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Moskau im Rauch Hitzewelle quält Russland


Russland leidet unter der größten Gluthitze seit Jahrzehnten. Viele Menschen sterben. Bauern beklagen immense Ernteausfälle. Und wegen der schwersten Torfbrände seit langem wird in der Millionenstadt Moskau die Luft zum Atmen immer dünner.

Von ihren kochend heißen Dampfbädern in der Banja sind die Russen einiges an Hitze gewöhnt. Doch nun haben schweißtreibende Temperaturen fast das ganze Riesenreich im Griff. Seit Wochen zeigen die Thermometer in Moskau Tropenwärme um die 35 Grad Celsius an. Es ist der heißeste Juli in der Hauptstadt seit mindestens 130 Jahren, als die Wetterbeobachtung hier begann. Die Moskwa ist schon so warm wie das Schwarze Meer im Sommer: 24,6 Grad.

Russlands Behörden melden Rekordzahlen bei den Badetoten sowie schwere Wald- und Torfbrände. Der Rauch beißt in Augen, Rachen und Nase. Russlands oberster Amtsarzt Gennadi Onischtschenko riet daher Menschen mit Atembeschwerden dazu, ähnlich wie bei den schweren Torfbränden 1972 und 2002 die Luft durch feuchte Tücher zu atmen. Der brenzlige Geruch durchzieht längst große Teile Moskaus. In der Metro wurde die Ventilation auf Maximum gestellt.

Der Gehalt an Schadstoffen in der Luft überstieg am Montag die üblichen Werte um das Achtfache. Alexej Popikow, Experte in der Moskauer Umweltschutzbehörde, empfahl, Aufenthalte im Freien zu vermeiden und die Fenster zu schließen. Auch sonst ist die Stadt mit dem Verkehrschaos auf den oft zehnspurigen Straßen alles andere als ein Luftkurort.

Weil sich die Glut im Moskauer Umland bis tief in die Torfschichten einfrisst, versuchen Helfer jeden Tag über Stunden Dutzende Brände zu löschen. Dennoch verschwanden nun auch Wolkenkratzer im neuen Stadtzentrum Moskwa City in den Rauchschwaden. Der Sauerstoffgehalt in der Luft ist um bis zu 20 Prozent gesunken. "Es ist, als ob Moskau ins Hochgebirge umgezogen wäre", sagte der Chef des Wetterdienstes, Alexander Frolow.

Etwa zehn Grad Celsius über Norm liegen die Juli-Werte. Die Dauerhitze führte zu extremer Trockenheit: Die Wiesen in Moskau sind braun - verbrannt von der Sonne. Auf den Straßen liegen vertrocknete Blätter, als wäre es Herbst.

Massenweise belagern Moskauer die Brunnen der Hauptstadt, stürzen oft in voller Montur ins Nass. Dabei warnen die Behörden immer wieder davor, weil sich im Wasser gefährliche Keime bilden.    

An Badestränden lassen sich Hunderte mit Bier und Wodka volllaufen, gehen dann schwimmen und verlieren oft die Kontrolle. Seit Beginn der Badesaison am 1. Juni sind in Russland mehr als vier Mal so viele Menschen ertrunken wie in Deutschland in einem Jahr: mehr als 2000 Badende. Zudem starben mehrere Passagiere in überhitzten öffentlichen Verkehrsmitteln, auch in der Moskauer Metro.

Einige Hauptstädter flüchten sogar aus ihren Wohnungen, um im Freien zu übernachten. Selbst Familien mit Kindern schlafen auf den Bänken der nicht gerade ungefährlichen Millionenstadt, berichteten Medien. Klimaanlagen und Ventilatoren sind Mangelware.

Vor allem den Bauern macht die Dürre zu schaffen. Etwa 100 000 Quadratkilometer Erntefläche seien verdorrt, schätzt das Landwirtschaftsministerium. Das entspricht dem Fünffachen der Fläche Hessens. Der Schaden: mehr als eine Milliarde Euro. Die Angst vor einem weiteren Anstieg der Lebensmittelpreise wächst. Den Grund für die ungewöhnliche Hitzewelle sieht die Moskauer Gruppe der Umweltschutzorganisation Greenpeace im "Klimawandel".

Immerhin die Eisverkäufer haben Grund zum Jubeln: Nachdem die Moskauer drei Jahre hintereinander immer weniger Eis schleckten, brummt der Absatz wieder. In der Hauptstadt mit den mehr als zehn Millionen Einwohnern werden pro Tag 250 Tonnen Eis verkauft. Das sind 40 Prozent mehr als im vorigen Sommer.

Ulf Mauder, DPA DPA

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