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Kreuzende Kurse: Die Flugzeugkatastrophe von Überlingen mit 71 Toten

Vor 15 Jahren kam es zu einem der schlimmsten Flugzeugunglücke im deutschen Luftraum: Bei Überlingen stoßen eine DHL-Frachtmaschine und eine Tupolew zusammen - 71 Menschen sterben. Mehr als ein Jahr nach der Katastrophe kommt es zu einem Mord.

Bashkirian Airlines

Ein historisches Foto der Tupolew Tu-154 der Bashkirian Airlines 

Die Flugreise nach Barcelona sollte eine Belohnung sein. Per Charterflug wollten die 49 zum Teil hochbegabten Kinder im Alter zwischen acht und 16 Jahren aus Ufa, der Hauptstadt der Republik Baschkortostan in Russland, mit ihren Eltern in die katalanische Metropole fliegen. Am Abend des 1. Juli 2002 hob ihr Flug gegen 21 Uhr Ortszeit vom Moskauer Airport Domodedowo ab. Es handelte sich um eine russische Tu-154 der Bashkirian Airlines.

Ungefähr zwei Stunden später startete am selben Abend eine Frachtmaschine von im norditalienischen Bergamo. Das Ziel der Boeing 757 mit zwei Mann im Cockpit war Brüssel.

Gegen 23.20 Uhr erreichten beide Jets den süddeutschen Luftraum über dem Bodensee. Die zuständige Stelle für die Überwachung des war die Flugsicherungsgesellschaft Skyguide in Zürich. Dort hatte für den Sektor - entgegen den Vorschriften - nur ein Fluglotse Dienst. Außerdem war durch Wartungsarbeiten die Telefonanlage nicht funktionstüchtig.

Bashkirian Airlines

Die Reste des Hecks der abgestürzten Tupolew Tu-154


Die Tupolew befand sich auf der Flugfläche 360 (flight level 360), die  auf Flugfläche 260. Doch um Kerosin zu sparen, fragte der Boeing-Pilot bei dem Fluglotsen Peter Nielsen in Zürich an, ob er auf Flugfläche 360 steigen könnte. Nielsen gab ihm die Erlaubnis. Gegen 23.30 Uhr befanden sich beide Maschinen auf derselben Flughöhe.

Schon damals waren beide Verkehrsflugzeuge mit dem Kollisionswarnsystem TCAS ausgestattet. Prompt schlugen die Systeme um 23.34 Uhr Alarm. Das Gute am Traffic Alert and Collision Avoidance System (TCAS): Bei der Unterschreitung eines Sicherheitsabstandes ertönt in beiden Cockpits nicht nur eine Warnung, sondern das System errechnet auch korrespondierende Ausweichempfehlungen. So sollte die Tupolew in den Steigflug gehen, die DHL-Maschine in den Sinkflug.

Crash über Owingen bei Überlingen

Gleichzeitig erkennt auch der Flugloste am Boden die Situation, dass die Maschinen aufeinander zufliegen. Doch er macht einen entscheidenden Fehler: Er gibt dem Kapitän der Tupolew die Anweisung nach unten, auf Flugfläche 350, zu fliegen. Die russische Crew bemerkt den Widerspruch, diskutiert und erhält abermals die Aufforderung der Bodenstation zum Sinkflug, dem sie dann sofort folgt, wie später Auswertungen der Black Box ergeben.

2007 vor dem Bezirksgericht in Bülach bei Zürich: Angehörige der Absturzopfer demonstrieren bei einem der vielen Prozesse um Schadensersatz.

2007 vor dem Bezirksgericht in Bülach bei Zürich: Angehörige der Absturzopfer demonstrieren bei einem der vielen Prozesse um Schadensersatz.


Vergeblich versucht das Upper Area Control Center in Karlsruhe die Kollegen in Zürich telefonisch zu erreichen. Um 23.35.32 Uhr kommt es zur Kollision im Himmel über Owingen bei Überlingen am Bodensee: 50 Sekunden nachdem das TACS-System Alarm geschlagen hatte, durchtrennt das Seitenleitwerk der Frachtmaschine den Rumpf der Tupolew mit 69 Menschen an Bord kurz vor dem Flügelansatz. Alle 71 Insassen beider Flugzeuge kommen ums Leben. Die Trümmer fallen auf Felder und unbewohntes Gebiet, verteilen sich Quadratkilometer weit. "Überall lagen Leichen von Kindern verstreut und aufgeplatzte Koffer mit Kleidung", berichtet ein Augenzeuge der Gemeinde Owingen.

Konsequenzen der Katastrophe

Mehr als 1000 Helfer beteiligten sich an der Bergung der Wracks, eine traumatische Erfahrung für alle Beteiligten. Die umfangreiche Untersuchung des Unglücks führte zu der Sicherheitsempfehlung, dass TCAS-Kommandos für Piloten seitdem verpflichtend sind - unabhängig von mündlichen Anweisungen der Flugsicherung, um ähnliche Katastrophen zu vermeiden.

Bis zum Jahre 2013 dauerten mehrere Gerichtsverfahren der Hinterbliebenen auf Schadensersatz gegen Skyguide und Versicherungsgesellschaften. Auch leitete die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung ein Verfahren gegen Skyguide-Mitarbeiter ein, die mit Verurteilungen und Bewährungsstrafen endeten.

Witali Kalojew

Der Ossete Witali Kalojew verlor bei dem Absturz seine Frau und zwei Kinder


Einer der Hinterbliebenen, der bei dem Unglück von Überlingen seine Frau und zwei Kinder verloren hatte, der Ossete Witali Kalojew, übte Selbstjustiz: Er reiste im Februar 2004 nach Zürich und erstach den Fluglotsen Peter Nielsen vor dessen Haus in Kloten. Der Täter wurde festgenommen und zu acht Jahren Haft wegen vorsätzlicher Tötung verurteilt. Nach seiner Entlassung aus der Haft kehrte er in seine Heimat zurück und wurde dort als Held gefeiert.

Gedenkstätte in Überlingen-Brachenreuthe im Bodenseekreis: Anlässlich des zehnten Jahrestages des Absturzes stellen Jugendliche Kerzen für die Opfer des Flugzeugabsturzes in Form einer Spirale auf.

Gedenkstätte in Überlingen-Brachenreuthe im Bodenseekreis: Anlässlich des zehnten Jahrestages des Absturzes stellen Jugendliche Kerzen für die Opfer des Flugzeugabsturzes in Form einer Spirale auf.



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