zusammen.

Chris hofft, dass er weiter jagen kann, dass er eines Tages seinen Kindern den Satz seiner Ahnen einbläuen kann: Wenn du ein guter Jäger werden willst, musst du eine tiefe Ruhe in dir haben und den Ältesten gegenüber gehorsam sein, um ihre Weisheit zu erlangen. Er hofft, dass er die Welt wieder rausbefördern kann aus dem Leben auf seiner Insel.