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Siamesische Zwillinge: Zwei Mädchen, ein Körper - und die unmögliche Entscheidung ihres Vaters über Leben und Tod

Marieme und Ndeye sind siamesische Zwillinge und werden bald drei Jahre alt. Viel weiter kann ihr Vater Ibrahima nicht in die Zukunft blicken: Ihr Leben hängt am seidenden Faden. Und er ist derjenige, der ihn womöglich kappen muss.

Siamesische Zwillinge: Zwei Mädchen, ein Körper - und die unmögliche Entscheidung ihres Vaters über Leben und Tod

Ibrahima ist Vater von Zwillingen - und muss eine geradezu unmögliche Entscheidung treffen (Symbolbild)

Getty Images

Siamesische Zwillinge sind eine Seltenheit für sich. Bei schätzungsweise einer von einer Million Geburten werden zusammengewachsene Zwillinge zur Welt gebracht. Allein dieser Umstand ist selten. Leider sind auch die Überlebenschancen jener Zwillinge von großem Seltenheitswert. 

Insofern sind Marieme und Ndeye eine besondere Ausnahme. Sie werden bald drei Jahre alt, wurden im Senegal geboren und leben mit ihrem Vater mittlerweile in Cardiff, der Hauptstadt von Wales. Sie wachsen jeden Tag, sind lebensfroh und erfreuen sich an ihrem neuen Zuhause. Doch ein Schatten wirft sich über ihrer beider Leben: Marieme ist schwach - so schwach, dass sie sterben könnte. Und ihre stärkere Schwester Ndeye womöglich mit ihr. 

In den kommenden Monaten oder Jahren wird Vater Ibrahima eine Entscheidung treffen müssen. Eine Entscheidung, die eigentlich unmöglich getroffen werden kann: Sollen Chirurgen den Versuch einer Trennung wagen und das Leben beider Mädchen - aber insbesondere von Marieme - riskieren? Oder soll er beide Mädchen gemeinsam sterben lassen? Die britische BBC erzählt ihre Geschichte in einer opulenten Multimedia-Story.

Der Moment der Wahrheit

Es war zwei Uhr morgens, Ibrahima hat noch seine Arbeitsklamotten an. Er sollte eigentlich in Belgien sein, um eine Auszeichnung für sein Engagement bei einer Fahrradtour für wohltätige Zwecke entgegen zu nehmen. Aber der erfolgreiche Projektmanager aus Dakar, der Hauptstadt Senegals, wollte bei der Geburt seiner Tochter dabei sein. Diese verläuft ohne Komplikationen, seine zweite Ehefrau - Ibrahima hat bereits Kinder - bringt ein Mädchen zur Welt.

Zumindest denken sie das.

"Ultraschallbilder haben ein Mädchen gezeigt", erinnert sich Ibrahima, "nur ein Mädchen." Ein Irrtum, wie sich herausstellt. Kurz nach der Geburt, Ibrahima ist kurz Luft schnappen, bittet ihn der behandelnde Arzt Dr. Lamine Cissé um ein Gespräch. "Wir müssen über die Zwillinge reden", sagt er. 

Am 18. Mai 2016 verändert sich sein Leben für immer. "Ich konnte nicht sprechen, mir kamen die Tränen. Ich trat gegen Dinge und war wütend auf Gott", schildert Ibrahima der BBC den Moment der Wahrheit. Den Moment, der sein Leben radikal auf links drehen wird. 

Einige Stunden später, gegen fünf Uhr morgens, begegnet er seinen Töchtern zum ersten Mal. "Sie waren winzig, sie wogen gerade Mal 3,8 Kilogramm", erinnert sich Ibrahima. "Ich habe nicht verstanden, wie sie gebaut sind. Ich habe vier Beine erwartet, aber da waren nur zwei." Dann sah er den zusammengewachsenen Arm. "Sie sahen mich beide an - und ich erstarrte."

Ibrahima konnte nicht aufhören zu weinen. Er war verzweifelt, übermannt von der komplizierten Situation. "Wenn du damit nicht aufhörst, wie wird das Leben der Mädchen aussehen? Was wird ihnen passieren, wenn du schwach bist?", fragt ihn Dr. Lamine Cissé. "Das ist die Herausforderung deines Lebens und du solltest besser bereit sein." Ibrahima nimmt die Herausforderung an.

