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Zugunglück in Belgien: Inferno auf den Gleisen

Zerquetschte Abteile, Notamputationen unter freiem Himmel und mindestens 18 Tote – das Zuginferno von Belgien hat ein ganzes Land in Schockstarre versetzt.

Das Inferno ereignet sich zur morgendlichen Hauptverkehrszeit. Es ist 8.30 Uhr, als die beiden vollbesetzten Pendlerzüge aufeinander zurasen. Die Wucht des Aufpralls hat die Züge buchstäblich abheben lassen. Nach dem schweren Zusammenstoß nahe Brüssel zeigen Fernsehbilder, wie sich die beiden schweren Gefährte gegenseitig zwischen die Oberleitungen empor gedrückt haben. Die Waggons dahinter neigen sich teils bedrohlich zur Seite, einige liegen neben den Gleisen.

Die Katastrophe mitten im morgendlichen Pendlerverkehr ereilt Belgien kaum drei Wochen nach der schweren Gasexplosion in Lüttich mit 14 Toten. Diesmal sind nach amtlichen Angaben mindestens 18 Menschen ums Leben gekommen.

Nahe dem Bahnhof von Halle soll ein Zugführer ein Haltesignal übersehen haben. Warum, ist zunächst unklar, vielleicht waren Schnee und Nebel mit schuld. Sicher ist, dass der aus Löwen kommende Personenzug dann einen anderen Zug rammte, der mit Verspätung unterwegs war. "Wir fuhren langsam, als es ohne Warnung, ohne Hupe oder Bremslärm, eine schreckliche Erschütterung gegeben hat", erzählte ein Krankenpfleger, der wie jeden Werktag mit dem Zug auf dem Weg zur Arbeit nach Brüssel war. Der 36-Jährige saß im Waggon direkt hinter dem Triebwagen. In seinem Abteil habe es "viele Verletzte" gegeben, berichtete der Pfleger. Und fügte mit brechender Stimme hinzu: "Ich habe weiter weg auch Tote gesehen."

Andere Passagiere bezeugten im belgischen Rundfunk schreckliche Szenen: Menschen seien in den Waggons umhergeflogen, Abteile der ersten Klasse regelrecht "zerquetscht" worden. Was ist passiert? "Ich weiß es nicht", sagt eine Frau. Sie habe einen großen Knall gehört, irgendwie habe sie fast unverletzt herausgefunden.

Blutende Passagiere steigen über die Gleise

Anderen Fahrgästen dagegen mussten noch am Unglücksort Gliedmaßen amputiert werden. In mehr als ein Dutzend Krankenhäuser wurden Verletzte eingeliefert, rund 125 waren es nach amtlichen Angaben. Das Fernsehen zeigt, wie Passagiere mit blutigen Köpfen über die Gleise steigen, andere sind unter goldenen Rettungsdecken verborgen. Schnee liegt zwischen den Gleisen und rieselt weiter hinab.

"Es war, als wenn die Erde bebt", sagte der 21- jährige Augenzeuge Wire Leire. Er wohnt nur rund 50 Meter von den Bahngleisen entfernt. "Der laute Knall hat mich geweckt." Mehrere Anwohner kamen aus den kleinen Reihenhäusern gleich neben dem Bahngleis gelaufen und versuchten zu helfen. Viele Opfer befreiten sich aus eigener Kraft aus den Zügen, zerschlugen die Fenster und kletterten aus den Zügen.

Dabei hatten die Verletzten noch Glück im Unglück: Weil sich die Kollision nicht auf freier Strecke ereignete, sondern in bewohntem Gebiet, waren die Retter schnell zur Stelle. "Innerhalb von fünf bis zehn Minuten", bezeugte ein Anwohner.

Zwischen 250 und 300 Menschen waren der SNCB zufolge in den beiden Zügen unterwegs, viele auf dem Weg zur Arbeit in Brüssel, der inoffiziellen Hauptstadt Europas. Einige sind mit einem Schock davongekommen. Mit Aktentasche stapfen sie neben den Trümmern her, das Mobiltelefon ans Ohr geklemmt.

Flanderns Ministerpräsident Kris Peeters erklärte während einer USA-Reise, dies sei "ein neuer schwarzer Tag für Flandern". Belgiens Ministerpräsident Yves Leterme brach eine Balkanreise ab und wurde noch am Nachmittag am Unglücksort erwartet, ebenso wie König Albert II.

Gesten, die dem geschockten Land Trost spenden sollen. Vor nicht einmal drei Wochen erst waren in der Lütticher Innenstadt nach einer Gasexplosion zwei Häuser eingestürzt. In den Trümmern bargen die Retter eine Überlebende und 14 Tote. Kaum, dass vor einigen Tagen der Zugang zu dem demolierten Straßenzug wieder freigegeben wurde, erschüttert jetzt das nächste Unglück die Belgier.

Phillipp Saure, AFP/APN/DPA / DPA