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Energiewende: Musterstädtle der Energiewende: Hier entsteht die größte Passivhaus-Siedlung der Welt

Passivhaus-Wohnungen, Passivhaus-Kino, sogar ein Passivhaus-Puff: In Heidelberg entsteht die weltweit größte Siedlung ihrer Art. Allerdings: Das Viertel in Niedrigenergie-Bauweise wird bald übertroffen werden - von Nachbauten in China.

Von Markus Wanzeck

Bahnstadt Heidelberg

Die "Bahnstadt" in Heidelberg bietet modernen Wohnraum bei minimalem Energieverbrauch

stern

Die Tage werden grauer, kürzer, kühler. In ganz Deutschland steigen Heizungsverbrauch und -kosten. In ganz Deutschland? Im Badnerland, am Rande von Heidelberg, liegt ein Stadtteil, da bleiben die Heizungen kalt. Trotzdem sind die Wohnungen der "Bahnstadt" wohlig warm. Gerade so, als hätte man sie beim Richtfest mit Zaubertrank übergossen.

Im Spätsommer 2012 sind Susanne und Volker Schmidt hier eingezogen, ein Pädagogenpaar – heute ist sie, Grundschullehrerin, Mitte 30, er Anfang 40 und Lehrer für Deutsch und Geschichte am Gymnasium. Mit ihren inzwischen vier Kindern, dazu Golden-Retriever-Hündin Kyra, wohnen sie auf 140 Quadratmetern, Erdgeschoss und erster Stock, eine Maisonette-Wohnung. "Wir haben in jedem Raum eine Heizung hängen", sagt Volker Schmidt. "Aber die brauchen wir quasi nicht. Vergangenes Jahr haben wir vielleicht an zwei Tagen geheizt." Die Erklärung, die seine Frau dafür liefert, klingt fast esoterisch: "Unsere Körper wärmen die Wohnung. Dazu die Sonne. Oder wenn wir mal eine Kerze anzünden."

Ist aber keine Esoterik. Ist Physik. Die Schmidts wohnen in einem Passivhaus, so gut gedämmt, so durchdacht durchlüftet, dass tatsächlich fast keine Heizenergie mehr nötig ist. "Selbst im Winter", sagt Volker Schmidt, "fällt die Temperatur kaum mal unter 20 Grad."

Rund 30 Zentimeter dick sind die Außenwände gedämmt, noch mehr ist es an den Dächern. Die Fenster sind dreifach verglast. Im Vergleich zu Fenstern von 1990 geben sie nur noch ein Viertel der Wärme ab.

Dazu werden Wärmequellen in der Wohnung effektiv genutzt: Die Hitzeabstrahlung von Haushaltsgeräten – und, ja, von Kerzen. Die Sonneneinstrahlung, natürlich. Dazu die Körperwärme von Mutter, Vater, Kindern, Hund. "Ein Mensch produziert im Ruhezustand in etwa 50 Watt Wärmeabstrahlung", sagt Wolfgang Frey, dessen Architektenbüro in der Bahnstadt das Ökoquartier "Heidelberg Village" mit gut 160 Wohneinheiten errichtet. "Beim Sport oder wenn man eine heiße Suppe isst, können es auch mal 80 Watt sein."

Nur von innen revolutionär

All diese "passive" Wärme – daher der Name Passivhaus – wird in ein Rückgewinnungssystem eingespeist, das rund 80 Prozent der Abluftwärme recycelt, um damit die Frischluft aufzuheizen. 20 Grad warme Abluft wärmt im Winter null Grad kalte Frischluft bereits auf 16 Grad Celsius vor, ehe die Heizung überhaupt in Aktion treten muss.

In allen Räumen der Schmidt'schen Wohnung gibt es Düsen, die Frischluft verteilen. Und Absauger, die Altluft entziehen. Mit zwei Ausnahmen, erklärt Susanne Schmidt: "In Zimmern, wo wir schlafen, wird nur Luft zugegeben, in den Bädern nur abgesaugt." Im Keller: Wärmetauscher und Filteranlage. Draußen, hinter der Terrasse im Innenhof, glänzen metallisch zwei Säulen. Eingang und Ausgang der Luft.

