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Kölner Stadtarchiv: Feuerwehr findet eine Leiche

In den Trümmern der eingestürzten Häuser am Kölner Stadtarchiv ist in der Nacht zum Sonntag eine Leiche gefunden worden. Die Feuerwehr barg den Toten am frühen Morgen. Es ist der bislang vermisste 17-jährige Kevin.

Rund viereinhalb Tage nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs ist eine Leiche unter den Trümmern gefunden worden. Dies teilte die Feuerwehr am frühen Sonntagmorgen mit. Nach Angaben der Polizei war zunächst unklar, ob es sich um einen der beiden vermissten Bewohner eines mit dem Archiv eingestürzten Nebenhauses handelte. "Zunächst ragte eine Hand aus den Trümmern, dann legten die Einsatzkräfte den Kopf, die Arme und den ganzen Leichnam frei", sagte ein Polizeisprecher. Der Leichnam wurde in die Rechtsmedizin Köln gebracht, um die Identität zu ermitteln. Das Ergebnis der Obduktion wird am Sonntagvormittag erwartet. "Wir werden jetzt mit der Suche in den Trümmern fortfahren", sagte ein Feuerwehrsprecher.

Die Feuerwehr hatte seit Freitag intensiv nach den beiden vermissten jungen Männern gesucht. Bis zum Samstagabend hatten sie dafür 70 bis 80 Lkw-Ladungen mit jeweils rund 15 Tonnen Schutt abgetragen. Spürhunde und schweres Räumgerät wurden eingesetzt. Zum Teil beseitigten die Einsatzkräfte Trümmer mit bloßen Händen. Insgesamt waren in der Nacht 200 Feuerwehrleute vor Ort, 20 davon suchten direkt an der Einsturzstelle.

Das Archiv und zwei angrenzende Häuser waren am Dienstag eingestürzt, vermutlich infolge des U-Bahn-Baus. Die Kölner Verkehrs- Betriebe (KVB) stehen deshalb in der Kritik. Das Magazin "Der Spiegel" berichtete, Experten hätten bereits vor fünf Jahren die Arbeiten beim Kölner U-Bahn-Bau bemängelt.

In dem Gutachten, das nach dem Absacken eines Kirchturms im Jahr 2004 erstellt worden war, wurde demnach kritisiert, dass der "Stützdruck" beim Bau eines Versorgungstunnels zu niedrig gewesen sei, um die unterirdische Bohrstelle ausreichend zu stabilisieren. Neu gegrabene Abschnitte seien nicht immer sofort mit einem schnellhärtenden Ring aus Bentonit umschlossen worden. Beim Führen der Maschinen seien "bedienungsbedingte vermeidbare Auflockerungen und Hohlraumbildungen" im Erdreich unter der Kölner Südstadt entstanden.

Der KVB-Vorstandssprecher Jürgen Fenske sagte dazu, das im "Spiegel" zitierte Gutachten habe immerhin dazu geführt, dass die Staatsanwaltschaft ihr Ermittlungsverfahren damals eingestellt habe. Im Übrigen könne er zu einzelnen Vorwürfen nicht Stellung nehmen, da dies alles Gegenstand von Ermittlungen sei.

Während die Retter am Sonntag weiter nach verschütteten Menschen suchten, bargen sie gleichzeitig Archivgut aus den Trümmern. Aus dem Schutt gezogene Dokumente wurden in Kisten abtransportiert. Der Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar, Michael Knoche, nannte den Verlust des einzigartigen Archivguts in einem dpa-Gespräch eine "Heimsuchung von biblischem Ausmaß". Es sei nach dem Elbe- Hochwasser in Dresden und dem Brand seiner Bibliothek innerhalb weniger Jahre "ein neuer dramatischer Verlust unserer nationalen Überlieferung".

René Böll, Sohn des Schriftstellers Heinrich Böll (1917-1985), sagte dem "Kölner Stadt-Anzeiger", er erlebe es als "Katastrophe", dass bei dem Einsturz ein großer Teil des Nachlasses seines Vaters verschüttet worden sei. Erst vor drei Wochen hatte er die Fotos, Manuskripte und Briefe dem Historischen Archiv übergeben: "Dort glaubten wir sie nun am sichersten Ort überhaupt aufgehoben." Die Witwe des Foto-Sammlers L. Fritz Gruber (1908-2005), Renate Gruber, empfindet den Verlust des Nachlasses nach eigenen Worten "fast wie einen zweiten Tod".

DPA / DPA