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Buch "Flic" Französischer Undercover-Reporter beobachtet Polizeigewalt: "Sie fühlen sich unantastbar"

Polizist in Paris
Ein französischer Polizist in Paris
© Getty Images
Sechs Monate lang hat ein französischer Journalist als Polizist in Paris gearbeitet. Er beobachtete Gewalt, Beleidigungen und Willkür bei seinen Kollegen – vor allem gegenüber Jugendlichen und Migranten.

Der französische Investigativreporter Valentin Gendrot hat sich bei der Pariser Polizei eingeschleust und dort im Rahmen einer Undercover-Recherche sechs Monate verbracht. In dieser Woche hat Gendrot das Buch "Flic" (auf Deutsch: Polizist) veröffentlicht, in dem er über seine Zeit bei der Polizei schreibt. Seine Beobachtungen sind besorgniserregend – und sie passen leider in das Bild, das viele Menschen nach den jüngsten Meldungen über Polizeigewalt und Willkür haben.

Im "Guardian" berichtet Gendrot unter anderem von Gewalt und Beleidigungen, insbesondere gegenüber Minderheiten. Einmal sei er sogar dazu gedrängt worden, in einem Verfahren Beweise gegen einen jungen Mann zu fälschen, der von einem Polizisten geschlagen worden war. "Was mich erstaunt, ist, wie unantastbar sie sich fühlen, als gäbe es nichts Übergeordnetes, keine Überwachung durch die Hierarchie, als ob sich ein Polizist – seinem freien Willen oder seinem Gefühl in dem Moment folgend – aussuchen könne, ob er gewalttätig sein möchte oder nicht", schreibt Gendrot.

Bericht eines Undercover-Reporters: Beleidigungen sind bei der Polizei an der Tagesordnung

Das Buch des Journalisten, der zuvor schon einige Investigativrecherchen durchgeführt hatte, wurde vorab nur drei Medien zugänglich gemacht – darunter die britische Tageszeitung "The Guardian". Gendrot trat der Polizei 2018 bei und wurde nach einigen Monaten Ausbildung in einem der nördlichen Arrondissements von Paris eingesetzt. Diese Stadtteile gelten als besonders problematisch. Sein Lebenslauf und sein biografischer Hintergrund seien nie überprüft worden, sagte der Reporter dem "Guardian".

Bei der Arbeit habe er ständig "rassistische, homophobe oder sexistische" Kommentare von Kollegen gehört, berichtet Gendrot. "Es war schockierend für mich zu hören, wie Polizeibeamte, die Vertreter des Staates sind, schwarze oder arabischstämmige Menschen 'Bastard' nennen. Aber jeder hat es getan." Einige Polizisten hätten fast täglich Jugendliche misshandelt. Der 32-Jährige schildert laut "Guardian" unter anderem, wie Kollegen von ihm im Laderaum eines Polizei-Vans einen Teenager mit Migrationshintergrund verprügelten. Der Vorfall wurde nie aktenkundig.

Möglich sei das durch ein "Clan-ähnliches" System, wie es Gendrot beschreibt. Polizisten verteidigen und decken sich gegenseitig, so müssen sie keine Konsequenzen fürchten. Jugendliche oder Migranten würden von vielen Kollegen entmenschlicht: "Sie sehen nur noch Kriminelle." So sei der Weg zur Gewalt nicht weit.

Nur wenige Polizisten sind gewalttätig – die aber ständig

Gendrot legt Wert darauf, dass diese Beobachtungen nur seine eigenen sind, ein Protokoll dessen, was er während seiner Zeit bei der Polizei erlebt hat. Er habe kein Buch gegen die Polizei schreiben wollen: "Es ist der Tatsachenbericht des Alltags eines Polizisten in einem schwierigen Teil von Paris." Seine Erlebnisse werfen dennoch viele Fragen über die Rolle der Polizei auf und die Art und Weise, wie diese mit ihrem staatlichen Gewaltmonopol umgeht.

Absolut verallgemeinern darf man diese Erkenntnisse nicht, sagt auch Valentin Gendrot, und macht damit ebenfalls einen wichtigen Punkt: Die Mehrheit der Polizisten geht ihrer Arbeit gewissenhaft und zuverlässig nach. "Es war immer nur eine Minderheit der Polizisten, die gewalttätig waren", sagte Gendrot dem "Guardian". "Aber die waren immer gewalttätig."

Quelle: "Guardian"


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