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Das große Aufräumen in den Flutgebieten Trauer zwischen Trümmern: "Die kommen mit den Toten nicht nach"

Angela Merkel und Malu Dreyer im Hochwassergebiet
Bundeskanzlerin Angela Merkel (4.v.l.) und Malu Dreyer (5.v.l,SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, stehen am Sonntag während ihres Besuchs in den vom Hochwasser betroffenen Gebieten auf einer Brücke und sprechen mit Betroffenen.
© Christof Stache/POOL / DPA
In vielen Orten der schwer getroffenen Flut- und Hochwassergebiete ist die unmittelbare Gefahr vorüber. Das Aufräumen allerdings fängt gerade erst richtig an. Kann es je wieder so werden wie vor der Katastrophe?

Schlamm, Schutt und Schmutz überall. Trümmer türmen sich teils meterhoch. Zwischen Autowracks und Möbelresten versuchen Anwohner, ein wenig Ordnung in das Chaos zu bringen. Mit dem Zurückweichen des Wassers wird in den vom Unwetter verwüsteten Regionen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz das ganze Ausmaß der Zerstörung sichtbar. Es wird Wochen, Monate dauern, bis allein die sichtbaren Folgen der Katastrophe beseitigt sind.

Allein im Landkreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz haben nach derzeitigem Stand 110 Menschen bei der Flutkatastrophe ihr Leben verloren. Auch am Sonntag suchten Rettungskräfte in den teils völlig zerstörten Ortschaften weiter nach Opfern - teils mit Hilfe von Luftbildaufnahmen, die vom Hubschrauber aus gemacht wurden. Es sei zu befürchten, dass die Zahl der Toten weiter steigt, berichtet die Polizei in Koblenz.

Auch das kleine Städtchen Bad Neuenahr-Ahrweiler gleicht einem Trümmerfeld. Bagger heben Autos an, die sich in den Gassen verkeilt haben, vor den Häusern stapeln sich Tische, Stühle und anderer zerstörter Hausrat. Anwohner wie Thomas Bähr schaufeln Schlamm aus ihren Häusern. "Das haben wir gerade erst gekauft", erzählt der Besitzer eines 300 Jahre alten Hauses.

Peter Geller wohnt direkt an der Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert. In seinem Hof wurde eine Tote angeschwemmt. Erst nach vielen Stunden seien die alarmierten Rettungskräfte gekommen, um die Leiche abzuholen. "Die kommen mit den Toten nicht nach", berichtet Geller am Samstag. Anwohner Karl-Heinz Conradt weiß von fünf Bekannten sicher, dass sie tot sind.

Das Strom- und Telefonnetz ist auch am Sonntag in vielen Orten noch ausgefallen. Frei liegende Stromleitungen gefährdeten die Menschen, warnt die Polizei. Eine Vielzahl von Straßen sei weiterhin nicht befahrbar.

Angela Merkel besucht den Ort Schuld

Angesichts der gewaltigen Zerstörungen und der vielen persönlichen Schicksale weitet das Land Rheinland-Pfalz sein psychosoziales Hilfsangebot aus. "Wir wollen die Menschen, die durch das katastrophale Unwetter den Verlust eines Menschen betrauern, selbst in existenzielle Not geraten sind oder durch die Naturgewalten ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben, nicht allein lassen", erklären Sozialminister Alexander Schweitzer (SPD), der Opferschutzbeauftragte Detlef Placzek und Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD).

Inmitten der Tragödie scheint es schwer vorstellbar, dass das Leben sich bald wieder normalisiert. "Unsere Dörfer werden nie wieder so sein, wie es war", sagte etwa Pfarrer Michael Schaefer zu Beginn der Sonntagsmesse im Eifel-Ort Adenau. Glücklicherweise habe man dort keine Toten zu beklagen. Zur Pfarreiengemeinschaft Adenauer Land gehört auch das teilweise zerstörte Dorf Schuld, in dem am Sonntagmittag Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eintraf, um sich ein Bild von der Lage zu machen.

Suche nach vermissten Angehörigen geht weiter

Auch in Nordrhein-Westfalen scheint eine Rückkehr zur Normalität in weiter Ferne zu liegen. Hier ist das große Aufräumen ebenfalls in vollem Gange. Auf der Bundesstraße 265 liegen am Samstag Autos wie riesiges Strandgut herum, zwischen und unter Lastwagen gedrückt. Die Bundeswehr hilft mit Panzern beim Aufräumen. In der 50 000-Einwohner Stadt Erftstadt seien 6000 Menschen unmittelbar von der Katastrophe betroffen, berichtet Bürgermeistern Carolin Weitzel (CDU) am Samstag. Die Infrastruktur der Stadt müsse wieder aufgebaut werden.

Im gesamten Land NRW starben nach Stand Sonntagmittag 46 Menschen bei der Flutkatastrophe. Und noch immer suchen viele nach vermissten Angehörigen. Besonders angespannt ist die Lage im Stadtteil Erftstadt-Blessem, wo Fachleute die Abbruchkanten eines Erdrutsches untersuchen. Dort war infolge der Fluten ein riesiger Krater entstanden, mindestens drei Wohnhäuser und ein Teil der historischen Burg stürzten ein. Auch die von einem Bruch bedrohte Steinbachtalsperre bereitet den Experten am Sonntag weiter Sorge.

Riesengroß ist unterdessen die Hilfsbereitschaft - sowohl unter den Anwohnern der betroffenen Gebiete als auch im Rest des Landes. Die Lager mit Lebensmittel- und Kleiderspenden seien gut gefüllt, berichten am Sonntag etwa die Kreise Euskirchen und Rhein-Erft in Nordrhein-Westfalen. Sie haben Konten für Hochwasser-Hilfen eingerichtet und bitten um Geldspenden. Denn Sachspenden gebe es derzeit genug.

Anja Garms, Ulrike Hofsähs und Jens Albes/DPA

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