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Bad Neuenahr Passivhaus von der Flut weggespült: "Da versucht man, was gegen den Klimawandel zu tun ..."

Christian Joistgen in den Trümmern seines klimagerechten Hauses
Christian Joistgen in den Trümmern seines klimagerechten Hauses. "Da versucht man, was gegen den Klimawandel zu tun, und dann das", sagt er.
© Theo Barth / stern
Christian Joistgen wollte möglichst ökologisch leben und baute eines der ersten Passivhäuser in Rheinland-Pfalz. Nun hat das Hochwasser ausgerechnet sein klimagerechtes Heim zerstört.
Von Hannah Möller
Die Flut hat Christian Joistgens Haus aus den Angeln gehoben und mehrere Meter verschoben. Vor dem Hochwasser war es eines der ersten Passivhäuser in Rheinland-Pfalz, bis Mittwochnacht stand es in der Mörikestraße von Bad Neuenahr. Joistgen, Informatiker und Vater zweier Töchter wollte einen Beitrag für die Umwelt leisten. "Wenn wir schon bauen, dann klimagerecht", dachte er damals. Jetzt sagt er: "Alles umsonst." 
Als das Hochwasser kam, waren seine Mädchen, neun und zwölf Jahre alt, und er selbst im oberen Stockwerk. "Ich habe nicht gedacht, dass wir lebend herauskommen", erzählt Joistgen. Die Wassermassen umspülten das Haus, lösten es von der Bodenplatte; irgendwann bewegten sich die Wände.

Verkeilte Markise verhindert Schlimmeres

"Ich habe versucht die Kinder zu beruhigen. Haben Pläne gemacht, wie wir am besten aus dem Haus kommen", erinnert sich Joistgen an die dramatischen Momente. Sie fragten sich: Gelangen wir irgendwie auf das Vordach der Nachbarn, wo wir uns festhalten können? Oder auf den Balkon der Großeltern, die direkt nebenan wohnen? Bevor alles zusammenkrachte, verkeilte sich die Markise an einem kleinen Anbau hinter dem Haus und verhinderte Schlimmeres.
Das Wasser sei so schnell gekommen, innerhalb von 20 Minuten habe es bis unter die Decke gestanden, sagt der Vater von Christian Joistgen. Sein Haus wurde ebenfalls verwüstet. Vor zehn Jahren hat er sein Grundstück geteilt, damit sein Sohn auf einer Hälfte ökologisch bauen kann. Gerade einmal einen Euro kostet der tägliche Energieverbrauch. Gut für den Geldbeutel, gut für die Umwelt.

"Das ganze Ding muss abgerissen werden"

Seit zwei Tagen holt Joistgen nun alles aus dem Haus, was noch zu retten ist. Noch hängt der Flatscreen an der Wand, sonst ist der Raum nicht mehr als Wohnzimmer erkennbar. Auf dem Boden zentimeterdicker Schlamm. Hier und da zerborstenes Glas. Die Töchter sind bei seiner früheren Frau untergebracht. "Beide sind völlig traumatisiert", sagt Joistgen. Sie würden täglich ihren Vater anrufen und fragen, ob es ihm gut gehe. Weiter aufzuräumen, den Schlamm weg zu schippen, das ergebe alles keinen Sinn. "Das ganze Ding muss abgerissen werden", sagt Joistgen, sichtlich angefasst. "Ich schätze den Schaden auf etwa 500.000 Euro. Da versucht man etwas gegen den Klimawandel zu tun und dann passiert so etwas."
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Er hofft darauf, dass Finanzminister Olaf Scholz sein Versprechen, die Opfer zu entschädigen, in die Tat umsetzt. Joistgen ist dankbar, dass seine Familie und er überlebt haben. Eine Straße weiter wurde ein älteres Ehepaar, das sich über Stunden an der Außenseite des Hauses festgeklammert hatte, von den Fluten mitgerissen. Ihre Leichen wurden später geborgen.

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