HOME

Hubschrauberabsturz in Glasgow: "Wie ein Stein vom Himmel"

Mindestens acht Menschen kostete der Absturz eines Hubschraubers in Glasgow das Leben. Augenzeugen und Angehörige berichten, wie sie die vergangene Nacht erlebten - und überlebten.

Von Ellen Ivits und Jens Wiesner

Das Bild ist so unwirklich, dass es viele Glasgower noch immer nicht fassen können: Aus dem Dach des "Clutha Vaults" ragen die Rotorblätter eines Hubschraubers. Freitagabend noch hatten in dem Musikpub in der Innenstadt über 120 Menschen ihre Pints gekippt, ausgelassen zu den Klängen der Ska-Band Esperanza gerockt. Ein ganz normaler Freitagabend - bis es gegen 22.25 Uhr plötzlich laut knallte. Und die Decke auf die ausgelassene Menge stürzte.

Einen Tag nach dem Unglück, das mindestens acht Menschen das Leben kostete, steht William Byrne neben der stahlgrauen Polizeiabsperrung, die den Unglücksort vom Rest der Stadt trennt. Er kann kaum fassen, wie knapp er mit seinem Leben davongekommen ist.

Der 45-Jährige hatte sich auf eine feucht-fröhliche Nacht mit seinen Kumpels eingestimmt - dafür schien das "Clutha" gerade recht. Der Abend begann wie geplant. Bier. Gute Musik. Ausgelassene Stimmung.

Was Byrne in dem Moment nicht wusste: Während im "Clutha" ausgelassen getanzt wurde, kämpften am Himmel der schottischen Stadt drei Menschen um ihr Leben. Die Besatzung eines Hubschraubers hatte die Kontrolle über ihren Helikopter verloren und es sollte ihr nicht mehr gelingen sie wiederzuerlangen.

Sekunden des Schreckens

"Wir hatten Spaß, die Band spielte, es herrschte eine tolle Atmosphäre", erzählte Byrne dem britischen Sender BBC. Was er weiter erlebte, kann er immer noch nicht glauben: "Es gab einen großen Knall, in den Augenblicken danach herrschte vollkommene Stille, doch dann brach das Dach auf der anderen Seite des Pubs zusammen und alles stürzte ein. Es war unglaublich. "

Ein Polizeihubschrauber vom Typ Eurocopter EC 135 T2 war aus noch unbekannter Ursache auf das Dach des einstöckigen Pubs gestürzt und durch dessen Decke gebrochen. "Das ganze Pub war plötzlich voll mit Staub. Man konnte nichts mehr sehen, nicht mehr atmen", sagte eine Besucherin. Laut einem zufällig anwesenden Redakteur der Zeitung "The Sun" fiel der Helikopter wie "ein Stein" vom Himmel. "Es war ein solch surrealer Moment. Es sah aus, als falle er aus großer Höhe mit hoher Geschwindigkeit", sagte Gordon Smart dem Sender Sky News.

Doch die Gäste gerieten nicht in Panik. Nachdem der erste Schock überwunden war, begannen die Menschen Verletzte aus dem Schutt zu befreien. Während eine Seite des Lokals so gut wie unversehrt geblieben ist, lag die andere Hälfte in Trümmern.

Verzweiflung und Ungewissheit

Genau hier saß vermutlich John McGarrigle. Der 59-Jährige war mit ein paar Freunden in den Pub gekommen. Kurz vor dem Einbruch ging einer seiner Begleiter auf die Toilette, der andere kurz vor die Tür. Das rettete den beiden Männern das Leben. McGarrigle hatte wahrscheinlich nicht so viel Glück.

Sein Sohn bangt um seinen Vater. "Als ich gehört habe, was geschehen ist, wusste ich, dass mein Vater tot ist. Dies wurde noch nicht bestätigt, aber sein Stammplatz befand sich genau unter der Einsturzstelle." Die ganze Nacht hat er nach seinem Vater gesucht, in allen Krankenhäusern nachgeforscht und auf der Rettungs-Hotline Sturm geklingelt - ohne Ergebnis. Der Mangel an Informationen bringt McGarrigle zur Verzweiflung. Er will wissen wo sein Vater ist, wo sein Körper ist.

Ein schwarzer Tag für Schottland

Am Tag nach dem Unglück bietet sich in Glasgow ein Bild des Grauens. Das Wrack des Hubschraubers vom Typ Eurokopter steckt noch immer im Dach des Gebäudes fest. Die Rettungskräfte deckten eine große Plane darüber, um den Blick auf das Horrorszenario zu verbergen. Fieberhaft versuchen die Rettungsteams, noch Überlebende zu finden, Suchhunde sind im Einsatz. "Ein schwarzer Tag für Schottland und für Glasgow", sagt Schottlands Ministerpräsident Alex Salmond zerknirscht. Er ist aber auch stolz auf die Rettungsmannschaften, die schnell und professionell gearbeitet hätten.

Der Heimatstandort des Helikopters lag etwa drei Kilometer von der Absturzstelle entfernt. Hubschrauber-Experte Stu Cahill äußerte die Vermutung, die Besatzung habe nach technischen Problemen möglicherweise auf dem Dach notlanden wollen. Da die Rotorblätter noch intakt seien, könne die Rotationsgeschwindigkeit nicht allzu hoch gewesen sein. "Der Pilot muss versucht haben, den Helikopter auf dem nächsten flachen Ort abzusetzen", sagte Cahill der BBC. Unter den Toten ist die dreiköpfige Besatzung - zwei Polizeibeamte und ein ziviler Pilot.

Mit Agenturen

Von:

und Jens Wiesner