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London-Anschläge: Normalität als Gegenwehr

Die britische Polizei hat die Bürger aufgefordert, wieder ihren Geschäften nachzugehen. Indes befinden sich die Sicherheitskräfte in einer Alarmstufe, die noch höher ist als nach 9/11.

Vier Tage nach den Terroranschlägen von London kehrt die britische Hauptstadt zum Wochenbeginn zur Normalität zurück. Am ersten regulären Geschäftstag fuhren die Pendler, die am Freitag der Arbeit ferngeblieben waren, wieder in die Innenstadt. Sie wurden gebeten, besonders wachsam zu sein, berichtete der Fernsehsender BBC. Die Polizei hatte die Bürger aufgefordert, wieder zur Arbeit zu gehen. "London ist wieder offen für den Geschäftsbetrieb", sagte der stellvertretende Polizeichef Andy Trotter. "Wenn wir das nicht tun, haben die Terroristen gewonnen. Und das ist nicht das, was wir wollen."

Zweithöchste Alarmstufe

Bei den Sicherheitskräften sei die Terroralarmstufe so hoch wie nie, berichtete die Zeitung "The Times". Es sei die zweithöchste Stufe, noch höher als nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Die Ermittler gingen davon aus, dass die Täter wahrscheinlich noch am Leben seien und neue Anschläge planen könnten. Innenminister Charles Clarke hatte bereits am Sonntag gesagt: "Bis wir die Bande, die am Donnerstag diese Anschläge begangen hat, aufgespürt haben, fürchten wir natürlich weitere Anschläge."

Die britische Polizei erhofft sich von privaten Tatortbildern zusätzliche Hinweise auf die Attentäter von London. Polizeisprecher Brian Paddick rief die Bevölkerung auf, unmittelbar nach den Anschlägen entstandene Fotos, Videos und Bilder von Fotohandys den Ermittlern zugänglich zu machen. Paddick sagte: "Wir gehen davon aus, dass diese Bilder wesentliche Informationen enthalten könnten, die uns bei der Untersuchung helfen könnten." Wie der britische Fernsender BBC weiter berichtete, haben seit den Anschlägen am Donnerstag mehr als 1700 Menschen die "Antiterror-Hotline" angerufen. Nach den Worten von Paddick stellten sich einige der Angaben als "sehr, sehr wertvoll" heraus.

Drei Verdächtige freigelassen

Die Polizei hat drei Männer wieder freigelassen, die nach den Londoner Anschlägen am Flughafen Heathrow festgenommen worden waren. Gegen die drei Briten liege nichts vor, sagte ein Sprecher in der Nacht zum Montag. Ihre Festnahme stand nach Polizeiangaben nicht in Verbindung mit den Bombenanschlägen von Donnerstag.

Erste Leichen im Tunnel geborgen

Erst am Sonntagnachmittag begann die Bergung der letzten Leichen der Londoner Attentate aus einem bis zu 60 Grad heißen U-Bahntunnel. Die Gesamtzahl der Toten könnte nach Darstellung eines Arztes, der kurz in dem Tunnel war, auf bis zu 80 steigen. Hitze, Staub und Gestank setzten den Rettungskräften in der Nähe des Bahnhofs King’s Cross schwer zu. Die Bilder, die sich den Männern in der Tiefe boten, seien schrecklich, hieß es.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Terroristen am Donnerstag in London professioneller vorgegangen waren, als es zunächst den Anschein gehabt hatte. So explodierten die Bomben in den drei U- Bahnen alle binnen 50 Sekunden, vermutlich damit sich die Rettungsdienste nicht auf einen einzelnen Ort konzentrieren konnten. Außerdem benutzten die Terroristen Sprengstoff, wie ihn auch das Militär verwendet. Eine heiße Spur hat die Polizei nach eigenen Angaben noch nicht.

Woher kommen die Täter?

In London sprach die Spitze von Scotland Yard mit Polizeichefs aus aller Welt das gemeinsame Vorgehen bei der Fahndung ab. Der ehemalige Scotland-Yard-Chef Lord John Stevens meinte: "Es ist nahezu sicher, dass die Terroristen in Großbritannien geboren und aufgewachsen und mit dem Leben und den Wertvorstellungen in Großbritannien völlig vertraut sind. Ja, ich habe auch gehört, dass einige Experten sagen, es könnten algerische Terroristen gewesen sein oder Marokkaner oder Angehörige anderer Nationalitäten. Aber das ist gefährliches Wunschdenken - eine schädliche Illusion."

Innenminister Charles Clarke sagte, zu all dem könne man noch nichts sagen, es werde in viele Richtungen ermittelt. "Bis wir die Bande, die am Donnerstag diese Anschläge begangen hat, aufgespürt haben, fürchten wir natürlich weitere Anschläge", sagte der Labour-Politiker. Er sei "sehr optimistisch", dass die Täter gefasst würden: "Das Problem ist die Zeit, die dafür erforderlich ist."

Tätertheorien

Zu den Tätern in London breitete die britische Presse am Sonntag die unterschiedlichsten Theorien aus. So berichtete die "Sunday Times", eine mögliche Schlüsselfigur sei der Syrer Mustafa Setmariam Nasar, der im vergangenen Jahr schon die Anschläge in Madrid geleitet habe. Der in London lebende Marokkaner Mohammed al-Gherbouzi, den britische Medien auch als Verdächtigen genannt hatten, wehrte sich am Sonntag gegen die Vorwürfe: "Die britische Polizei sucht nicht nach mir, sie weiß wo ich bin", sagte der Islamist. Ein Scotland-Yard- Sprecher sagte, all diese Berichte seien reine Spekulationen.

Übergriffe auf Moscheen

Landesweit wurden unterdessen mehrere Übergriffe auf Moscheen gemeldet. Unter anderem habe es in London, Leeds, Telford und Birkenhead Brandanschläge gegeben. Außerdem seien zwei Moscheen in Bristol beschädigt worden.

Die Zahl der bislang bestätigten Todesopfer liegt bei 49. 31 Menschen gelten als vermisst, 62 wurden noch in Krankenhäusern behandelt. Bei den Explosionen waren 700 Menschen verletzt worden.

AP/DPA/Reuters / AP / DPA / Reuters