HOME

Flughafen Charles-de-Gaulle: Spekulationen über Terminal-Einsturz

Der Bau war ein Prestigeobjekt: Die "Kathedrale aus Beton, Stahl und Glas" hat 3.000 Euro je Quadratmeter gekostet und sollte Frankreichs Image dienen. Nach dem Teileinsturz mit Todesopfern wird über Pfusch am Bau gemunkelt und auch ein Abriss wird nicht mehr ausgeschlossen.

Das "kühne technische Meisterwerk" liegt in Trümmern und mit ihm ein gutes Stück französischen Selbstbewusstseins. Größer, prächtiger, viel effizienter und dabei billiger als vergleichbare Bauwerke sollte das Terminal 2E sein. Das futuristische Schaufenster des Pariser Flughafens Charles-de-Gaulle sollte architektonische Zeichen setzen. Es sollte der Air France einen uneinholbaren Vorsprung vor der Lufthansa beim Angebot interkontinentaler Umsteigeflüge schaffen und den Investoren die Privatisierung der Flughafengesellschaft ADP schmackhaft machen. Stattdessen befasst sich jetzt die Justiz mit der Ruine des Prestigebaus und es ist unklar, wann hier je wieder ein Flugzeug andocken wird.

Neue Knackgeräusche

Denn nach dem Teileinsturz der Flughalle waren am Montag abermals Knackgeräusche zu hören. Die Halle wurde daraufhin sofort evakuiert, wie eine Flughafenmitarbeiterin sagte. Zwar wurde der Terminal 2E nach dem Dacheinsturz komplett abgesperrt. Allerdings hielten sich am Montag Ermittler, Polizisten und andere Arbeiter in der Halle auf. "Wir fürchteten, es könnte ein neues Problem geben", begründete Corinne Bokobza von der Flughafenverwaltung die Evakuierung. "Wir gehen kein Risiko ein."

Die Flughafenleitung erwägt den vollständigen Abriss des Terminals. Wenn die Ringkonstruktion nicht zu retten sei, werde die Halle abgerissen, sagte der Chef der Pariser Flughafenbehörde, Pierre Graff, der Zeitung "Le Parisien".

Der Flughafen sei "wie die Concorde oder die Atombombe" ein "Baby des französischen Wirtschaftsnationalismus" und solle dem Ansehen Frankreichs dienen, analysiert "France Soir". "Das ist nicht immer sehr rentabel, aber man fühlt sich stolz als Franzose, wenn man das funktionieren sieht." Nach dem plötzlichen Teileinsturz mit vier Todesopfern sei "das Bild des französischen Könnens voll ins Herz getroffen". Denn jetzt ist statt reibungsloser Routine gallisches Improvisationstalent gefragt. Auch der "Figaro" stellt das "elitäre" Konzept des Terminals in Frage. Die "Kathedrale aus Beton, Stahl und Glas" habe 3.000 Euro je Quadratmeter gekostet; in den USA baue man "Schuhschachteln" für 700 Euro je Quadratmeter, doch die funktionierten.

Spekulationen blühen

Einen Tag nach dem Einsturz des 30 mal 20 Meter großen Teils der Wartehalle herrschte am Montag bei Architekten und Statikern noch Ratlosigkeit. "Die besten Experten sind vor Ort. Sie sind wie wir: Sie sind fassungslos", sagte ADP-Präsident Pierre Graff. Der für den Bau verantwortliche Stararchitekt Paul Andreu nahm in Peking, wo er eine Oper baut, das erste Flugzeug nach Paris, um sich selbst ein Bild von der Lage zu verschaffen. Während die Untersuchungen anlaufen, blühen die Spekulationen.

These eins: Es war Pfusch. Der Bau erfolgte unter starkem Zeitdruck. Air France hatte sich auf eine Eröffnung im April 2003 eingestellt, doch die Arbeiten verzögerten sich. Mit Sonderprämien wurde noch unter Hochdruck gearbeitet, als das Terminal im Juni 2003 eröffnet wurde. Dennoch wurde das Terminal 20 Prozent billiger als das Vorgängerterminal 2F. Viele Gewerkschafter sind sicher: ADP und Air France sind mit ihrem Preis- und Termindruck für das Unglück verantwortlich. ADP hält dagegen: Die Sicherheitsprüfungen haben nie die Struktur der Halle in Zweifel gezogen. Bei der Verzögerung ging es um nebensächliche Mängel bei Anzeigen und Telefonsystemen.

Pfusch oder Konstruktionsfehler?

These zwei: Die Konstruktion ist falsch. Das Terminal hat die Form eines ungleichen H. Neben dem 450 Meter langen Abfertigungsgebäude schwingt sich eine 650 Meter lange Wartehalle mit Brücken zu 17 Flugzeug-Andockstationen. Die ADP bestand darauf, dass diese mit Glas verkleidete, 70 Meter breite Röhre aus Stahlbeton sich ohne Säulen selbst trägt. Das ist praktisch, elegant - und heikel. Die Betonzylinder dehnen sich bei Hitze bis zu 8 Zentimeter mehr aus als der Glasmantel. Flexible Aufhängungen und eine besondere Belüftung waren nötig, um den "Treibhauseffekt" zu neutralisieren. Bei Regen soll das Dach genässt haben. War das Konzept zu kühn?

Die Prüfung wird zeigen, ob sich die Experten verrechnet haben, Fehler beim Bau passierten oder eine andere Ursache den Ausschlag gab. Doch eines scheint schon sicher: Die Zweifel an der Politik der Prestigebauten bleibt.

Hans-Hermann Nikolei, dpa / DPA