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London: Ungewissheit lauert unter King's Cross

Rettungskräfte dringen nur sehr langsam in den zerstörten U-Bahn-Schacht bei der Station King's Cross vor, wo noch viele Opfer der Anschläge vermutet werden. Die Polizei dementierte unterdessen, nach einem verdächtigen Marokkaner zu fahnden.

Auch zwei Tage nach den blutigen Terroranschlägen haben verzweifelte Menschen in London nach ihren Angehörigen und Freunden gesucht. Immer noch wurden viele Menschen vermisst, deren genaue Zahl die Polizei auch am Nachmittag noch nicht beziffern konnte. Es könne noch Tage dauern, bis alle Leichen aus einem schwer zugänglichen U-Bahnschacht nahe der Station King's Cross geborgen sind. Der Rundfunksender BBC sprach von 25 Vermissten. Die Zahl der Toten könnte damit auf mehr als 70 steigen. Unterdessen tauchte ein neues Bekennerschreiben einer El Kaida nahe stehenden Terrorgruppe auf, die sich bereits zu den Anschlägen von Madrid bekannt hatte, bei denen am 11. März 2004 191 Menschen starben.

Explosion fast gleichzeitig

Es verstärkten sich Hinweise darauf, dass tatsächlich islamische Extremisten hinter den Anschlägen stecken. Wie Scotland Yard berichtete, sind die drei Bomben in der Londoner U-Bahn am Donnerstagmorgen, anders als bisher angenommen, nahezu gleichzeitig explodiert. "Es machte ganz schnell hintereinander bumm, bumm, bumm", sagte Tim O'Toole vom U-Bahnbetreiber London Underground. Der Sprengsatz in einem Doppeldeckerbus explodierte ziemlich genau eine Stunde später. Vermutlich war kein Selbstmordattentäter am Werk. "Es gibt keine Hinweise darauf, dass Bomben am Körper getragen wurden", sagte ein Polizeisprecher.

Hilfe aus Spanien kommt

Diese Gleichzeitigkeit der Explosionen erinnert an die Anschläge auf Vorortzüge in Madrid. Dazu passt, dass sich dieselbe El Kaida nahe stehende Extremisten-Gruppe auch zu dem Terror in London bekannt hat. "Eine Gruppe von Mudschaheddin einer Abteilung der Abu Hafs al- Masri Brigaden hat in der Hauptstadt der Ungläubigen, der britischen Hauptstadt, einen Schlag nach dem anderen ausgeführt", hieß es in einer Internet-Erklärung auf einer Islamisten-Seite. Die Echtheit der Erklärung konnte zunächst nicht überprüft werden. Aus Spanien reisten am Samstag Polizeiexperten nach London.

Polizei dementiert Fahndung nach Marokkaner

Eine wirklich heiße Spur hatte die Londoner Polizei aber nicht. "Es wird in alle Richtungen ermittelt", hieß es bei Scotland Yard. Es werde nicht nach einer einzigen Person gefahndet. Damit dementierte die Polizei einen Zeitungsbericht, demzufolge sie den 45-jährigen muslimischen Geistlichen Mohammed al-Gerbouzi suche. Der Marokkaner lebt seit vielen Jahren in Großbritannien. Er soll nach den Angaben Verbindungen zu dem jordanischen Topterroristen im Irak, Abu Mussab al-Sarkawi, haben.

U-Bahn-Röhre immer noch heiß und staubig

Die Bergungsarbeiten in dem U-Bahnschacht nahe King’s Cross gestalteten sich schwierig. Er befindet sich etwa 30 Meter unter der Erdoberfläche und ist sehr eng. Deshalb war die Röhre immer noch extrem heiß und staubig, so dass die Rettungskräfte nur sehr mühsam in den Trümmern vorankamen.

Die Fahndung nach den Tätern lief in London auf Hochtouren. Es soll sich um eine der größten Kriminaluntersuchungen in der britischen Geschichte handeln. Dabei sollen hunderte von Stunden Filmmaterial aus Überwachungskameras ausgewertet werden, die an Bahnhöfen, U-Bahnhöfen und Plätzen der Stadt installiert sind. (Siehe auch den Artikel: "Wie Scotland Yard die Attentäter jagt")

Psychologische Betreuung der Angehörigen

Während noch rund 70 Menschen in Londoner Krankenhäusern behandelt wurden, suchten Familien verzweifelt nach Angehörigen. Mit Flugblättern und Appellen in den Medien versuchten sie, das Schicksal der Vermissten zu klären. Am Nachmittag sollte ein psychologisches Betreuungszentrum für Opfer und Angehörige im Herzen der Stadt eröffnet werden.

Staatsoberhäupter geben sich kämpferisch

Unterdessen forderte der britische Premierminister Tony Blair, dass der Terrorismus "an seinen Wurzeln" bekämpft werden müsse. In einem BBC-Interview sagte Blair, dass "alle Überwachung der Welt" Menschen nicht daran hindern könne, in einen Bus zu steigen und unschuldige Menschen in die Luft zu sprengen. "Bei dieser Art von Terrorismus liegt die Lösung möglicherweise nicht nur bei den Sicherheitsmaßnahmen", sagte er weiter. Die Verantwortlichen in den muslimischen Gemeinden müssten aufstehen und sagen, dass Gewalt nicht vereinbar mit ihrem Glauben sei. Um das Übel an der Wurzel zu packen, müssten außerdem die Bemühungen um mehr Gerechtigkeit in der Welt und einen Frieden im Nahen Osten verstärkt werden.

US-Präsident George W. Bush bekräftigte seine Entschlossenheit im Kampf gegen den Terrorismus. "Wir werden kämpfen, bis der Feind besiegt ist", sagte er in seiner wöchentlichen Radioansprache. Bush hatte die Botschaft direkt nach den Anschlägen beim G8-Gipfel in Gleneagles/Schottland aufgenommen. Nach seiner Rückkehr nach Washington hatte er sich am Vorabend in der britischen Botschaft in das Kondolenzbuch für die Opfer der Londoner Anschläge eingetragen.

DPA / DPA