VG-Wort Pixel

Tokio nach der Katastrophe Arrangement mit dem Ausnahmezustand


Tokio, zwölf Tage nach dem Beben: Die Ausländer kehren zurück, eine Massenevakuierung bleibt eine apokalyptische Vision - doch von Normalität ist kaum eine Spur in Japans Hauptstadt.
Von Mareike Dornhege, Tokio

Normalität fühlt sich anders aus - und sieht anders aus. Die Züge in Tokio fahren auf Notfallplänen, was die auch sonst schon überfüllten Pendlerzüge zum Bersten bringt. Nach wie vor sind die Regale in vielen Super- und Minimärkten leer. Sie kommen mit der Versorgung von bestimmten Lebensmitteln und Produkten noch immer nicht nach. Tägliche, geplante und teilweise auch ungeplante Stromausfälle erschweren das Leben und Arbeiten, ganz zu schweigen von Radioaktivität in Luft und Trinkwasser und der nicht enden wollenden Welle von Nachbeben. Und das Damokeles-Schwert Fukushima 1 schwebt noch immer über der Megametropole Tokio. Wie arrangiert man sich permanent mit solchen Umständen?

Die Bilder von Japanern mit Atemschutzmasken darf man in diesem Zusammenhang jedoch getrost ignorieren. Die Pollensaison in Japan hat begonnen, viele Tokioter tragen daher im Frühjahr Masken. Mit Schutz vor Radioaktivität hat das nichts zu tun, sondern mit Schutz vor Bakterien. Die leergeräumten Regale, in denen sonst abgefülltes Wasser in Flaschen und Kanistern steht, dürften schon eher ein Hinweis darauf sein, dass sich die Bevölkerung um das im Leitungswasser nachgewiesene radioaktive Jod sorgt.

Und auch das Benzin bleibt knapp. "Ich fahre jeden morgen mit dem Motorrad zur Arbeit, jetzt muss ich Angst haben, liegen zu bleiben. Aber auf die Pendlerzüge umzusteigen, ist jetzt ja noch schlimmer als sonst", berichtet ein junger Japaner, der jeden Tag zwischen der "Schlafstadt" Chiba und Tokio pendelt.

Alles "süß" - selbst in der Krise

Doch selbst zu Krisenzeiten ist in Japan alles "kawaii", süß auf Deutsch. Die in den letzten Tagen extrem beliebte iPhone Applikation "Yurekure" ("Ein Erdbeben kommt") wird von einem kleinen Wels geziert und schickt Warnmeldungen aufs Handy, sollte ein Beben im Anmarsch sein. Der Legende nach lebt ein riesiger Wels in der Bucht von Tokio. Die meiste Zeit schläft er, wenn er sich dabei ab und zu einmal umdreht, gibt es die schwachen Erdbeben, die man in Japan das ganze Jahr über immer wieder erlebt. Doch wenn der Wels alle 80 Jahre aufwacht, gibt es die gefürchteten großen Beben in der Kantoregion um Tokio. Seit mittlerweile zwölf Tagen wird die Region fortwährend von Erdbeben und Nachbeben geschüttelt, das letzte Beben heute morgen um etwa halb acht hatte sein Epizentrum in Fukushima und war auch in Tokio deutlich zu spüren.

Was sich aus deutscher Sicht betrachtet furchtbar anstrengend anhören mag und vielleicht sogar einige an Umstände in einer Kriegsnation erinnern mag, ist für die meisten hier vorerst Alltag. Die Japaner praktizieren "Ganman", sie ertragen die Umstände. Und viele der verbliebenen Ausländer sind mittlerweile aus ihrem Exil in Süd- oder Westjapan wieder nach Tokio zurückgekehrt, da sie oft unbezahlten Urlaub genommen haben und nicht viel länger fortbleiben können oder wollen. "Ganz abgesehen davon geht so ein Aufenthalt auch irgendwann ins Geld", sagt eine deutsche Austauschstudentin, die aus Tokio nach Fukuoka in Südjapan geflohen ist, aber diesen Schritt auch nicht als permanente Lösung ansieht.

Die meisten Japaner haben Tokio erst gar nicht verlassen: Als die Situation um Fukushima Daiichi vergangene Woche sehr angespannt war, bekamen viele von ihrer Arbeitsstelle in weiser Vorraussicht schon einmal eine Warnung. Eine Japanerin, die in einem Theater arbeitet, erzählt: "Wer entschließt, Tokio und seine Arbeitsstelle auf Grund der aktuellen Lage zu verlassen, verliert Anrecht auf sein Gehalt und seinen Arbeitsvertrag. Das wurde uns vergangene Woche von unserer Firma mitgeteilt. Viele Freunde von mir haben mir ähnliches berichtet." Allerdings sind sämtliche Vorführungen momentan eingestellt – sie geht nun jeden morgen ins Büro, um dort zusammen mit ihren Kollegen nach sinnvoller Beschäftigung zu suchen.

Die Rolle der Medien

Bei aller Hinnahme des Unausweichlichen macht sich auch unter Japanern langsam Unmut breit: Warum wurde bei Tepco soviel geschlampt? Warum gehen die Hilfsarbeiten im Norden so langsam voran? Und der Skandal um Feuerwehrleute, die von der Regierung zum Einsatz an Fukushima 1 unter Androhung von Strafen gezwungen worden sein sollen, ist mittlerweile auch hier an die Öffentlichkeit gedrungen.

Jedoch fand der Vorfall hier bei weitem nicht die Bedeutung, die ihm in den deutschen Medien beigemessen wurde. NHK, der öffentliche Fernsehsender, verlor kein Wort darüber, die Nachrichtenagentur Kyodo gab die Meldung zwar an internationale Medien weiter, auf ihrer Webseite ist jedoch kein Artikel dazu zu finden. "Wie genau es um die Arbeiter in Fukushima Daiichi steht, davon hören wir kaum etwas. Sowieso werden uns immer die gleichen Bilder gezeigt und die Informationen scheinen mir zu oberflächlich, von Tepco wie von der Regierung. Ich traue beiden nicht mehr, und ich glaube vielen anderen Japanern geht es ähnlich. Aber über so etwas sprechen wir eigentlich nicht", sagt ein Webdesigner aus Tokio.

Also heißt es weiter aushalten - und hoffen. Hoffen, dass in Fukushima die havarierenden Reaktoren wieder unter Kontrolle geraten - und hoffen, dass man der Regierung vielleicht doch vertrauen kann. Denn die stellt auch die täglich veröffentlichen Tabellen mit Strahlungswerten für Luft und Wasser bereit.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker