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Nach dem Erdbeben in Japan: Trügerische Idylle in Tokio

Die Deutsche Mareike Dornhege saß in einem Tokioter Café, als das schwere Erdbeben Japan erschütterte. Doch nun scheint in der Hauptstadt alles beim Alten. Während sich die Welt um das Inselreich sorgt, herrscht in Tokio eine trügerische Idylle.

Von Mareike Dornhege, Tokio

Gestern Nachmittag waren die Straßen in Tokios Vergnügungsviertel Shinjuku für einen Samstag ungewohnt leer. Einerseits war es befreiend, allein auf den sonst überfüllten Bürgersteigen entlang zu laufen, andererseits war die Atmosphäre am helllichten Tag auch etwas gespenstisch. Gegen Abend wurden in den japanischen Medien erste Informationen zum Stand um das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi bekannt gegeben: Man sprach von einer Explosion in einem der Schutzwälle des Reaktors. Von Kernschmelze war noch mit keinem Wort die Rede. Die Menschen reagierten größtenteils mit Gleichmut.

Die Regale vieler Supermärkte waren bis aufs Letzte ausgeräumt. In Spätverkäufen hamsterten viele Japaner noch Lebensmittel, Taschenlampen, Atemschutzmasken und Trockenshampoo – alles was man eventuell gebrauchen könnte, sollte es weder Wasser noch Strom geben und könnte man tagelang das Haus nicht verlassen. Aber wird man das Haus für längere Zeit nicht verlassen können? Und ab wann? Gibt es schon erhöhte Strahlungsmessungen in Tokio? Niemand weiß etwas Genaues, man tauscht sich über Telefon und Facebook darüber aus, was man wo gelesen oder gehört hat.

Die Facebook-Status-Updates einiger Japaner und hier lebender Ausländer geben Aufschluss über den derzeitigen Gemütszustand: "Ich glaube, das wird nicht schlimmer, als wie wenn ich ein paar mehr Zigaretten rauche", schreibt jemand, oder "Ich gehe nicht mehr aus dem Haus, bis ich mehr Informationen habe." Manche Facebook-Nutzer sind in Panik: "Japan ist zum Krisengebiet geworden, wir können nicht mehr vor die Tür gehen, es gab in der Nacht schon kein Gas mehr und die Wirtschaft geht auch den Bach runter. Ich will hier so schnell wie möglich raus!"

In Tokio lässt sich die Katastrophe leicht vergessen

Die Flughäfen Narita und Haneda sind nur zu 70 Prozent in Betrieb, noch gezeichnet vom Erdbeben, viele Flüge sind ausgebucht. Vor allem Ausländer verlassen das Land, die Japaner vertrauen auf die weisen Worte ihres Präsidenten: Ruhe bewahren und Stellung halten. Gegen 22 Uhr gab es weitere Nachbeben, die die Züge kurzzeitig wieder lahmlegten. Das Nachtleben kam früher zum Erliegen als sonst.

Heute sieht das Bild ganz anders aus: Es ist ein strahlender Frühlingstag und die meisten Geschäfte haben wieder normal geöffnet. Im beliebten Shinjukugyoen Park finden sich Familien zum Picknick ein und bestaunen die sich öffnenden Kirschblüten. Auch die ersten Shopaholics sieht man wieder mit Tüten bepackt durch die Straßen laufen, Cafés und Restaurants sind gut gefüllt. Strom-, Gas- und Wasserversorgung laufen reibungslos, ebenso der Zugverkehr. Wer jetzt hier im Park auf seiner Decke liegt, die Kirschblüten bewundert und die Familien und Pärchen beobachtet, kann wirklich schnell vergessen, was gerade 250 Kilometer weiter nördlich passiert.

Von Kernschmelze war bisher noch immer keine Rede, genauso wenig wurden Warnungen über erhöhte Strahlung oder die Möglichkeit, das diese den Raum Tokio erreichen könnte, bekannt gegeben. Vergleicht man dieses Bild mit den Horrorszenarien, die sich die internationalen Medien ausmalen, kann leicht der Eindruck entstehen, die japanische Regierung halte wichtige Informationen zurück. Am meisten interessiert die Menschen, wann in welchen Provinzen morgen für jeweils drei Stunden der Strom abgestellt wird.

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