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Kardinal George Pell vor Gericht: Fast-Papst oder Kinderschänder - wer ist der Mann, über dessen Prozess niemand berichten darf?

George Pell ist der ranghöchster Vertreter der katholischen Kirche, der wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht steht. Doch das ist nicht der Grund, warum in Australien niemand über den Prozess des Jahres berichten darf.

Kardinal George Pell

George Pell vor Beginn des Prozesses in Melbourne. Der einst höchste Katholik des Landes muss sich in neun Fällen wegen Kindesmissbrauchs vor Gericht verantworten

DPA

Auf diesen Prozess hat ganz Australien monatelang hingefiebert - und dennoch darf darüber in der Presse kein Wort verloren werden. George Pell, einst der oberste Katholik des Landes, kommt vor Gericht. Dem Kurienkardinal, der bis vor einem Jahr als oberster Finanzberater von Papst Franziskus die Nummer Drei im Vatikan war, werden diverse sexuelle Übergriffe vorgeworfen.

Doch obwohl ganz Australien längst über die einzelnen Anklagepunkte diskutiert, finden sich kaum Berichte in den Medien des Landes. Was an den extrem strengen Regeln des Landes zur Prozessberichterstattung liegt. Das Bezirksgericht des Bundesstaates Victoria hat verfügt, dass kein Journalist über das Verfahren berichten darf, um die zwölf ehrenamtlichen Geschworenen nicht zu beeinflussen.

Der "Super-Maulkorb", wie ihn die "Süddeutsche Zeitung" nennt, regt gerade viele Presseleute in Australien auf. Paul Barry, Anchorman der Investigativ-Sendung "Media Watch", witzelte, wenn seine nächste Sendung aus dem Gefängnis käme, wüssten die Zuschauer, warum. Bloß weil er angedeutet hatte, dass es demnächst einen doch irgendwie recht interessanten Prozess geben könnte.

Kardinal George Pell steht in Australien seit Jahren im Zentrum von Missbrauchsvorwürfen

Das von der australischen Justiz vorgeschriebene Berichterstattungsverbot ist auch deswegen so absurd, weil der Mann, um den es geht, in den letzten Jahren immer wieder im Zentrum von Vorwürfen wegen sexuellen Missbrauchs gestanden hat. Pell ist in Australien heftig umstritten wegen seiner Rolle bei der Vertuschung von Sexualdelikten durch dutzende von Priestern und Kirchenvertretern. Tausende Fälle sexueller Übergriffe durch Kirchenleute waren in den letzten Jahren bei verschiedenen Untersuchungen ans Tageslicht gekommen, immer wieder fiel dabei auch Pells Name, der als höchster Katholik Australiens versucht haben soll, die Opfer zum Schweigen zu überreden.

Monatelang hatte sich die Vorprüfung gegen den 76-jährigen Gottesmann hingezogen. Zur Bekanntgabe der Entscheidung musste der Kardinal persönlich vor dem Amtsgericht Melbourne erscheinen - der Stadt, in der er früher Erzbischof war. In neun Fällen, so entschied Richterin Belinda Wallington Anfang Mai, gebe es ausreichend Hinweise, um die Vorwürfe von einer höheren Instanz prüfen zu lassen. Pell äußerte sich vor Gericht erstmals selbst. Er bezeichnete sich als "nicht schuldig".

Konkrete Details der Anklage sind - siehe Super-Maulkorb - bislang nicht publik geworden. Es kursieren jedoch Beschwerden von sexuellen Missbrauchs, die bis in Pells Zeit als Priester in seiner Heimatgemeinde Ballarat (1976-1980) und als Erzbischof von Melbourne (1996-2001) zurückreichen. Die Rede ist von Kindern, die Pell in einem Schwimmbad seiner Heimatstadt bedrängt haben soll. Später, als Erzbischof von Melbourne, soll er in der Sakristei der Kathedrale zwei Chorknaben zum Oralsex gezwungen haben. So schreibt es jedenfalls die Journalistin Louise Milligan in ihrem Buch "Cardinal", das - natürlich - derzeit in Australien ebenfalls nicht verkauft werden darf.

Es ist ein beispielloser Abstieg eines Mannes, der einst sogar als der nächste Papst gehandelt wurde: 2005, nach dem Tod von Johannes Paul II., und 2013, nach dem überraschenden Rücktritt von Benedikt XVI., galt der Australier als aussichtsreicher Kandidat für das höchste Amt der katholischen Kirche auf Erden. Daraus wurde nichts. Aber immerhin brachte es Pell im Vatikan zum Finanzchef, zur inoffiziellen Nummer drei des Kirchenstaats, zu einem der engsten Vertrauten von Papst Franziskus.

Ist Pell der Sündenbock für die Verfehlungen von Australiens katholischer Kirche?

Pells Anwalt Robert Richter tat die Vorwürfe gegen seinen Mandanten als "Produkte der Fantasie, psychischer Probleme oder reine Erfindungen" ab. Aus Sicht der Verteidigung soll Pell zum Sündenbock für die Verfehlungen von Australiens katholischer Kirche gemacht werden.

Davon gibt es jede Menge. Eine staatliche Kommission fand heraus, dass zwischen 1950 und 2015 in Australien Zehntausende Kinder Opfer sexueller Gewalt wurden - meist in Einrichtungen der Kirche. Allein aus Pells Heimatgemeinde Ballarat sagten 139 Leute aus, sexuell missbraucht worden zu sein. Von den 21 Tätern waren 17 Priester. Pell, so die Kommission, war zumindest an Vertuschung beteiligt.

Für Papst Franziskus bedeutet die Anklage gegen seinen Vertrauten einen peinlichen Rückschlag. Der Argentinier hat immer wieder bekräftigt, in Sachen Missbrauch ein "Null-Toleranz-Prinzip" zu verfolgen. Für die Zeit des Prozesses ist Pell zunächst einmal beurlaubt worden, bleibt aber gegen Kaution auf freiem Fuß. Seinen Reisepass musste er allerdings abgeben. Solange der Prozess dauert, kann der Kurienkardinal also nicht zurück in den Vatikan. Er lebt nun in seiner alten Heimat in einem Priesterseminar.

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