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Tödliche Unfälle in den Alpen: Der Berg ruft, der Tod auch

Bei drei Unfällen sind in dieser Woche bereits acht Bergsteiger gestorben. Ist Hochtour-Kletterei ein Hobby für Lebensmüde? Nein, sagen Kenner, die meisten Unfälle passieren auf einfachen Wegen.

Von Niels Kruse

Der Berg gilt als verhältnismäßig leicht, und doch sind hier, auf 4000 Meter Höhe, im dritten Jahr in Folge Bergsteiger ums Leben gekommen. Der jüngste Unfall am Lagginhorn im Wallis liegt wenige Tage zurück: Fünf Deutsche stürzten beim Abstieg vom Gipfel 400 Meter in die Tiefe. Und nun sind zwei Kletterer am Eiger gestorben, sowie ein Mann im Allgäu.. So fürchterlich es klingt, es sind "nur" acht Menschen von deutlich mehr als 100, die jedes Jahr allein in der Schweiz ums Leben kommen. 2011 waren es 151, im Schnitt stirbt dort jeden dritten Tag einer. Begibt sich jeder, der dem Ruf des Berges folgt, in Lebensgefahr?

So widersprüchlich es auf den ersten Blick klingt - bei Hochtouren, wie Wanderungen ab einer Höhe von 3000 Meter genannt werden, passieren weniger Unglücke als bei einfacheren Ausflügen. Der Deutsche Alpenverein (DAV) hat 2011 40 seiner Mitglieder durch Wanderunfälle verloren, davon sieben bei Kraxeleien auf vergletscherten Höhen. Der Grund ist einfach: "Auf Hochtouren ist es unbedingt notwendig, vorsichtiger und umsichtiger zu handeln als zum Beispiel auf markierten Wanderwegen", sagt Thomas Bucher vom DAV. Die häufigste Unfallursache in den Bergen sei schlichtes Stolpern, so der Alpinexperte - was schon auf normalen Wegen lebensbedrohlich werden kann.

Bergwandern: Nervenkitzel, aber letztlich harmlos

Der Wandersoziologe und renommierte Autor Rainer Brämer ist dennoch verblüfft, wie gefährlich Alpentouren sind. Vor ein paar Jahren habe er Zahlen ausgewertet, wonach Bergsteigen statistisch riskanter ist, als Auto zu fahren. "In allen anderen Bereichen würde man wahrscheinlich eindringlich vor den offensichtlichen Gefahren warnen, nur beim Bergsteigen geschieht das nicht", sagt Brämer. Im Gegenteil: Die Alpen-Werbung suggeriere stets, dass Bergwandern zwar Nervenkitzel, aber letztlich harmlos sei.

Dabei geht laut DAV die Zahl der Todesopfer in den letzten Jahrzehnten stetig zurück - zumindest bei den eigenen Mitgliedern. "Das hat vor allem damit zu tun, dass sowohl die Ausrüstungen immer besser werden, Können und Kondition ebenfalls, aber auch so scheinbar nebensächliche Dinge wie Wettervorhersagen", wie Thomas Bucher sagt. Als Schwachpunkt hat der Verein mit seinen fast eine Million Mitgliedern die Ausbildung ausgemacht. Denn besonders Hochtouren verlangen den Kletterern einiges ab: Eine gute Kondition und Schwindelfreiheit ist Grundvoraussetzung genau wie Trittsicherheit und die Fähigkeit, einen Berg lesen zu können. Sprich: Zu erkennen, welcher Weg kletterbar ist und welcher nicht.

War die Gruppe fit genug?

Ob die nun verunglückte Sechser-Gruppe fit genug für einen 4000er war, ist noch nicht geklärt. Einige Indizien aber weisen darauf hin, dass dies nicht der Fall war. Der Weg von der Weissmieshütte, wo die Bergsteiger die Nacht verbracht hatten, liegt rund 1300 Höhenmeter vom Gipfel des Lagginhorn entfernt, ein Weg für den man laut Alpenvereins rund dreieinhalb Stunden braucht. Doch die Gruppe war fünf Stunden unterwegs, was also eher langsam ist. Auch der Umstand, dass der überlebende Vater 100 Meter vor dem Gipfel aufgeben musste, könnte ein Hinweis darauf sein, dass die eigentlich leichte Tour zu viel für den Bergsteiger war. Immerhin: Die Gruppe hatte rechtzeitig mit dem Abstieg begonnen. Denn im Wallis ziehen nachmittags Gewitter auf. Dann gilt es, möglichst weit weg vom Gipfel zu sein, an dem sich die Blitze entladen.

Die genaue Absturzursache wird derzeit von den Schweizer Behörden untersucht. Sicher ist bislang, dass die Hobby-Alpinisten nicht angeseilt waren und somit ein "Mitreißunfall" ausgeschlossen werden kann. Aber ob die Bergwanderer ausgerutscht oder wegen einer Lawine in die Tiefe gestürzt sind, wird sich erst in den nächsten Tagen klären. Oft unterschätzt wird beim Klettern auch der psychologische Faktor. "Selbst erfahrenden Bergsteigern kann bang in der Buxe werden", sagt Rainer Brämer. Doch Angst führe zu Verkrampfung und durch Verkrampfung verliere man die Trittsicherheit. Ein Teufelskreis, der nicht selten Unfälle nach sich zieht.

Die Deutschen mögen das Mittelgebirge

"Die Hälfte aller großen Bergsteiger sind den Bergtod gestorben", sagt der Wanderforscher. Und nicht selten deshalb, weil sie nicht genug davon bekommen konnten, es sich selbst beweisen zu wollen. Diese "Heldenkletterer", wie Brämer sie nennt, gibt es natürlich auch unter ambitionierten Amateuren. Doch sie sind in der Minderheit, die meisten Deutschen bevorzugen das bequeme Mittelgebirgswandern. "Viele Wege werden mittlerweile entschärft, neugeschaffene Ersatzpfade weichen gefährlichen Steilabhängen aus, Bergwandern ist nur für einige wenige ein lebensgefährlicher Extremsport. Thomas Bucher: "Bergsteigen ist sicherer geworden, doch ein Restrisiko bleibt und das gilt es zu minimieren."