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Myanmar: Kampf um 150 Gramm Reis am Tag

Der Zyklon "Nargis" hat ihnen alles genommen - jetzt kämpfen die Bewohner von Rangun, Bogalay und anderen Städten in Myanmar ums nackte Überleben. Und sie sind froh, wenn sie auch nur kleinste Mengen an Lebensmitteln ergattern. Wie 150 Gramm Reis.

Ihre Unterlippe zittert. Fest klammert sie sich an das kleine Säckchen Reis, das sie gerade ergattert hat. Khin Myo Win gehört zu den etwa eine Million Menschen in Myanmar, die durch den Zyklon "Nargis" ihr Dach über dem Kopf verloren haben. "Ich bin sehr sehr traurig", sagt sie. Die 34-Jährige ist schwanger und muss zwei Kinder ernähren. Der Zyklon hat ihr alles genommen. Selbst die Mauern ihrer Hütte in einem Armenviertel nahe Rangun stehen nicht mehr.

Eine Minitasse Reis - etwa 150 Gramm - gibt es für jeden Bedürftigen pro Tag. An der Essenausgabe der Behörde drängen sich 100 Menschen. Nur mühsam können die Helfer die Menge zurückhalten. In den Gesichtern mischen sich Erleichterung und Erschöpfung. Ein Baby liegt matt auf dem Boden, von Fliegen umschwirrt. Draußen sind die Bambushütten und Häuser zum Teil von Ästen durchbohrt. Darunter steht Wasser, voller Müll, schwarz und faulig riechend - ebenfalls eine Spur des Zyklons.

Das sind eigentlich Bilder, die weltweit eine Welle der Hilfsbereitschaft auslösen könnten, nur ist die Militärregierung des abgeschotteten Landes wenig daran interessiert, dass ausländische Medien frei über die Katastrophe berichten. Reporter sind unerwünscht. In Rangun lauern die Aufpasser überall. "Wir werden verfolgt", sagt eine Katastrophenhelferin. Das ist im Land der Junta kein Satz aus einem James-Bond-Film, sondern bittere Realität.

Nur der Flughafen ist blitzblank

Was der Zyklon angerichtet hat, ist schon beim Anflug auf Rangun zu sehen. Bäume und Strommasten sind umgeknickt wie Strohhalme. Hat man den blitzblanken Flughafen verlassen, führt der Weg in die Stadt durch teils meterhohe Mauern aus entwurzelten Büschen und abgesägten Ästen. Sowohl die Universität als auch das Gebäude des staatlichen Fernsehens wurden vom Sturm getroffen.

Riesige Reklametafeln hat der Zyklon in Blechknäuel verwandelt. Soldaten sind noch immer dazu abkommandiert, die Berge von Buschwerk zu räumen. Bagger und schweres Gerät gibt es nur vereinzelt. Vor den Tankstellen stehen Taxis und Autofahrer, die Schlangen sind kilometerlang. Der Benzinpreis hat sich verdoppelt.

Die kleinen Läden und Restaurants am Straßenrand haben wieder geöffnet. "Langsam kommt es hier zurück zum normalen Leben", sagt Marcel Wagner von der Hilfsorganisation ADRA. Aber Strom und Wasser gibt es auch fast eine Woche nach dem Zyklon nicht, wie der Schweizer erzählt. Das Ausmaß der Katastrophe in Myanmar steht noch längst nicht fest. Noch immer haben Hilfsorganisationen Schwierigkeiten, in das Delta des Irrawaddy-Flusses vorzudringen. Dort hat der Zyklon die größten Verwüstungen angerichtet.

Rund um die Millionen-Metropole Rangun scheint zumindest das Gröbste überstanden. Umgefallene Strommasten dienen als Wäscheleine. Das Gestrüpp ist einigermaßen an den Rand geräumt. Khin Myo Win, die Bewohnerin des Armenviertels, hat einen großen Wunsch: "Mein Haus soll wieder aufgebaut werden, meine Kinder sollen wieder zur Schule gehen können", sagt sie. Ihre Tränen sind getrocknet.

DPA / DPA
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