Hintergrund Eine tödliche Kettenreaktion


Nicht nur der Fluglotse ist schuld - warum die beiden Jets 11 000 Meter über dem Bodensee zusammenstießen.

Theoretisch hätte die tödliche Kollision von Überlingen gar nicht passieren können. Jedes Flugzeug im gewerblichen Luftverkehr wird überwacht. Die Lotsen sitzen vor Radarschirmen, die nicht nur die Position jedes Flugzeugs, sondern auch seine augenblickliche Flugrichtung und Höhe anzeigen.

Doch der Lotse Peter Nielsen, der am 1. Juli 2002 bei Skyguide in Zürich-Kloten Dienst hatte, übersah minutenlang die Kurse der Maschinen, obwohl sich insgesamt nur fünf Flugzeuge in seinem Sektor aufhielten - eine gewöhnliche Belastung. Erst etwa 50 Sekunden vor dem drohenden Zusammenprall bemerkte Nielsen die Gefahr und gab der russischen Besatzung Sinkbefehl: "Descend Level 350, expedite Descent." (Sinken Sie auf Flugfläche 350; beschleunigen Sie Sinkflug).

Nielsen war in diesen Minuten allein im Kontrollturm. Sein Kollege war - entgegen der Dienstvorschrift - in der Pause. Nicht der einzige verhängnisvolle Fehler. In den Radargeräten der Flugsicherung ist eine Sicherung eingebaut, die Alarm gibt, wenn Maschinen auf Kollisionskurs sind. Doch dieser Computer, "Short Term Conflict Alert" (STCA), war an diesem Abend wegen einer Routine-Wartung abgeschaltet.

Und doch hätte auch jetzt noch alles gut gehen müssen: Jedes größere Passagierflugzeug verfügt über ein Warngerät, das den Verkehr in etwa 70 Kilometer Umkreis überwacht. Dieses "Traffic Alert and Collision Avoidance System", abgekürzt TCAS und ausgesprochen "Tikass", kontrolliert wie STCA am Boden fortlaufend die Flugkurse und -höhen benachbarter Maschinen.

Die TCAS sind so ausgefeilt, dass sie sich automatisch über Ausweichkurse verständigen. 44 Sekunden vor dem Crash meldete die TCAS dem Boeing-Piloten der deutschen Fracht-Spedition DHL: "Descend, Descend!" (Sinken, Sinken!). An den Kapitän der baschkirischen Tupolew erging der Befehl: "Climb, climb!" (Steigen, Steigen!). Der Lotse hatte sie Sekunden zuvor angewiesen, um 1000 Fuß (305 Meter) zu sinken. Die Elektronik befahl ihnen zu steigen. Wem sollten sie folgen?

Westliche Piloten kennen in dieser Situation kein Zögern: Sie lassen den Lotsen reden und folgen blind ihrem TCAS. Weil sie wissen, dass ihnen nur noch wenige Sekunden Zeit bleiben, reißen sie reflexartig das Steuer herum - und drücken danach die Sprechtaste, um den Lotsen am Boden per Funk über das ungeplante Manöver zu informieren. Genau so verfuhr DHL-Kapitän Paul Phillips.

Der russische Kapitän Alexander Gross tat erst einmal gar nichts. Er überlegte. Das amerikanische Gerät, eigens für Flüge im westlichen Ausland eingebaut, war ihm fremd. Widerspruch gegen eine Autorität war ihm erst recht fremd. Nach 25 Sekunden Abwarten tat er das Falsche: Er folgte der Anweisung des Lotsen Nielsen. Folge: Die Flugzeuge sanken einander entgegen - ein Lufthansa-Pilot beobachtete den Feuerball der Kollision aus 160 Kilometer Entfernung.

Peter Thomsen print

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