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Experte über Strahlung am AKW Fukushima: "Den Helfern sollte das Risiko bewusst sein"

In Fukushima kämpfen Arbeiter weiter darum, das havarierte Atomkraftwerk unter Kontrolle zu bekommen. Gleichzeitig fordern Experten der Umweltschutzorganisation Greenpeace eine Ausweitung der Evakuierungszone. Aber wie gefährlich ist es für die Menschen in und um Fukushima tatsächlich? Ein Gespräch mit Physiker Helmut Hirsch (61), Experte für Nuklear-Sicherheit.

Der österreichische Physiker rät Anwohnern vom Bleiben ab und rechnet mit größeren Sperrgebieten. Bei den Reparaturarbeiten am Atomkraftwerk sieht er keine Alternative. Der Experte hat bei Hannover ein Büro als wissenschaftlicher Berater für nukleare Sicherheit.

Japaner aus Notunterkünften kehren in die 20-Kilometer-Evakuierungszone rund um Fukushima zurück. Andere wollen nicht freiwillig von dort weggehen. Wie bewerten Sie das?

"Zum Bleiben in dieser Zone würde ich nicht raten. Da gibt es Kontamination. Und wir wissen nicht, was noch nachkommen wird. Die Menschen nehmen kein bekanntes Risiko auf sich, sondern etwas, dass sie nicht abwägen können. Die freigesetzten Mengen an Radioaktivität sind beträchtlich und können noch zunehmen. Ich kann mir gut vorstellen, dass noch größere Gebiete geräumt werden müssen. Teilweise auch auf Dauer."

Wie riskant ist es für die Helfer in Fukushima?

"Es war von Anfang an sehr riskant. Ich gehe davon aus, dass dort einige Arbeiter hohe Strahlendosen abbekommen haben. Bei allen Menschen, die dort eingesetzt sind, ist die Wahrscheinlichkeit erhöht, später an Krebs zu erkranken. Man muss Hochachtung haben vor diesem Einsatz. Wenn der Standort für längere Zeit verlassen würde, fielen früher oder später alle improvisierten Maßnahmen aus. Dann haben wir Kühlungsverluste in allen Kernen und Lagerbecken. So schlimm es jetzt schon ist: Dann wird es noch viel schlimmer. Deshalb kann ich die Entscheidung verstehen, die Leute nicht abzuziehen. Ich hoffe nur, dass gewährleistet ist, dass den Helfern das Risiko bewusst ist. Und sie selbst entscheiden können, ob sie das wollen."

Wären Roboter eine bessere Hilfe?

"Ich stelle mir das schwierig vor, wenn auch nicht als völlig unrealistisch. In Japan gibt es große Erfahrung mit Industrierobotern. In einem Reaktorgebäude ist es aber immer eng und unübersichtlich. In Fukushima sind die Gebäude auch noch teilweise zerstört. Ich frage mich, ob ein Roboter da eine Chance hat. Selbst ferngesteuert und mit eine Kamera ausgerüstet, ergibt sich für den Menschen, der ihn steuert, nur ein begrenzter Blickwinkel."

Interview: Ulrike von Leszczynski/DPA / DPA
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