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Untergang der "Costa Concordia": Italiens Held, Italiens Schande

Gregorio De Falco ist der neue Held Italiens - weil er dem Unglückskapitän der "Costa Concordia" am Telefon die Leviten las. Er gilt als Gegenentwurf zu einem "Land voller Schettinos".

Francesco Schettino als Buhmann zu bezeichnen wäre eine drastische Untertreibung angesichts der Häme, Schmähungen und Beleidigungen, die Italien über den Unglückskapitän der "Costa Concordia" derzeit ausschüttet. Auf Facebook zum Beispiel, dem Echtzeitseismographen großer und kleiner Gefühlslagen, wird ein Feuerwerk von Unmutsbekundungen abgefeuert: Die größte Gruppe trägt den Namen "Kapitän Schettino, geh verdammt noch mal an Bord" - sie hat bislang rund 21.700 Fans. Bittersüß geht die Gruppe "Die Entschuldigungen des Kapitäns Schettino, um nicht auf dem Schiff zu bleiben" mit seinem Versagen um, was knapp 17.000 Leuten gefällt. Bitterböse dagegen die jüngste Gruppe: "Schiffe versenken mit Kapitän Schettino".

Wie groß die Sehnsucht nach wenigstens einem Helden in dem ganzen Unglück ist, zeigt dagegen die Heldenverehrung, die Fregattenkapitän Gregorio De Falco entgegenschlägt. Es war der 46-Jährige, der im Hafenamt in Livorno Dienst hatte, als die "Costa Concordia" kenterte. Und er war derjenige, der dem von seinem eigenen Schiff geflohenen Kommandanten entrüstet die Leviten gelesen hatte: "Geh' an Bord zurück, verdammt!", ist einer seiner Sätze, an denen sich das gescholtene Land derzeit labt.

De Falco koordiniert nonstop die Rettungsarbeiten

Im nächtlichen Funkgespräch mit dem Kapitän konnte De Falco seine Wut nicht verbergen: "Gehen Sie an Bord und sagen Sie mir, wie viele Menschen an Bord sind - ob Frauen, Kinder und Hilfsbedürftige dort sind." Fluchend und drohend redete der Chef der operativen Sektion des Hafenamtes auf Francesco Schettino ein.

Seine eindringlichen Forderungen finden sich in allen Medien - mitsamt den merkwürdigen Antworten Schettinos wie etwa: "Nein, ich bin nicht an Bord, weil das Schiff untergeht." Jeder ist voller Lobeshymnen auf De Falco, der seit dem Unglück nonstop die Rettungsarbeiten koordiniert. Selbst seine beiden kleinen Töchter Maria Rosaria und Carla riefen besorgt bei ihm an. Sie wollten wissen, ob er überhaupt noch lebe und wo er sich aufhalte. "Er hat vor Wut geweint", wird ein Vorgesetzter De Falcos in der römischen Tageszeitung "La Repubblica" zitiert. Demnach sagte De Falco: "Ja, ich weine, aber ich denke nicht, dass das eine Schwäche ist, Menschlichkeit ist keine Schwäche."

De Falco tut einfach nur seine Pflicht

So sehr Facebook Schettino schmäht, so groß ist die Begeisterung für den Hafenkapitän: "De Falco for President" und "Santo subito" hieß es bei Twitter. De Falco sei das Gesicht des besseren Italien und ein Symbol, an das man glauben könne. Er stehe für ein Land, das sich an Regeln halte - "gegen das des Bunga-Bunga", hieß es ebenfalls bei Twitter in Anspielung auf die Affären des ehemaligen Regierungschefs Silvio Berlusconi. Doch sei das Land auch noch "voller Schettinos".

Der schlanke Hafenamts-Kommandant mit dem gelichteten Haarschopf kommt - wie Schettino - aus der Region Kampanien. Er wuchs auf der Insel Ischia auf und zog später zum Berufsstart nach Norditalien. Er arbeitete in Ligurien, leitete drei Jahre lang das Hafenamt von Santa Margherita Ligure. Danach ging es nach Livorno.

De Falcos Frau wundert sich über das viele Lob für ihren Mann. Sie finde es besorgniserregend, "dass Menschen, die einfach nur jeden Tag ihre Pflicht tun, in diesem Land plötzlich Idole werden, Persönlichkeiten, Helden", wird sie in Medien zitiert. Auch De Falco selbst macht nicht viel Aufhebens um sich. "Hört auf, von mir zu reden, bitte", zitieren ihn italienische Medien. "Es ist meine Aufgabe zu retten."

nik/DPA / DPA