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Nach dem Erdbeben in Haiti: Das Leid der Überlebenden

Auf jedem freien Fleckchen Erde in Port-au-Prince haben die Überlebenden des Erdbebens in Haiti Zeltstädte aufgebaut und richten sich in ihrer elenden Situation allmählich ein. Es mangelt an Planen, Nahrung und Wasser und die Trauer über die Toten sitzt noch immer tief.

An einer Hauswand in Port-au-Prince hängt ein handgemaltes Schild: "Nou bezwen" steht da, und wer Französisch kann und laut liest, versteht auch Kreolisch: "Wir brauchen Hilfe". Alle paar hundert Meter hängen solche Plakate in der Hauptstadt von Haiti, die meisten von ihnen auf Englisch, damit die ausländischen Helfer sie auch begreifen. In Seitengassen, Parks und auf Grünstreifen haben die Opfer des Erdbebens ihre Lager aufgebaut. Knapp drei Wochen nach der Katastrophe mit schätzungsweise 180.000 Toten richten sich viele auf Dauer in den Notunterkünften ein.

"Wir brauchen dringend Zelte, bevor der Regen kommt", sagt Jean, ein junger Mann auf dem Champ de Mars. "Wir haben alles verloren, und eines meiner drei Kinder ist krank", sagt er. Die Parkanlage hinter dem zerstörten Präsidentenpalast ist zu einem riesigen Obdachlosenlager geworden. Manche der Behausungen aus Latten und Laken erinnern an Nomadenzelte. Mehrere Familien haben sich auf dem Spielplatz eingerichtet und das Klettergerüst zu einer Unterkunft ausgebaut. An Laternenpfählen sind Seile befestigt, wer zwischen den Zelten entlanggeht, muss sich ständig bücken.

Im Chaos blüht der Menschenhandel

"Wollen Sie nicht eins meiner Kinder nach Europa mitnehmen?", fragt eine Frau, und sie scheint es ernst zu meinen. "Ich weiß nicht, wie ich hier für sie sorgen soll". Sie sitzt auf dem Boden und flechtet einer ihrer Töchter die Haare. Indes versuchen nicht nur verzweifelte Eltern ihre Kinder außer Landes zu schaffen. Inmitten von Chaos und Not blüht der Kinderhandel, da viele Minderjährige ihre Eltern verloren haben. Zehn US-Bürger wurden bereits festgenommen, weil sie nach Aussage des Sozialministers Yves Christallin versucht hatten, 31 Kinder aus Haiti zu schleusen.

Allmählich organisiert sich das Leben in der Lagern. Jemand hat einen Generator besorgt, der stundenweise mit dem teuer gewordenen Diesel betrieben wird. Ein junger Mann wacht über zwei Mehrfachsteckdosen, in denen Mobiltelefonen geladen werden. Ihr Telefon haben die meisten Erdbebenopfer retten können, weil sie es in der Tasche hatten. "Zum Glück funktioniert das Netz wieder einigermaßen, und ich kann meine Verwandten und Freunde anrufen", sagt Onel. Seine Tastatur ist so abgenutzt, dass er blind tippen muss. Telefonkredit ist in Form von kleinen Rubbelkarten schon für wenige Cent zu kaufen. Viele beschränken sich auf SMS, weil es billiger ist.

In den Lagern ist ein Handel mit dem Nötigsten entstanden: Winzige Portionen Holzkohle, Seifenpulver in kleinen Plastiktüten. Metallschwämme, um die Töpfe sauber zu kratzen. Eine alte Frau frittiert Kartoffelscheiben. Der Duft von Bratkartoffeln mischt sich mit dem scharfen Geruch der kleinen Kohlenfeuer. Hühner und Kinder laufen aufgeregt zwischen den Zelten hin und her. Ein Junge lässt einen selbst gebastelten Drachen aus einer dünnen Plastiktüte steigen. Ein junges Mädchen seift seinen kleinen Bruder ab, der sich das nur unter lautem Geschrei gefallen lässt. Hilfsorganisationen haben mittlerweile Toiletten und Wasserstellen organisiert.

Präsident Préval fordert mehr Einfluss

Präsident René Préval lobt unterdessen zwar die Hilfsaktionen der Länder, fordert jedoch, dass die haitianische Regierung besser in den Wiederaufbau eingebunden werden und mehr Einfluss ausüben müsse. Die Regierung will demnächst auch einen eigenen Nothilfe-Koordinator ernennen.

In den Zeltlagern ist die Stimmung dagegen entspannt, viele scheinen sich an die Katastrophe gewöhnt zu haben - eine mehr nach den zahlreichen Wirbelstürmen, die das Land in der Vergangenheit mehrfach verwüsteten. Aber von der quirligen Lebensfreude, für die die Karibik bekannt ist, ist nichts zu spüren. Die Trauer über die vielen Toten sitzt tief. Ein alter Mann hat seine Gitarre aus den Trümmern gerettet. Er hockt in der Abendsonne am Fuß der Statue des früheren Präsidenten Alexandre Pétion und improvisiert eine traurige Melodie.

Ulrike Koltermann, DPA/AFP / DPA