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Flugzeugunglück vor 40 Jahren: Wie der Kopilot den Crash auf Teneriffa erlebte

Bob Bragg ist einer der wenigen Überlebenden der Kollision zweier Jumbojets auf Teneriffa mit 583 Toten. Der PanAm-Pilot sah das Horror-Unglück aus der Cockpit-Perspektive. 40 Jahre später spricht erstmals auch ein Passagier über die Katastrophe.

Teneriffa-Unfall 1977

Ein Meer von Trümmern: Am 27. März 1977 kollidierten auf dem Piste 12 des Flughafens von Teneriffa zwei Jumbojets. 583 Menschen kamen ums Leben.

Bob Bragg drehte sich um und erkannte, dass das gesamte Oberdeck hinter seinem Kopilotensitz abrasiert war. Das Dach der Boeing 747 war verschwunden: Der Rumpf war vom Fahrwerk des zweiten Jumbojets zerschmettert und brannte. An dieses Horror-Bild erinnert sich der Kopilot einer der beteiligten Flugzeuge immer wieder. Es handelt sich um den schlimmsten Zusammenstoß zweier Flugzeuge in der Geschichte der Luftfahrt, als am 27. März 1977 auf der Piste des Flughafens von Teneriffa zwei Jumbojets kollidierten. Nur wenige überlebten den Crash. Einer von ihnen war der Kopilot der noch am Boden befindlichen PanAm-Maschine.

An jenem Sonntagnachmittag sah die fünfköpfige Besatzung im Oberdeck plötzlich den hellblauen Jumbojet von KLM auf der Piste 12 des Flughafens Los Rodeos auf sich zurasen. Bob Bragg vernahm "einen Stoß und ein Schütteln", wie er später erzählte. Die andere Boeing 747 der niederländischen KLM konnte zwar noch abheben, streifte jedoch mit dem Fahrwerk und einem Flügel den Rumpf der am Boden rollenden PanAm-Maschine.

Bragg griff instinktiv nach oben, um die Notgriffe zu ziehen - "vier an der Decke angebrachte Hebel, die die Versorgung mit Kerosin, Luft, Elektrizität und Hydraulik an den Triebwerken unterbrechen", schreibt Patrick Smith auf der Website askthepilot.com, der den damaligen Kopiloten für einen Dokumentarfilm vor zehn Jahren interviewte.

Unmittelbar nach dem Crash waren Bragg und Kapitän Victor Grubbs "allein in ihren Sitzen, auf einem kleinen, ausgesetzten Hochsitz zwölf Meter über dem Boden." Damit ist das Cockpit im Upper Deck des PanAm-Jumbos gemeint. Der zweite Offizier George Warns und die Person im Jumpseats hingen noch angeschnallt, aber kopfüber in ihren Sitzen, wo wenige Sekunden zuvor noch die Kabine der ersten Klasse war.

300 Meter hohe Rauchfahne

Die Crew hatte keine andere Wahl als zu springen. Bragg und Grubbs standen auf und landeten drei Häuserstockwerke tiefer im Gras. Wie durch ein Wunder verletzte sich Bragg nur am Knöchel. Die anderen Cockpit-Mitglieder schnallten sich los und brachten sich über das Hauptdeck in Sicherheit.

Noch immer liefen die Triebwerke mit ohrenbetäubendem Lärm. "Bragg erinnert sich, wie sich die riesige Triebwerksschaufel von einem der Triebwerke löste und zu Boden krachte", schreibt Smith. Dann stand der gesamte Rumpf in Flammen. Im vorderen Teil des Jumbos gab es noch Überlebende, die sich auf den linken Flügel gerettet hatten. Bragg ermunterte sie zum Sprung. "Ein paar Minuten später explodierte der zentrale Treibstofftank des Flugzeugs, und eine über 300 Meter hohe Rauchfahne stieg zum Himmel auf." 

Die Rettungsmannschaften waren zum Wrack des anderen KLM-Jumbos gerast und "hatten noch nicht erkannt, dass zwei Flugzeuge in das Unglück verwickelt waren, eines davon mit Überlebenden", schreibt Smith. Schließlich öffnete die Flughafenverwaltung die Tore und forderte jeden mit einem Fahrzeug auf, zur Absturzstelle zu fahren und zu helfen.

"Bob Bragg erzählt die Geschichte, wie er dort im Nebel steht, umgeben von fassungslosen und blutenden Überlebenden, wie er das brennende Flugzeug sieht, als plötzlich ein Taxi aus dem Nichts auftaucht" - und ihn rettet, erzählt Smith.

"Das ist das Ende"

Zu den 61 Überlebenden der Flugzeugkatastrophe gehört neben der Cockpit-Crew des PanAm-Jumbos auch die Passagierin  Joan Feathers. Sie lebt heute in Phoenix im Bundesstaat Arizona. Erstmals nach 40 Jahren hat sie sich zu Wort gemeldet. In einem Interview vor wenigen Tagen mit "CBS" erinnert sie sich an den Albtraum vom 27. März 1977: "Ich saß da und dachte: Das ist das Ende". Umgeben war sie von kleinen Brandnestern. Ein mitreisender Arzt aus Chicago, der bereits am Boden war, half ihr. "Springe, ich werde dich fangen." Sie sprang und überlebte.

Als sie das Wrack verlassen hatte, sah sie "die viele kleinen Brände, die immer größer wurden, also lief ich weiter. Und es waren nicht einmal 15 Sekunden, bis das Flugzeug explodierte", sagt Feathers, "wie eine Atombombe".

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Kopilot Bragg überlebte nicht nur das Unglück, sondern überwand auch das Trauma des Absturzes. Schon wenige Monate später saß er wieder im Cockpit eines Jumbojets und flog später für United Airlines, die die Transpazifik-Flugrouten der bankrotten PanAm in den späten 1980er Jahren übernommen hatte. Als Jumbo-Pilot ging er in den Ruhestand und verstarb am 7. Februar 2017. 


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