"Es dämmerte mir langsam, wie sehr sie meinen Schutz brauchten"

Er hat eigentlich keine andere Wahl: Er wird mit vielen Herausforderungen konfrontiert - sie offenbaren sich eigentlich schon unmittelbar nach der Geburt von Marieme und Ndeye. Die erste ist, klar, medizinischer Natur. Die zweite ist kulturell bedingt: Im Senegal, so fortschrittlich das westafrikanische Land auch sein mag, ist Aberglaube weit verbreitet. "Da gibt es Ignoranz", erzählt Ibrahima der BBC. Behinderungen werden auch als "Bestrafung von Gott" angesehen oder gar mit "Hexerei" in Verbindung gebracht. "Es dämmerte mir langsam, wie sehr sie meinen Schutz brauchten", so Ibrahima.

Es begann mit der Verlegung von Marieme und Ndeye in ein Krankenzimmer, dass von der Öffentlichkeit abgeschirmt ist - Besucher hätten bereits Fotos von seinen Töchtern gemacht, ungläubig und erschrocken, was sie da sahen.

Wie es im Körper der beiden aussieht, wurde mit der Zeit klarer: Beide Mädchen haben je ein Gehirn, Herz und Lungen. Jedoch teilen sie sich eine Leber, eine Blase und ein Verdauungssystem. Zwar haben sie jeweils einen eigenen Magen, doch diese sind miteinander verbunden. Dazwischen liegen drei Nieren. Beide haben Kontrolle über ihren zusammengewachsenen Arm. Doch Ndeye, sozusagen der stärkere Zwilling, ist diejenige, die ihn in der Regel benutzt.

Bleibt nur die Frage: Wie geht es nun weiter? Darauf haben die Ärzte in Dakar offenbar keine Antwort. "Niemand hat Experten kontaktiert", erinnert sich Ibrahim, "sie haben nur gewartet, bis sie (die Zwillinge, Anm. d. Red.) sterben." Darauf will Ibrahima nicht warten.

Das Leben steht Kopf

In jeder freien Minute recherchiert er. Er fragt Experten und Krankenhäuser in aller Welt an - in Frankreich, Deutschland, Belgien. Die Antworten sind ernüchternd. Schließlich wird er über Umwege in London fündig. Die Stiftung von Marieme Faye Sall, der First Lady Senegals, schießt der Familie Geld zu. Aus Dankbarkeit benennt Ibrahima seine Tochter Marieme nach der Präsidentengattin.

Marieme Faye Sall, Senegals First Lady

Macky Sall (l.), Präsident des Senegal, und seine Frau Marieme Faye Sall

AFP

Im Januar 2017 trifft die Familie auf Dr. De Coppi in London. Es werden Tests gemacht, während Ibrahimas Leben sich radikal ändert: Ihm fehlt Geld, er beantragt Asyl in Großbritannien, seine Familie im Senegal wird obdachlos, seine Frau kehrt ihm und den Zwillingen den Rücken  - die Vita des einst erfolgreichen Projektmanagers ist plötzlich ein großes pures Chaos. Und bekommt im Frühling 2017 einen zusätzlichen Dämpfer, als ihm die Ärzte sagen: Wenn Marieme und Ndeye getrennt werden, ist ihr Tod wahrscheinlich. "Als ich die Situation kannte, wollte ich nicht weitermachen", so Ibrahima zur BBC. "Wie sollte ich auch?" 

Die Zukunft der Zwillinge

Rund ein Jahr später, im März 2018, findet der Asylbewerber in Cardiff (Wales) eine neue Heimat. Dort leben er und seine Töchter in einer kleinen, beschaulichen Wohnung. Marieme und Ndeye können mittlerweile einige Wörter sprechen, sie lachen viel. Laufen können sie noch nicht, aber das kommt vielleicht bald.

Doch die Zeit rennt: Ärzte warnen, dass Mariemes Herz von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr schwächer werden wird. Zurzeit hält sie Ndeye gewissermaßen am Leben, schreibt die BBC. Marieme zährt von Ndeyes Körper, erhält zusätzlich Sauerstoff durch das Herz ihrer Schwester und hat nur genug Nahrungszufuhr durch ihre verknüpften Mägen. Ende 2018 teilen die Ärzte Ibrahima mit, dass es so nicht lange weiter gehen kann: Sollte Marieme sterben, könnte die Rettung für Ndeye zu spät kommen.

Die Frage, ob die Ärzte die Zwillinge separieren soll, beschreibt Ibrahima als "schwarzes Loch". Es gibt kein Szenario, dass mit keinem Risiko verbunden ist. Er kann keine Entscheidung treffen. Noch nicht, mindestens. Nur so viel kann er der BBC sagen: "Ich habe durch ihr Leben verstanden, was das Leben ist. Meine Mädchen sind Kriegerinnen und die Welt soll das wissen."

Quelle: BBC, "Netdoktor"

fs