Neben dem Heidelberger Hauptbahnhof, wo bis 1997 Güterzüge rangierten, stehen und entstehen Gebäude, die von außen austauschbar aussehen – weiß, würfelförmig, aus der Vogelperspektive eine Schuhkartonsammlung. Die es aber in sich haben. Die Wohnhäuser, die Schule, der Baumarkt: allesamt Passivhäuser. Der Luxor-Filmpalast, 15 Säle, ist das erste Passivhaus-Kino der Welt. Und der "Bienenstock" dürfte der weltweit erste Passivhaus-Puff sein.

Heidelbergs jüngster Stadtteil ist ein genügsames Musterstädtle, in zukunftsweisender Energiesparbauweise errichtet. Auf 116 Hektar, einer Fläche so groß wie 200 Fußballfelder. Die derzeit größte Passivhaus-Siedlung der Welt. Ein Holzheizkraftwerk, überwiegend mit Holzresten aus der Landschaftspflege betrieben, macht die Bahnstadt in der Bilanz zum Null-Emissions-Stadtteil. Schon 4000 Menschen leben hier. 6800 sollen es nach der Fertigstellung 2022 sein. Dann dürften, so die offizielle Schätzung, rund zwei Milliarden Euro verbaut worden sein.

Es ist eine Investition in die Zukunft. Denn die Städte von morgen werden weit weniger Energie verbrauchen müssen als die Städte von gestern und heute. Das deutsche Klimaziel für 2050 lautet: 80 bis 95 Prozent weniger Treibhausgase im Vergleich zu 1990. Zwar wurde in Deutschland im ersten Halbjahr 2018 erstmals mehr Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt als aus Kohle. Doch grünere Energie allein reicht nicht; der Verbrauch muss sinken. Und kaum irgendwo sind so große Einsparungen möglich wie beim Heizen – weil unsere Gebäude bisher Energie verschwenden.

"In Deutschland gibt es – anders etwa als in Skandinavien – keine klare politische Linie, die besagt: Wir wollen energieeffizienten, bezahlbaren Wohnraum für alle" , sagt Barbara Metz, Stellvertretende Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Umwelthilfe. Dabei entfalle gut ein Drittel des deutschen Endenergieverbrauchs auf Gebäude. Mehr noch als auf den Verkehr (29 Prozent) und Strom (28 Prozent). Laut Statistischem Bundesamt benötigen die Haushalte 70 Prozent der Gebäudeenergie fürs Heizen. "Da gibt es ein riesengroßes Einsparpotenzial", so Metz.

Passivhäuser wie in der Heidelberger Bahnstadt kommen mit maximal 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr fürs Heizen aus (was etwa 1,5 Liter Heizöl entspricht). Das sind rund zwei Drittel weniger als bei einem herkömmlichen Neubau. Und nur fünf bis zehn Prozent dessen, was ein Gebäude aus den 70er Jahren an Heizenergie benötigt. "Würden Sie im Februar im T-Shirt auf die Straße gehen?", fragt Architekt Wolfgang Frey. "Würde kein Mensch machen. Warum werden dann so viele Häuser nackt in die Landschaft gestellt – mit einer Dämmung, die diesen Namen nicht verdient?"

Dabei haben Passivhäuser nicht nur für die Klimabilanz, sondern auch für den Wohnkomfort Vorteile. Da sind die – durch die Dämmung – immer warmen Außenwände, auf denen sich kein Schimmel bildet. Da ist die überall gleichmäßig warme, stets frische Luft. "In unserer Wohnung haben wir ein supergesundes Raumklima", sagt Wolfgang Erichson, der zusammen mit seinem Ehemann eine 106-Quadratmeter-Wohnung in der Bahnstadt gemietet hat. Was ihm besonders gefällt: "Die Luft kommt gefiltert von Staub und Pollen in der Wohnung an. Für mich ist das doppelt toll: Ich bin Allergiker."

Modell für China

All das erzählt Wolfgang Erichson gern, wenn er zu Hause mal wieder Besuch empfängt. Was relativ oft vorkommt. Denn Erichson ist Umweltbürgermeister von Heidelberg – und die Liste von Bahnstadt-Interessierten aus aller Welt ist lang.

