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Drama auf der Zugspitze: Schuldsuche nach dem Todeslauf

Zwei Bergläufer kommen auf der Zugspitze ums Leben. Sie waren leicht bekleidet, starben im Schneetreiben. Wie konnte dieses Unglück passieren? Ein Grund für den dramatischen Ausgang des Laufs könnte die mangelnde Kommunikation zwischen zwei Verbänden sein.

Von Christian Gressner

In plötzlich einsetzendem Schneetreiben sind am Sonntag zwei Bergläufer auf der 2962 Meter hohen Zugspitze an Erschöpfung gestorben. Nun erhebt der Senioreneuropameister im Berglauf, Helmut Reitmeir, schwere Vorwürfe gegen den Veranstalter des Extremberglaufs. "Es ist unverzeihlich, dass da am Sonntag zwei Menschen sterben mussten. Das wäre einfach nicht nötig gewesen", sagte Reitmeir der Nachrichtenagentur "DDP" in München. Angesichts der Wettervorhersagen habe er beschlossen, nicht an dem 16 Kilometer langen Lauf teilzunehmen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Man prüfe, ob es einen Verdacht auf fahrlässige Tötung gebe, sagte Oberstaatsanwalt Rüdiger Hödl. Gegen den Veranstalter Peter Krinninger gebe es derzeit jedoch kein Ermittlungsverfahren. Denn: "Im Grundsatz hat jeder Läufer auch eine Verantwortung für sich selbst", sagte Hödl.

Ein Grund für den dramatischen Ausgang des Laufs könnte die mangelnde Kommunikation zwischen zwei Verbänden sein: Der Bayerische Leichtathletikverband und der Deutsche Alpenverein (DAV) haben sich nie über Bergläufe und die damit verbundenen Gefahren ausgetauscht. "Der DAV hat hier leider keine Möglichkeit der Einflussnahme; Berglauf ist eine Laufdisziplin und deshalb bei der Leichtathletik angesiedelt", sagt Andrea Händel, Sprecherin des Alpenvereins, zu stern.de.

Extremberglauf war nicht angemeldet

Bislang müssen Bergläufe beim Leichtathletikverband in Bayern nicht genehmigt werden. Wenn der Veranstalter will, kann er sich mit seinem Wettkampf registrieren lassen. Dafür erhält er vor allem die Sicherheit, dass im näheren Umkreis keine konkurrierende Veranstaltung stattfindet. Für eventuelle Unfälle führt der Verband außerdem einen Härtefonds und hat eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen. Die Angehörigen der Zugspitz-Opfer hätten wohl Anspruch auf Geld aus diesem Fonds, wenn der Lauf angemeldet wäre, sagt Anton Thalhammer, Geschäftsführer des Bayerischen Leichtathletikverbandes.

Doch der Garmischer Veranstalter Krinninger hatte seinen achten Zugspitz-Extremberglauf anders als im Vorjahr nicht beim Verband in München angemeldet. Wenn er das getan hätte, hätten die Sportfunktionäre zwar weniger auf die Ausrüstung der Läufer für das hochalpine Gelände geachtet als vielmehr auf die Verteilung der Altersklassen. Dennoch: "Es macht sicher Sinn, mit dem Leichtathletikverband zu sprechen", sagt DAV-Sprecherin Händel. "Wir stehen als Ratgeber gerne zur Seite."

Nach den zwei Todesfällen wird der Leichtathletik-Verband jetzt aktiv. Ein Kriterienkatalog soll erstellt werden, den er den Veranstaltern künftig an die Hand geben will, sagt Anton Thalhammer. Darin werde auch der Hinweis enthalten sein, die aktuelle Wetterlage zu beachten. Er schränkt jedoch ein, der Katalog "kann nie verpflichtend sein". Verhaltensregeln könne der Verband niemandem vorschreiben. Angeblich hingen am Start Zettel mit einer Warnung vor einem möglichen Wetterumschwung und der Aufforderung, sich warm anzuziehen. Ob, und wenn ja, wie er die Teilnehmer des Laufes vor dem Wetter gewarnt hat, wollte Organisator Peter Krinninger auf Nachfrage von stern.de nicht sagen. Er verwies auf die Staatsanwaltschaft.

Dass ein Wetterumschwung wie der am Sonntag in den Alpen schnell und mit fatalen Konsequenzen eintreten kann, ist beim Alpenverein natürlich bekannt. Der DAV empfiehlt Bergsteigern für hochalpine Wanderungen unter anderem wetterfeste Kleidung, Handschuhe und Mütze sowie ein Biwaksack, der in Notfällen Schutz vor Unterkühlung bietet. Die Teilnehmer an dem Zugspitz-Extremberglauf hatten all das nicht dabei, sie liefen in dünnen, zum Teil kurzen Laufhosen und T-Shirts durch zentimeterhohen Neuschnee zum 2962 Meter hohen Gipfel.

Im Winter gibt es Pflichtausrüstung

Die Ausrüstung der Bergsteiger ist laut DAV-Sprecherin Händel jedoch nicht ohne weiteres für Läufer geeignet. Die Teilnehmer müssten bei dem Wettkampf Gewicht sparen und seien außerdem deutlich kürzer am Berg unterwegs als Bergsteiger. Aber auf "Skitouren-Rennen", bei denen die Teilnehmer auf Skiern möglichst schnell den Berg hinauflaufen, ist anders als bei Sommer-Bergläufen eine Pflichtausrüstung vorgeschrieben: Die Sportler müssen Rücksack, Windjacke, Rettungsdecke, Handschuhe und Mütze dabei haben, sagt Händel. Ein Lawinen-Verschütteten-Suchgerät tragen sie ebenfalls, damit sie im Ernstfall gefunden werden können. "Diese Rennen finden aber auch im Hochwinter statt, das ist ein Unterschied", sagt Händel.

An dem Rat des DAV scheint man beim Leichtathletikverband nicht interessiert zu sein. Er habe nicht vor, in nächster Zeit mit dem ebenfalls in München sitzenden Alpenverein zu sprechen, sagt Thalhammer. Für die beiden toten Sportler kommt jedes Gespräch der Funktionäre ohnehin zu spät. Auch der Garmischer Veranstalter Peter Krinninger leidet unter den Folgen des Dramas. "Ich bin zutiefst deprimiert, die Veranstaltung habe ich ins Leben gerufen und sie hat sehr vielen Läufern Freude bereitet. Dass sie so ausgeht, ist tragisch."