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Die Helden von Fukushima: Alltag in der Strahlenhölle

Seit mehr als zwei Wochen arbeiten zahlreiche tapfere Menschen unermüdlich am Unglücksreaktor von Fukushima. Jetzt haben einige von ihnen einen bedrückenden Einblick in ihren Arbeitsalltag gegeben.

Von Carsten Heidböhmer

Sie werden die "Helden von Fukushima" genannt: Seit gut zwei Wochen arbeiten Mitarbeiter der Tokioter Feuerwehr unter höchstem persönlichen Risiko daran, den Unglücksreaktor von Fukushima unter Kontrolle zu bekommen. Drei haben sich der japanischen Presse gestellt und von ihrem Einsatz erzählt. Sie sind keine Angestellten der Regierung, sondern der Stadt Tokio. Man hat sie gerufen, als alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft waren. Sie bekamen den Einsatzbefehl - und mussten noch in derselben Nacht in die Unglückszone ausrücken.

"Wir waren auf einer Mission, für die wir nicht ausgebildet wurden", sagt ein Arbeiter. "Die Männer zeigten den größten Stolz und die größte Moral und haben ihr Bestes gegeben. Ihre Familienmitglieder mussten diese Situation mitansehen. Ich muss mich wirklich bei ihnen entschuldigen und ihr Verständnis würdigen." Unter Tränen sagt er noch: "Das ist alles, was ich für den Moment zu sagen habe."

Ein anderer erzählt, wie er seine Angehörigen über seinen Einsatz informierte: "Ich habe meiner Frau eine E-Mail geschrieben und gesagt: 'Ich habe einen Noteinsatz-Befehl bekommen. Ich gehe nach Fukushima. Ich verspreche dir, dass ich gesund heimkommen werde. Vertraue mir.'"

Nur zwei Mahlzeiten am Tag

Ein Mann berichtet von der harten Arbeit: "Wir mussten diesen riesigen, 100 Kilo schweren und 50 Meter langen Wasserschlauch transportieren." Alle drei möchten jetzt vor allem schlafen und trinken - der Einsatz ist extrem belastend. Dass sie unter inakzeptablen Umständen arbeiten, hat inzwischen auch die japanische Regierung eingeräumt. Industrieminister Banri Kaieda bestätigte, dass die Arbeiter nur zwei Mahlzeiten am Tag bekämen und in Konferenzräumen und Gängen in einem der Kraftwerksgebäude schliefen. Es gebe nicht einmal genug Bleidecken für alle Arbeiter, um sie vor der gefährlichen Strahlung aus dem Boden zu schützen.

Kazuma Yokota von der japanischen Reaktorsicherheitsbehörde Nisa schildert den Tagesablauf folgendermaßen: Um 6 Uhr morgens stehen die Männer auf. Zum Frühstück bekommen sie 30 "Überlebenscracker" und ein Glas Fruchtsaft. Ein Mittagessen gibt es nicht. Gegen 17 Uhr kehren die völlig erschöpften Arbeiter zu ihren Unterkünften zurück. Zum Abendessen gibt es wieder Notrationen: Instant-Reis, der mit heißem Wasser essfertig gemacht wird, dazu eine Dose mit Huhn oder Fisch.

"Im Werk wird man täglich verstrahlt"

Die "Tagesthemen" zeigten einen Arbeiter, der fünf Tage in Fukushima gearbeitet hat: "Kaum Verpflegung gibt es, und wir übernachten in einem Gebäude in der Nähe der Reaktoren auf Bleiplatten, um uns vor den Strahlen zu schützen", sagte er in dem Filmbeitrag. Über die gesundheitlichen Auswirkungen des Einsatzes macht er sich keine Illusionen: "Im Werk wird man täglich verstrahlt."

Auch die britische Zeitung "The Sunday Telegraph" konnte mit einigen Feuerwehrmännern sprechen. "Es war viel schlimmer, als ich es mir vorgestellt hatte. Überall lagen Trümmer herum", berichtet einer von ihnen. Gekleidet sind sie nur mit einem dünnen Schutzanzug, darüber die Feuerwehr-Kluft, dazu eine leichte Atemschutzmaske. Es sind nicht genügend Profi-Schutzanzüge für alle vorhanden.

Die Arbeiter haben ihre Familien schon seit Beginn ihres Einsatzes nicht mehr gesehen. "Ich habe die ganze Zeit Angst, aber ich weiß, dass es wichtig ist und gemacht werden muss", sagt ein 32-Jähriger. So machen sie unermüdlich weiter. Ganz Japan ist stolz auf sie. Insbesondere ihre Familien stehen hinter der Mission, sagen die Männer. Die Ehefrau eines Arbeiters gab ihrem Mann mit auf den Weg: "Sei der Retter von Japan!"

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