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Nach Aufruf im Internet: 97-jähriger US-Veteran trifft Italiener, die er 1944 im Zweiten Weltkrieg gerettet hat

Große Wiedersehensfreude bei Martin Adler sowie Giulio, Mafalda und Giuliana Naldi (v.l.)
Auf dem Flughafen von Bologna trifft Martin Adler, Kriegsveteran aus den USA, Giulio (l.), Mafalda (r.) und Giuliana Naldi, die er während des Zweiten Weltkriegs gerettet hat
© Antonio Calanni / DPA
Wiedersehen nach fast 77 Jahren: Ein US-Kriegsveteran hat in der italienischen Stadt Bologna zwei Frauen und einen Mann wieder getroffen, die er im Zweiten Weltkrieg fast für deutsche Feinde gehalten hatte. 

Die Wiedersehensfreude war groß. Mehr als sieben Jahrzehnte lang hütete Martin Adler ein Schwarz-Weiß-Foto, das ihn als jungen amerikanischen Soldaten mit einem breiten Lächeln und drei tadellos gekleideten italienischen Kindern zeigt, die er 1944 beim Rückzug der Nazis nach Norden gerettet haben soll. Am Montag traf der 97-jährige Veteran des Zweiten Weltkriegs die drei Geschwister, die inzwischen selbst achtzig Jahre alt sind, zum ersten Mal seit dem Krieg wieder persönlich.

Genau wie damals, als er sie als 20-jähriger Soldat in ihrem Dorf Monterenzio zum ersten Mal traf, hatte er Tafeln amerikanischer Schokolade für sie dabei. Dabei hätte diese erste Begegnung damals fatale Folgen haben können. 1944 lugten die drei Gesichter der Geschwister aus einem riesigen Weidenkorb hervor, in dem ihre Mutter sie versteckt hatte, als sich Soldaten näherten. Adler dachte, das Haus sei leer, also richtete er sein Maschinengewehr auf den Korb, als er ein Geräusch hörte, weil er dachte, ein deutscher Soldat verstecke sich darin.

US-Veteran Martin Adler: "Die Mutter war ein echter Held"

Die Mutter sei herausgekommen und habe sich direkt vor sein Gewehr gestellt, um ihn davon abzuhalten, zu schießen. "Sie drückte ihren Bauch direkt gegen mein Gewehr und schrie: 'Bambinis! Bambinis! Bambinis!' und schlug mir auf die Brust", erinnerte sich Adler laut einem Bericht von Associated Press. "Sie war ein echter Held, die Mutter, nicht ich. Die Mutter war ein echter Held. Können Sie sich vorstellen, dass Sie sich vor ein Gewehr stellen und schreien 'Kinder! Nein!'".

US-Soldat Martin Adler posiert mit Bruno, Mafalda und Giuliana Naldi (v.l.)
US-Soldat Martin Adler posiert mit Bruno, Mafalda und Giuliana Naldi (v.l.) in dem Dorf Monterenzio in Norditalien
© Matteo Incerti / AFP

Damals waren die Kinder zwischen drei und sechs Jahre alt. Die Jüngste, Giuliana Naldi, ist die einzige der drei, die sich noch an das Ereignis erinnern kann, wie sie aus dem Korb kletterte und Adler und einen anderen US-Soldaten sah, der inzwischen verstorben ist. "Sie lachten", erinnert sich Naldi, heute 80 Jahre alt. "Sie waren froh, dass sie nicht geschossen hatten." Auch an die Soldatenschokolade, die in einer blau-weißen Packung geliefert wurde, hat sie lebhafte Erinnerungen. "Wir haben so viel von dieser Schokolade gegessen",  sagt sie und lacht.

Adlers Tochter suchte in sozialen Medien nach den Kindern

Es war Adlers Tochter Rachelle Donley, die sich in den sozialen Netzwerken mit dem alten Foto auf die Suche nach den Kindern von damals machte. Schließlich wurde der italienischen Journalisten Matteo Incerti, der Bücher über den Zweiten Weltkrieg geschrieben hatte, darauf aufmerksam. Er konnte Adlers Regiment und den Ort, an dem es stationiert war, anhand eines kleinen Details auf einem anderen Foto ausfindig machen. 

Das Foto mit Adler und den drei Geschwistern wurde dann in einer Lokalzeitung veröffentlicht, wodurch die Identität der drei Kinder, die inzwischen selbst Großeltern sind, geklärt werden konnte.

Da ein Wiedersehen aufgrund der Reisebestimmungen in Corona-Zeiten nicht möglich war, trafen sich die vier im Dezember 2020 zunächst per Videoschalte. "Ich bin so glücklich und so stolz auf ihn. Denn in nur einer Sekunde hätte alles ganz anders sein können. Weil er gezögert hat, hat es Generationen von Menschen gegeben", so seine Tochter. Von den drei im Weidenkorb versteckten Kindern stammen sechs Kinder, acht Enkel und zwei Urenkel ab.

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Während seines Aufenthalts in Italien wird Adler einige Zeit in dem Dorf verbringen, in dem er stationiert war, bevor er nach Florenz, Neapel und Rom weiterreist, wo er hofft, Papst Franziskus zu treffen. "Mein Vater möchte unbedingt den Papst treffen", sagte Donley. "Er möchte seine Botschaft des Friedens und der Liebe weitergeben. Meinem Vater geht es nur um Frieden.

Quellen:  Associated Press, DPA

jek

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