Ein weiterer Pluspunkt von Passivhäusern ist ihre Wirtschaftlichkeit. Familie Schmidt weiß zu schätzen, wie überschaubar ihre Energierechnung ausfällt. Als Volker Schmidt die Website der Stadtwerke öffnet, wo der Jahres-Energieverbrauch seiner Wohnung aufgeschlüsselt ist, erscheint eine verblüffend kleine Zahl: 2017 waren es, inklusive aller Haushaltsgeräte, 1947 Kilowattstunden (kWh). "Macht 162 Kilowattstunden pro Monat", sagt seine Frau Susanne. Zum Vergleich: Ein Fünf-Personen-Haushalt – die jüngste Tochter der Schmidts kam erst 2018 auf die Welt – verbraucht im Schnitt fast 500 kWh pro Monat.

"Die Mehrkosten beim Bau dürften bei drei bis fünf Prozent liegen", erklärt Søren Peper vom Passivhaus-Institut in Darmstadt. "Dafür gibt es massive Einsparungen beim Energieverbrauch, und das über viele Jahre. Schon allein deswegen lohnt sich das langfristig." Hinzu kommen verschiedene Förderprogramme, etwa der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Auch die Stadt Heidelberg bezuschusst Miete und Kauf von Bahnstadt-Wohnungen. Die Schmidts bekamen eine Einzugsprämie von 18.000 Euro.

Warum also werden deutschlandweit nicht nur noch Passivhäuser gebaut? Ein wichtiger Grund, neben der politischen Unentschlossenheit, sei die menschliche Neigung zur Kurzsichtigkeit, so Dominik Schäuble vom Potsdamer Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung IASS. Die könne sich beispielsweise zeigen, wenn die künftigen Eigentümer beim Neubau die Wahl zwischen dem besseren energetischen Zustand und einer höherwertigen Kücheneinrichtung hätten. "Verhaltensökonomisch bevorzugt der Mensch Ausgaben, die einen möglichst hohen kurzfristigen Nutzen bringen, gegenüber solchen, die sich im Lauf vieler Jahre oder Jahrzehnte auszahlen."

Heidelberg will es besser machen. Das wird schnell klar, wenn man das "Prinz Carl" besucht, ein pittoreskes Verwaltungsgebäude im Herzen der Altstadt. Hier, im zweiten Stock, hat Ralf Bermich sein Büro, Abteilungsleiter Energie und Klimaschutz beim Umweltamt. Bermich, Diplomphysiker, randlose Brille, Diplomphysikerbart, ist seit 25 Jahren bei der Stadtverwaltung, kurz zuvor hatte Heidelberg als erste deutsche Großstadt ein Klimaschutzkonzept beschlossen.

Seitdem haben sie den Energieverbrauch der städtischen Gebäude um mehr als 50 Prozent reduziert. Fast die Hälfte aller Heidelberger Häuser wird heute energieeffizient durch Fernwärme aus Kraft-Wärme-Kopplung beheizt. 2014 hat die Stadt beschlossen, bis 2050 klimaneutral zu werden. Dafür wird sie zum Beispiel ab 2025 nur noch emissionsfreie Busse anschaffen. "Hier in Heidelberg konnte schon sehr vieles, was ökologisch sinnvoll ist, in die Praxis umgesetzt werden", sagt Bermich.

Dazu zählt nun auch der weltgrößte Passivhaus-Stadtteil. Ein Leuchtturmprojekt. "Die Bahnstadt Heidelberg isch weltweit number one" , wie es der Freiburger Architekt Wolfgang Frey mit dem alemannisch-weltmännischen Zungenschlag eines Jogi Löw ausdrückt. Allerdings: Auch hier wackelt der Weltmeistertitel.

In China gibt es gleich drei Großprojekte, die von der Heidelberger Bahnstadt inspiriert sind: In der Küstenmetropole Qingdao, wo Freys Architektenbüro für den "Sino-German Eco Park" eine 80 Hektar große Passivhaus-Siedlung plant. In der ehemaligen Hauptstadt Nanjing. Und in Gaobeidian, rund 80 Kilometer südlich von Peking. In der dortigen "Bahnstadt" entstehen mehr als eine Million Quadratmeter Wohnfläche. Sie hat auch gleich den Namen vom deutlich kleineren Vorbild aus dem fernen Deutschland übernommen.

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